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Ein feuchtes Vergnügen

Gar nicht so einfach, ein Kanu auf Kurs zu halten. Aber wenn man's kann, entdeckt man die Natur ganz neu - zum Beispiel bei einer Paddeltour auf der Werra.

Von Horst Güntheroth

Vor einer Million Jahren, als es noch tropisch warm war an der Werra, paddelten Flusspferde in ihren Fluten. Forscher haben ganz in der Nähe die Überreste ausgegraben. Heute paddeln wir hier mit unserem Kanu. Versuchen, das Gleichgewicht zu halten, kämpfen gegen die Strömung. Die urzeitlichen Viecher waren sicherlich eleganter unterwegs. Eine Kiesbank stoppt unsere Fahrt nach nicht mal 20 Metern! Einer muss ins kalte Wasser steigen und die Lage klären.

Im thüringischen Creuzburg nahe der Wartburgstadt Eisenach haben wir den Miet-Kanadier zu Wasser gelassen. Hinter einer mächtigen, fast 800 Jahre alten Steinbrücke, zwischen deren Pfeilern sich die Werra hindurchzwängt. Wir wollen mit Muskelkraft den Oberlauf des Flusses bezwingen, der im Thüringer Wald entspringt und sich nach 293 Kilometern im niedersächsischen Hannoversch-Münden mit der Fulda zur Weser vereint, die weiter zur Nordsee strömt.

Gelegentlich werden Minen in den Fluss gespült

Lange war das Revier tabu für jeglichen Freizeitspaß. Die Grenze zur DDR durchschnitt den Strom. Immer wieder versuchten DDR-Bürger, durch die Fluten in den Westen zu kommen, oft ohne Erfolg. Bei Hochwasser wurden gelegentlich Minen in den Fluss gespült. Dreck aus der Kaliproduktion im hessischen Heringen und andernorts machte aus dem Süßwasser eine üble Salzlake. Umweltauflagen haben Besserung gebracht. Zwar ist der Lachs noch längst nicht wieder da, doch der eine oder andere Fisch tummelt sich im Gewässer.

Wir bugsieren das Boot durch eine bizarre Felsenschlucht. Von den Ufern hängen Baumgerippe, knorrige Wurzeln wuchern aus der Böschung, lauern wie Kobolde über dem Treiben auf dem Strom. Wir schnuppern Gras und Kräuter, Blumen und Bärlauch, hören das Piepsen und Zwitschern der Vögel im Geäst von Büschen und Bäumen. Schnatternd steigen vor dem Bug Enten auf. Hier brütet der Eisvogel, erzählen Einheimische.

Zeit spielt keine Rolle mehr

Wir haben die Werra, die sich durchs deutsche Mittelgebirge windet, für uns. Weit und breit kein anderes Boot. Rhythmisch tauchen die Paddel ins Wasser. Nach kilometerlangem Training wird aus der Zickzackfahrt ein erträgliches Geradeaus. "Zeit wird keine Rolle mehr spielen", hat uns Bootsvermieter Jann-Borris Fleischmann beim Einsetzen in Creuzburg prophezeit. Wie Recht er hat.

Ein Wehr versperrt den Weg, mit Getöse rauscht der Fluss über eine Stufe beim Dörfchen Mihla. Ans Ufer - bevor uns die Strömung mitreißt! "Hier haben früher die Wildwasserfahrer der DDR trainiert", erzählt Wolfgang Stötzel, Chef des Hotels "Graues Schloss". Unter dem Giebel des alten Gemäuers am Wasser leben 400 Fledermäuse, die nachts im Flusstal Insekten jagen. Kürzlich hing ein Schlauchboot mit Besatzung und einer Kiste Bier an Bord hier an der Werra-Stufe, ragte zur Hälfte über den Abgrund. Bruchpiloten und Bier wurden gerettet.

Manchmal hilft eine Schleuse

So wollen wir nicht enden. Also: Kanu raus, schleppen und unterhalb des Wehres wieder einsetzen. Noch sechsmal werden wir ein Fluss-Hindernis bewältigen müssen. Gelegentlich surren an den Staustufen Turbinen kleiner Wasserkraftwerke. In Eschwege hilft zur Abwechslung eine Schleuse. Sie funktioniert im Do-it-yourself-Verfahren. Etwas für echte Kerle. Kurbeln drehen, Metallräder wuchten - dann strömt Wasser in die Kammer, und das Kanu sinkt drei Meter.

Der Fluss windet sich um Berge und durch Auen, mal sanft, mal kräftig ist die Strömung, ab und an auch ungestüm mit wild tanzenden Wellen. Ein Spaß hindurchzudonnern. Doch diese Strecken haben ihre Tücken. Im Schwall lauern dickste Steine - Kentergefahr!

Nicht lange dauert es, da brennen uns Werra-Helden die ungeübten Hände, auch Arme und Schultern brauchen Erholung. Raus mit dem Kanu und Pause im "Kleegarten", einem restaurierten historischen Bauernhof im Dörfchen Heldra. Hier kann man nicht nur gut essen, sondern auch in alten Bauernbetten übernachten. Sogar ein Strohlager gibt's in der urigen Herberge, zünftig und billig.

Im Revier des thüringischen Robin Hood

Wunderbare Fachwerkstädte reihen sich am Werra-Band: Treffurt, Wanfried, Eschwege, Bad Sooden-Allendorf und Witzenhausen. Den Schweiß wert ist der Aufstieg zum Heldrastein, dem König des Werratals, ein 503-Meter-Berg, auf dem einst die Sagengestalt Florian Henning hauste, ein thüringischer Robin Hood. Vom Turm erspäht man, wo man herkommt und wo die Reise hingeht - Fernsicht bis zum Brocken. Weit geht der Blick auch vom Bismarckturm auf dem Leuchtberg bei Eschwege oder von Burg Ludwigstein kurz vor Witzenhausen, einem imposanten Bau aus dem 15. Jahrhundert.

Doch am schönsten ist immer wieder das Paddeln. Da jagen Schwalben auf Mückenfang im Tiefflug über den Strom. Am Ufer hockt ein graziler Kranich. Ein ganzes Geschwader Schwäne startet vor unserem Boot, Baumstämme schwimmen im Wasser, die in unserer Fantasie zu Krokodilen mutieren, Schlingpflanzen sehen aus wie Wasserschlangen. Von Kirchtürmen schlagen die Glocken, Hähne krähen, Kühe und Pferde blicken uns nach.

Am vorletzten Tag der fünftägigen Tour regnet es. Kein Mensch ist auf der Werra, auch wir lassen es sein. Vorm Haus des Witzenhäuser Kanu-Clubs steht Hajo Heymel, der Chef der Wassersportler. Er macht sich Sorgen ums Revier. Genuss auf dem Fluss - super, sagt er, aber das habe halt auch seine Schattenseite: "Wir als organisierte Paddler müssen eine Öko-Schulung nachweisen, Leihbootfahrer bekommen leider nicht immer die nötige Einweisung." So passiert es, dass sie durch Naturschutzgebiete trampeln, Schilf und Uferregionen platt machen, leere Bierfässer, ausgebrannte Holzkohlegrills und anderen Abfall hinterlassen.

Am nächsten Morgen blauer Himmel. Silbrig glänzt die Werra in der Sonne. Flussab sind die Ufer niedriger; weiter geht der Blick ins Tal als je zuvor. Unsere Streckenkarte warnt: bei Hedemünden, 15 Kilometer vorm Ziel, großer Schwall, "Spritzdecke schließen!" Wir haben keine. Sicherheitshalber legen wir die Schwimmwesten an, die im Bug verstaut sind. Dann geht es ängstlich ins Getöse. Wasser schwappt ins Boot, doch alles halb so schlimm. Jetzt schnell die lächerlichen Dinger vom Leib. Und schon passiert's. Der Kahn kippt. Wir tauchen unter im kalten Wasser, prusten und spucken, schwimmen mit dem Boot an Land, die Klamotten triefen.

Paddel, Brille, Handy - alles futsch

Die Strömung riss ein Paddel mit, auch eine Brille ist weg, das Handy in der Hosentasche hat den Geist aufgegeben. Den Rest unserer Habe hatten wir zum Glück in wasserdichte Plastiktonnen gestopft. Bald hat die Sonne die feuchten Skipper gewärmt und die Laune stabilisiert. Am Abend, nach über 100 Kilometern, kommen wir in Hannoversch-Münden an.

Eine prachtvolle Fachwerkstadt, die wir trotz nasser Schuhe genießen. Beim Anblick der Häuser und Straßen geriet einst Alexander von Humboldt ins Schwärmen. Der Weitgereiste zählte den Ort zu einer "der sieben schönstgelegenen Städte der Welt".

Abgekämpft sitzen wir spät auf einer Bank, warten auf den Bootsverleiher, der uns samt Kanu abholen soll. Wenn wir die Augen schließen, wackelt alles. Eine herrliche Sause war's.

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