HOME

So weit die Hufe tragen

Das perfekte Abenteuer für Zweibeiner: Wer die Wildnis des Bayerischen Waldes durchreiten will, braucht zwei Dinge - ein Pferd und viel Sitzfleisch.

Von Markus Wolff

So weit die Hufe tragen

Reiten, reiten durch den Bayerischen Wald: Entschleunigt durchs Aberland

Am dritten Tag kam der , und mit dem Regen wurde zu Schlamm, was auf unserem Hinweg noch fester Boden gewesen war. In Reihe stapften die Pferde über die aufgeweichten Pfade, immer dem resoluten Gunther hinterher, der an der Spitze ritt. Keine sonderlich angenehme Etappe, diese dritte und letzte. Schon am ersten Abhang hatte Gunther sein Tier gewendet und mit erhobener Hand das Zeichen zum Halten gegeben. Über die Krempe seines Hutes lief der Regen in kleinen Rinnsalen wie aus einer übervollen Dachrinne.

"Wenn's Pferd rutscht", sagte er in lautem, schwerem Bayerisch und blickte durch seine beschlagene Brille in die Runde, "dann naus aus den Steigbügeln!" Daraufhin zündete er sich mit nassen Fingern eine an und ritt weiter. Wir wurden noch schweigsamer, als wir es an diesem Morgen ohnehin schon waren, denn es ist natürlich kein Spaß, wenn ein Pferd ins Rutschen gerät. Es ist vor allem kein Spaß, wenn es sich um einen Noriker-Tigerschecken handelt, ein kompaktes Gebirgskaltblut mit einem Körper wie ein großes Weinfass, 600 bis 900 Kilogramm schwer. Nun sind Noriker vor allem eines, trittsicher. Aber was hilft's, wenn's auf dem Untergrund kein Halten gibt.

Wer ein Pferd reitet, der leiht sich die Freiheit

Wir trotteten also weiter hinter Gunther her, durch Wald und an Feldern entlang, ein durchnässtes Trio mit höllisch schmerzenden Beinen, wie die Hauptfiguren aus einem Anti-Western, die Köpfe gesenkt wie die der Pferde, und zu hören war nur der Hufschlag der Tiere und der Regen, der auf die Jacken prasselte.

Aber letztlich hatten wir ja genau das gewollt. Nicht den Regen, natürlich, aber im Sattel unterwegs zu sein. Wer ein Pferd reitet, der leiht sich die Freiheit, heißt es. Und wenn es nur für ein Wochenende ist.

Also waren wir in die Region gefahren, die sich am besten für eine Tour nach unseren Vorstellungen an­bietet. Mit wilder Natur und wo nicht jeder Blick ein Haus trifft. Ebenso wie der Bayerische Wald, so grün und dicht bewachsen, dass dieser Teil des Landes auf Satellitenbildern mild und sanft wirkt und wie gepolstert aussieht. Dabei ist das Mittelgebirge mit seinen 18 Tausender-Gipfeln eine raue Gegend. Drei Viertel des Jahres herrscht Winter, sagten die Menschen hier früher über ihre Heimat. Den Rest ist es kalt.

Reithof statt Kneipe

Um uns Pferd und Freiheit zu leihen, standen wir also eines sonnigen Morgens auf dem Gelände der "Tigerhill Ranch" in Rinchnach. Über die größte Erfahrung von uns dreien verfügte Philipp, dessen Vater eine Ranch mit Quarter Horses in Montana besaß. Auch Harald und ich waren schon häufiger im Sattel unterwegs gewesen, verstanden Reiten aber letztlich doch eher als die Kunst, zwischen uns und dem Boden ein Pferd zu behalten.

So weit die Hufe tragen

Harald mit dem Zugpferd

Ranch-Besitzer Gunther ist ein stämmiger Noriker-Narr, der schon als kleiner Junge alles ritt, was sich reiten ließ. Ziegen oder "Ivan" und "Bodo", die Doggen der Eltern. Er trug Schlapphut, Weste und unterhalb des Auges die Maßkrugnarbe des entschlossenen Ex-Gastwirts, der auch Krach mit übellaunigen Gästen nicht scheut. Bereits vor Jahren hatte Gunther aber seine Wirtschaft verkauft und betreibt nun seinen Reithof.

An einem großen Holztisch planten wir optimistisch unsere Etappen für die kommenden drei Tage. 15 bis 25 Kilometer, schätzten wir, würden wir pro Tag zurücklegen, das Pensum eines zurückhaltenden Wanderreiters.

Gunther führte uns zu den Tieren. Alle trugen Namen mit "L", ich bekam "Lord". Auch er war ein Koloss mit so breitem Rücken, dass ich im Sattel die Beine auseinanderdrücken musste, als würde ich bockspringen. Wir passten die Länge der Steigbügel an, dann ging es los. Gunther vorne, wir anderen folgten, zunächst etwas eingeschüchtert. Auf einem Kaltblut zu reiten ist, als hätte man ein Schlachtross unter sich.

Die Seele kommt gut nach

Doch "Lord" und die beiden anderen "Ls" machten es uns leicht, Tiere wie aus dem Lehrbuch für Wanderreiter. Die nicht schreckhaft waren, nicht schlugen, bissen, drängelten. Die selbstständig auf hervorstehende Wurzeln und Steine achteten und in der Lage waren, sich selbst den besten Weg zu suchen.

So zogen wir dahin, von nichts getrieben. Um genau zu sein: mit Tempo 12 und damit dem niedrigsten, das Wanderreiter kennen; "5 km/h pro Stunde, gemütlicher Schritt". Von Indianern heißt es, sie hätten bei langen Ritten immer wieder innegehalten, weil sonst die Seele nicht nachkäme. Diese Gefahr bestand bei uns nicht.

Wir querten Wälder, Wiesen, kleine Furten und wechselten mit zunehmendem Selbstvertrauen auch in leichten Galopp. Schon nach kurzer Zeit fühlten wir uns in der Stimmung, von der wir in einem der Wanderreiter-Klassiker gelesen hatten. Der leicht verklärt von den Touren schrieb, die in einen "verzauberten Zustand versetzen, in dem vor allem das Jetzt zählt, die Sonne, die durch die Zweige scheint, die Suche nach einem Rastplatz, das Kribbeln im Bauch vor der nächsten Flussüberquerung".

Nach fünf Stunden im Sattel verschwand aber das Kribbeln im Bauch, und im Jetzt spürten wir ein zunehmendes Ziehen der Oberschenkel. Wir sattelten ab, bauten auf einer Kuppe oberhalb der Ranch unser Zelt auf und tranken nach dem Abendessen mit Gunther einige Runden seines Lieblingsschnapses, "Blutwurz".

Weißwürste als Proviant

Der Frühnebel hatte sich am nächsten Morgen aufgelöst, und so brachen wir auf. Wenn auch nicht ganz so unbeschwert wie am Tag zuvor. Die Beine schmerzten leicht, und der Rücken von "Lord" schien über Nacht noch breiter geworden zu sein. Unser Ziel war Gunthers Jagdhütte, im zügigen Ritt etwa vier Stunden entfernt. Wieder ging es durch schattige Wälder und sonnige Wiesen. Hin und wieder hatten wir auch Straßen zu überqueren, auf denen Gunther mit abwehrender Handbewegung die Autos zum Stoppen brachte wie ein aus der Zeit gefallener Wegelagerer.

Schon bald kam in der Ferne an einem Hang ein weißer Turm in Sicht; ungefähr dort würden wir Rast machen. Doch jedes Mal, wenn wir wieder aus einem Wald schritten, schien der Turm weiter entfernt zu sein. Stunde um Stunde verging. Irgendwann erreichten wir eine kleine Holzhütte. Wir rutschten erleichtert und mit leisem Stöhnen von den Pferden und aßen die Weißwürste, die uns ein Wirt mit wuchtiger Kruzifix-Kette im Brusthaar servierte.

Wir ritten und ritten

Als wir wieder aufstiegen, ahnten wir nicht, dass wir lediglich die Hälfte unserer Tagesetappe zurückgelegt hatten. Wir ritten und ritten. Es wurde gerade dunkel, als wir nach insgesamt sieben Stunden im Sattel die Jagdhütte erreichten. Um abzusteigen, hätten wir uns einen dieser Kräne gewünscht, mit denen im Mittelalter die Ritter von ihren Pferden gehievt wurden.

So weit die Hufe tragen

Unterwegs wird in Zelten geschlafen und am Lagerfeuer erzählt


Wir sattelten ab. Harald und Philipp führten die Pferde mit ausgestreckten Armen am Halfter zur Koppel. Auf Gunthers Kommando ließen sie die Tiere los, die davonstoben, als hätten sie sich den ganzen Tag noch nicht bewegt. Mit einem Gefühl erschöpfter Zufriedenheit sahen wir ihnen hinterher. Danach verteilten wir Heu im Unterstand, machten Feuer, tranken "Blutwurz" – und krochen matt in unsere Schlafsäcke.

Robert L. Stevenson in Cévennen

Am nächsten Morgen hielten wir uns die Bäuche – nicht vor Schmerz, sondern vor Lachen: Wir konnten kaum auftreten. Noch vor dem Kaffee verteilten wir Magnesiumtabletten, die gegen Reit­Muskelkater helfen; vor lauter "Blutwurz" hatten wir vergessen, sie am Vorabend zu nehmen. Im Dauerregen holten wir die Pferde von der Koppel, die geradezu vorfreudig schienen.

Wir dagegen waren müde und erschöpft. Als würden sie die Kraftlosigkeit ihrer Reiter nicht nur spüren, sondern ausnutzen wollen, benahmen sich unsere Pferde plötzlich wie schwer erziehbare Kinder. Fraßen, wo sie nicht sollten, drängelten, neckten sich. Es war das erste Mal, dass wir mit der Wahl unserer Weggefährten haderten.

Vielleicht hatte Schriftsteller Robert L. Stevenson doch recht, der über das Pferd schrieb: "Es ist ein unsicherer und anspruchsvoller Genosse und vielfach die Mühsal des Reisenden." Als er im Jahr 1878 die französischen Cévennen durchquerte, entschied sich Stevenson jedenfalls für etwas "Billiges, Kleines, Zähes mit einem unerschütterlichen und friedlichen Gemüt". Er reiste mit einem Esel. 


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity