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Auf dem Autozug durchs Meer

Anreise über den Hindenburgdamm: links Föhr, rechts das Wattenmeer – und Schäfchenzählen. Ob Opel oder Porsche, SUV oder Smart, der Autozug nach Sylt macht alle ein bisschen gleicher.

Vor 90 Jahren weihte Reichspräsident Paul von Hindenburg die Strecke ein. Bis dahin reiste man per Schiff über den tideabhängigen Hafen Munkmarsch an. Wer keine Stauzeiten erwischt, für den dauert die 39 Kilometer lange Überfahrt mit Be- und Entladung 45 Minuten. Der Damm selbst hat eine Länge von 11,3 Kilometer.

Vor 90 Jahren weihte Reichspräsident Paul von Hindenburg die Strecke ein. Bis dahin reiste man per Schiff über den tideabhängigen Hafen Munkmarsch an. Wer keine Stauzeiten erwischt, für den dauert die 39 Kilometer lange Überfahrt mit Be- und Entladung 45 Minuten. Der Damm selbst hat eine Länge von 11,3 Kilometer.

Sind wir bald da? Ist es noch weit? Ich hab Durst! Gleich, gleich, ihr wisst doch: Die Anreise nach Sylt ist so ungefähr wie in der Häschenschule: "Hops, noch über diese Schwelle! Hei, sie sind an Ort und Stelle." Wo die großen Züge stehen, kann man eine Insel sehen.

Ein Morgen in Niebüll. Die Schlange ist lang, die Autobahn war voll. "Wir hätten die A 7 nehmen sollen, nicht die A 23." – "Du hast aber gesagt …" Man weiß es vorher nie. Baustelle ist ja immer. Aber jetzt liegt der beliebte "Port Sylt"-Kiosk links, und gleich werden die Autos auf den Zug geladen. Man riecht sie schon, die Sylter Luft. Eilig lassen unsere künftigen Nachbarn die Heckklappen ihrer tiefschwarzen SUVs noch einmal hochschweben und ihre goldenen Retriever an die wenigen Bäume hier am Verladebahnhof springen. Ab jetzt ist nur noch Autozug und Hindenburgdamm.

Hoffentlich kriegen wir einen Platz oben!

Schade, wieder nicht. Es beginnt nun die Fahrt auf dem Drahtseil durchs Meer. Genial, wie sie das vor knapp hundert Jahren gemacht haben. Land aufgeschüttet, Schienen drauf, fertig. 11,3 Kilometer Ruhe und Nichts. Das heißt, nichts als Vorfreude eigentlich. Denn sobald der Zug mit all den Frühbuchern und Insulanern, Ferienhausbesitzern und Pauschalisten anruckelt, sind alle gleich und alle gleich beseelt von dem, was sie nun erwartet. Links graublaues Wasser und irgendwo die Insel . Rechts Wattenmeer und Schäfchenzählen. Salzwiesenlämmer, spätere Osterkeulen zu 29,90 das Kilo auf dem Markt. Das umnebelte Rømø, Dänemark, grüßt von Nord-Nord.

Es dauert eine Dreiviertelstunde etwa, das Ruckeln und Durchs-Meer-Schnaufen. Wir sitzen im mit heruntergelassenen Scheiben und hören Bruckner, ganz leise natürlich. Oder summen das Friesenlied: "Wo de Nordseewellen trecken an de Strand." Manchmal sitzen wir auch nur andächtig hinterm Steuer, lassen den Wind vom einem Fenster durch das andere ziehen und hören im gleichmäßigen Geklapper der Bahn eine freundliche, Glück verheißende Stimme, die uns zuflüstert: Gleich da, gleich da, gleich da: "Wor de geelen Blöme bleuhn int gröne Land."

Sie finden das kitschig? Sie finden, es ist nur eine donnernde Bahnlinie, ein Autoreisezug, der Sie gezwungenermaßen auf die andere Seite der See transportiert? Reine Zeitverschwendung, Fähre wäre schneller? Nein, nein, mein Freund. Das war ein ziemlich schlauer Trick der Dammbauer, die Leute noch einmal innehalten zu lassen, bevor sie die Insel Sylt bei Westerland betreten. Man parkt den ganzen Schietkram, allen Stress und auch die Sorgen einfach auf dem Schleswiger Festland.

Aufladen, abfahren. Dann atmet man fünfundvierzig Minuten lang ein und aus, und ein und aus, bis man im Schwellen-Rhythmus der roten Lok ist. Ein, aus, ein, aus, ahhh. Endlich synchron mit der verheißungsvoll im stürmischen Licht liegenden Insel. Keine Frage: Schon für dieses Meditationserlebnis zahlt man an jeder Volkshochschule mehr.


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