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Touristen sind doof - Was für ein Blödsinn!

Viel zu viele Touristen verstopfen Berlin und machen die Hauptstadt angeblich zu einer Mischung aus Disneyland und Ballermann. Unerträglich? Nein. Wir sollten uns freuen.

Von Anja Lösel

  Bierbikes, Souvenirs und Kalter-Krieg-Kribbeln am Checkpoint Charlie. "Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet", schreibt Laudenbach. Na und!

Bierbikes, Souvenirs und Kalter-Krieg-Kribbeln am Checkpoint Charlie. "Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet", schreibt Laudenbach. Na und!

Ja, stimmt, Touristen nerven. Sie fahren mit Bierbikes und Segways durch Berlin, stürmen unsere Lieblingskneipen, feiern bis in die Puppen, sprechen Schwäbisch, Spanisch und Russisch, stehen auf dem Radweg rum oder fahren gar selbst Rad und gucken dabei in die Luft, um den Fernsehturm gaaanz genau zu betrachten. Extrem lästig.

Aber mal ehrlich: Was wäre Berlin ohne Touristen? Eine traurige Stadt mit muffeligen Bewohnern, arm und völlig unsexy. "Die elfte Plage - Wie Berlin-Touristen die Stadt zum Erlebnispark machen" heißt ein Buch des Journalisten Peter Laudenbach. Darin regt er sich auf über "Ballermann Berlin" und über das "urbane Disneyland", an dem, natürlich, die Fremden schuld sind. "Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet", so Laudenbach.

Dann ziehen sie eben weiter

Das mag sein. Aber ist es wirklich so schlimm? Eine Stadt wie Berlin hat Platz für alle. Für die Rentnergruppen, die sich am Brandenburger Tor mit einem Berliner-Bär-Darsteller fotografieren lassen. Für die Amerikaner, die den "echten" Grenzsoldaten am Checkpoint Charlie knipsen. Für die Easy-Jet-Jungs und -Mädels, die zum Partymachen einfliegen und gar kein Hostel brauchen, weil sie einfach durchfeiern. Ganze Straßenzüge seien zu Absturz-Arealen im Stil von Ballermann verkommen, jammert Laudenbach.

Stimmt, ist aber egal. Der Berliner sucht sich andere Orte und neue Kneipen. Und die ständigen Rumheuler, die sich allzu gern aufregen, "Touristen unerwünscht" an Bartüren schreiben und sogar Varianten von Nazi-Parolen an die Wände schmieren ("Kauft nicht bei Schwab'n"), sind oft selbst Zugereiste. Nur waren sie eben schon ein bisschen früher da als die anderen.

Der ganz normale Berliner ist da abgebrühter. Wenn die Touris sein Revier erobert haben, sucht er sich eben eine neue Lieblingskneipe. Dann geht er nicht mehr in Mitte aus, wie noch Ende der Neunziger, sondern geht woanders hin. Zuerst nach Prenzlauer Berg. Dann nach Kreuzberg, nach Neukölln, nach Wedding. Im nächsten Jahr vielleicht nach Moabit oder gar nach Charlottenburg. Platz genug gibt es. Und jede Menge Orte, die noch unentdeckt und wunderschön sind.

Elf Millionen Touris

Elf Millionen Menschen strömen jedes Jahr nach Berlin. Die meisten sind nett und freundlich. Ein paar Krakeeler und Saufbrüder können wir aushalten. Auch wenn es extrem lästig ist, sie genau vor unserer Haustüre dulden zu müssen: Wir brauchen sie dringend. Denn jeder von ihnen lässt täglich im Durchschnitt 35,70 Euro in der Stadt. Das macht bei 25 Millionen Übernachtungen fast 900 Millionen Euro pro Jahr.

Es gibt Ecken, in die ein Berliner nur ungern geht, weil da Touristenhorden rumlungern. Der Cocktail-Strand gegenüber dem Hauptbahnhof ist so eine, der Hackesche Markt mit seinen Cafés und Straßenmusikanten und inzwischen auch das Bötzowviertel mit seinen Kneipen. Aber Immer noch verirrt sich in die allermeisten Gegenden kein einziger Fremder. Nein, wir werden hier nicht unsere Lieblingskneipen verraten und auch nicht die besten Restaurants der Stadt. Sollen sie doch selbst suchen. Und wenn sie unseren herrlichen Biergarten am Wasser gefunden haben und auch das feine, kleine Schwimmbad mit Sandstrand oder den Italiener, in dem die Mamma ihren Ravioliteig noch selbst knetet, dann, ja dann ziehen wir eben weiter. Kein Problem.

Englische Buchläden und israelischer Jazz

Und überhaupt: Was ist eigentlich ein Tourist? Das holländische Feierbiest, das sich nur für Bier und Buletten interessiert? Die Hamburger Junggesellen-Abschiedsrunde, die sich durch Neukölln trinkt? Die US-Lady, die mit ihrem Damenclub die Nofretete besichtigen will? Gehört auch die spanische Erasmus-Studentin noch dazu, die ein halbes Jahr zum Deutschlernen in Berlin bleibt? Oder der Brite, der sich in Berlin eine Wohnung mietet, um ganz tief einzutauchen in die Stadt - und der dann hängen bleibt und irgendwann Berliner wird?

Sie alle machen Berlin genau zu dem, was es ist: zu einer aufregenden Stadt, die sich ständig verändert, in der es englische Buchhandlungen und französische Kunstgalerien gibt, amerikanische Stand-Up-Comedies, israelischen Jazz und Lesungen slowakischer Literatur. Berlin braucht die Touristen.

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