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Wie Helgoland plötzlich hip wird

Die Lütte mit dem Butterfahrtimage soll hip sein? Na, dann fragen Sie mal die Fifties- und Sixties-Fans! Die lieben die Nordseeinsel mit ihrer Architektur der Wirtschaftswunderzeit. Stammgäste ziehen Düne und Robben vor. Und die Friesen? Bleiben gelassen.

Von Katja Senjor

Helgoland

Das einzige Verkehrsmittel, das auf der Winzinsel erlaubt ist: Roller. Knud Müller fährt damit zur Arbeit am Hafen und hat ihn natürlich ein wenig aufgepimpt.

Es fängt mit einem Desaster an. Das Kind schreit so laut, dass sich alle umdrehen. Es hält eine Waffeltüte in der Hand, der Mund steht noch offen. Eine Möwe fliegt davon. Die Eiskugel tropft aus dem Schnabel. Es gibt große Möwen auf . Und die wissen genau, wann die Boote mit den Tagestouristen anlegen. Zwölf Uhr mittags schnurren Rollläden hoch, Aufsteller wer­den aufgeklappt, die Börteboote legen ab. Sie holen die Passagiere von den Schiffen ab. Jeder geht auf seinen Posten. Auch die Möwen, die auf den Häusern lauern.

Die ersten der 3500 Tagesgäste gehen die Mole entlang, leicht benommen von zweieinhalb Stunden Fahrt auf der Nord­see. So lange braucht das für die 70 Kilometer vom Festland zur Insel. Die meisten schauen etwas irritiert drein, was nur zum Teil am überstandenen Seegang liegen dürfte: Sie passieren zunächst ein Gewerbegebiet, das lange Backsteinhaus der Meeresbiologen, zwei Polizisten, die vor der kleinen Polizeistation in die Luft gucken, die erste Kneipe, den ersten Spirituosenshop.

Anderswo beginnt dann ein Dorf. Auf Helgoland beginnt erst mal gar nichts. Die Häuser, kleine Schachteln mit schrägen Dächern, sind vollkommen un­scheinbar. 50er- und 60er-Jahre-Architektur: Jahrzehntelang hat man in den Städten auf dem Festland das Wegschauen geübt.

Auf Helgoland gibt es jede Hausnummer nur einmal

Am winzigen Kurpavillon aus gefaltetem Beton und Glas verlangsamt sich der Passantenstrom. Auf der Bühne sitzt ein Mann an der Hammondorgel. Er spielt "Marina, Marina" und andere Schlager dieses Kalibers. Der Schock sitzt. Welches Jahr haben wir eigentlich? Wo sind wir?

Immerhin ist es sehr einfach, sich auf der Insel zu orientieren. Am Lung Wai, dem "langen Weg", wie die einzige Hauptstraße auf Friesisch heißt, stehen Geschäfte, Kneipen, Imbisse, Eisläden, nach gut 200 Metern kann man für 60 Cent mit dem Aufzug vom Unterland ins knapp 40 Meter höher gelegene Oberland schweben. Dort gibt es weitere Läden und Cafés, dahinter verteilt sich das Zuhause der etwa 800 Helgoländer, in langen Zeilen aneinandergereiht. Jede Hausnummer gibt es nur einmal. Ein geteerter Weg führt am Leuchtturm vorbei durch satte Weiden und Wiesen.

Nur ein kurzer Spaziergang ist es bis zum Inselende, der Brutkolonie der Lummen und Basstölpel. Davor ragt die 47 Meter Lange Anna aus dem Meer, Helgolands Wahrzeichen. Wer langsam geht, braucht eine Stunde für den Quadratkilometer. Mancher Stadtpark ist größer als Helgoland.

Für die Nachbarinsel, die Düne, mit ihren Robbenbänken und den Stränden, reicht die Zeit nicht. Um drei Uhr fahren die ersten Börteboote wieder los. Viele Passagiere stehen am Kai schon Schlange, als ob sie so schnell wie möglich wegwollen. Zurück nach Hause. Ins Jahr 2016.


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