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21. Mai 2009, 20:40 Uhr

Lust auf Deutschland

Gar nicht lange her, da waren wir Weltmeister im Fernreisen. Nun entdecken wir immer mehr den Zauber im eigenen Lande und freuen uns über die Schönheit heimischer Berge, Städte, Küsten und Seen. Von Peter Pursche, Wolfgang Röhl, Stéphanie Souron

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Astreine Biege: Wer sich im Saarland in Szene setzen will, posiert vor dieser Spitzkehre in Mettlach© Gerhard Launer

Sie war die schönste Badewanne der Welt - die Ostsee bot alles, was Kinder glücklich macht: Sand, Strand, Wellen, Wasser, andere Kinder und Eisdielen. Man konnte Bötchen fahren, Ball spielen, mit Quallen werfen, sich einbuddeln und baden, bis die Lippen blau waren. Für Erwachsene gab es Strandburgenwettbewerbe - die einen nahmen teil, die anderen amüsierten sich köstlich über die Strandnachbarn, die mit Muscheln die Worte "Dormagen grüßt Grömitz" in den Sand legten und den ganzen Tag mit Gießkanne und Maurerwerkzeug den Ausbau ihrer Trutzburg vorantrieben. In den Strandkörben arbeiteten Erwachsene daran, tiefbraun zu werden, sodass ein leichter Duft nach verbranntem Fleisch gen Promenade waberte. Brauner Teint war der Urlaubsbeweis, Sonnenbrände galten als Kavaliersdelikt.

Von den 14 Tagen an der Ostsee konnte man ein ganzes Jahr zehren, und spätestens im Dezember fing man im Geiste wieder an, Koffer zu packen. Nur - um Gottes willen - in der Schule durfte niemals an die große Glocke gehängt werden, dass man in den Ferien bloß an der Ostsee war.

Ein negatives Statussymbol

Ostsee galt als muffig, ärmlich und spießig, genau wie Alpen, Harz oder Bayerischer Wald. Urlaub im eigenen Lande war ein negatives Statussymbol. Wer etwas auf sich hielt, fuhr, besser: flog gen Süden. Nach Mallorca, an irgendeine spanische Costa, an die Adria.

Später kamen Thailand, die Karibik, die Malediven ins Reiseprogramm der Deutschen, Hauptsache, weit weg. Wir wurden Weltmeister im Fernreisen und verloren das eigene Land aus den Augen. Daheim, so das Vorurteil, machten vor allem Rentner in beigefarbenen Blousons Urlaub, am liebsten auf Busreisen.

Spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft 2006, bei der die Deutschen fröhlich ihre Fähnchen schwenkten und erstaunt feststellen mussten, dass ihnen das niemand auf der Welt übel nahm, hat sich das gedreht. Die Deutschen bekennen sich wieder zu ihrer Heimat - ohne jede Tümelei, einfach, weil es hier so schön ist. Sie schauen sich vor der eigenen Haustür um und stellen fest: Was für ein Land! Mit weißen Stränden an der Ostsee, die bei gutem Wetter an die Karibik erinnern, mit weiten Seenlandschaften an der Müritz, die es mit Kanada aufnehmen können, mit urwüchsigen Flusslandschaften an Oder und Elbe, die an manchen Stellen etwas vom Amazonas haben, und mit romantischen Städten, die voller Geschichte und Geschichten stecken. Manchmal sind es Fotos, die einem Überblick geben und Augen und Herz öffnen für vergessene Schätze - wie die Luftbilder des Fotografen Gerhard Launer auf den vorangegangenen Seiten.

Zwei Prozent mehr als im Vorjahr

Müritz statt Malediven, Binz statt Bali, Sylt statt Südafrika, Alpen statt Appalachen: 2008 hat die Zahl der Übernachtungen im heimischen Gehege - 370 Millionen - um zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt, der fünfte Zuwachs in Folge. Und 2009? "Am Ferienhimmel zieht ein massives Tiefdruckgebiet auf", unkte zu Jahresbeginn das Fachblatt "Fremdenverkehrswirtschaft" mit Blick auf den heftigen Konjunkturknick.

Doch das Tief wird wohl vor allem die Reiseveranstalter betreffen, die fast ausschließlich im Auslandsgeschäft tätig sind. Der Binnenmarkt dagegen bleibe stabil, erwarten Experten. Profitieren die Hotels und Pensionen zwischen Sylt und Oberstdorf, Selfkant und Görlitz sogar von der Wirtschaftskrise? Wenn der Sommer groß wird und der Sprit billig bleibt, werden sich viele Spontanbucher für Deutschland entscheiden.

Die kurze Anreise zum Urlaubsort (in den meisten Fällen nicht länger als 300 Kilometer) entlastet die Urlaubskasse gewaltig. Transport, Essen, Unterkunft und Ausflüge kosten in Deutschland pro Tag im Schnitt 73 Euro, hat die Stiftung für Zukunftsfragen errechnet. 81 Euro sind internationaler Standard. Ihre Lieblingsziele im Ausland kommen die Deutschen meist teurer als das eigene Land: Spanien (80 Euro pro Tag), Italien (82), Türkei (80), Griechenland (107), Portugal (85), Schweiz (96). Fernreisen gehen so richtig ins Geld, wegen der Flugkosten: Asien (124), Karibik (135), USA/Kanada (164).

Deutschland vor den Malediven

Und das Land ist für seine Bürger mehr als irgendein Urlaubsziel. In einer repräsentativen Umfrage, die das Institut TNS Infratest im Januar für den Online-Reiseveranstalter Expedia.de durchführte, hoben die Befragten Deutschland aufs Treppchen - Nummer drei ihrer "Traumreiseziele". Hinter den USA und Australien, aber vor den Malediven und der Karibik.

"Die Heimatliebe der Deutschen ist nicht allein auf die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise zurückzuführen", glaubt Expedia. Denn die Frage nach der Traumreise zielte nicht auf konkrete Urlaubspläne. Nur darauf, wo man am liebsten eine lange Auszeit verbringen würde.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Deutschland so sexy ist

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Ausgabe 21/2009

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