HOME

Wo vor 500 Jahren alles begann: Eine Reise durch Zeit und Raum

In Wittenberg veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Zum Jubiläum hat sich die Stadt an der Elbe herausgeputzt, um den Beginn der Reformation zu feiern – und ihren berühmtesten Bürger neu zu entdecken.

Von Gunnar Herbst

Wittenberg: Vor 500 Jahren veröffentlichte Luther seine Thesen

In Wittenberg auf Luthers Spuren: Den Weg zur Schlosskirche ist der Reformator oft gegangen.

Näher kann man kaum kommen. Unten an seinem Haus ist in die Mauer ein Sitz aus Stein mit einem Abfluss eingelassen. Die Latrine, 2004 ausgegraben, setzt die Fantasie in Gang: Hat Luther hier womöglich zentrale reformatorische Erkenntnisse gewonnen? Jene etwa, dass der Mensch die göttliche Gnade nicht durch gute Werke, sondern allein durch den Glauben erfährt? Oder die, dass jeder die Bibel lesen und interpretieren dürfe, nicht nur die Kirche?

"Möglich wäre es ja", sagt Stefan Rhein, 59, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in , und schaut auf den alten Abort. Weil Luther unter chronischer Verstopfung litt, verbrachte er viel Zeit auf der Toilette, da haben die Gedanken freies Spiel. Und hatte er den Ort seiner Erkenntnis in den Tischreden nicht selbst als "cloaca" bezeichnet?

Luther ist in allgegenwärtig. Die 47.000-Einwohner-Stadt südwestlich von Berlin war sein Lebensmittelpunkt, im heutigen Lutherhaus wohnte und arbeitete der ehemalige Mönch. Seine Kanzel, sein Bierkrug, Cranachs Zehn-Gebote-Tafel sind hier zu sehen, auch der Große Hörsaal, in dem er Vorlesungen hielt, und die frisch restaurierte Lutherstube.

Die Welt wäre eine andere ohne ihn

Geboren in Eisleben, aufgewachsen in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, zog Luther 1511 nach Wittenberg, wo er bis zu seinem 1546 lebte. Hier heiratete er Katharina von Bora, wurde Vater, lehrte, predigte, schrieb Lieder, Briefe, Disputationen und jene 95 Thesen gegen den Ablasshandel, die er am 31. Oktober 1517 an die Türen der Wittenberger Kirchen schlagen ließ – so die Legende. Ob es stimmt? Man weiß es nicht. Luthers historische Bedeutung aber ist unstrittig. "Die Welt wäre eine andere ohne ihn", sagt Rhein, gebürtiger Stuttgarter und Katholik. "Er wirkte in viele Bereiche der Gesellschaft: allgemeine Teilhabe an Bildung, Mündigkeit des Denkens und Sprechens, Entwicklung von Demokratie."

Zum Jubiläum hat sich Wittenberg, das seit 1938 offiziell den Beinamen "Lutherstadt" trägt, herausgeputzt. "500 Jahre ", das wirkt wie eine Aufbauhilfe und setzt Millionenbeträge frei. Die Straßen der verkehrsberuhigten Altstadt wurden saniert, ebenso Schloss, Kirchen, Melanchthonhaus. Der Künstler Yadegar Asisi schuf ein 360-Grad-Panorama, das Szenen mit Luther im alten Wittenberg zeigt. Zum Kirchentag und den Jubiläumsfeiern werden Protestanten aus aller Welt hierherpilgern, zum Geburtsort der Reformation.

Vor 500 Jahren entwickelte sich die Stadt "am Rande der Zivilisation", wie Luther schrieb, zu einer akademischen Hochburg Europas, mit nur etwa 2500 Einwohnern, aber 1000 Studenten. Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Lucas Cranach der Ältere lebten in Wittenberg, angelockt durch Kurfürst Friedrich den Weisen, der die Universität gründete. "Die Stadt ist immer klein geblieben", sagt Rhein. "Deshalb wurde Luther schnell bei allen bekannt und setzte die Reformation hier ohne Widerstände durch."

Auch die Bäche fließen wieder offen durch Wittenberg

In der Altstadt wandeln Besucher auf seinen Spuren: vom Lutherhaus die Collegien- und Mittelstraße hoch zur Stadtkirche, vorbei am Marktplatz und den Cranach-Höfen, wo Luthers Schriften gedruckt wurden, zu Schloss und Schlosskirche. Trotz aller Veränderungen sind Grund und Boden, Straßenführung und manche Gebäude geblieben, auch die Bäche fließen wieder offen durch Wittenberg. Das setzt das Kopfkino in Gang: Dort drüben könnte Luther ein Bier getrunken haben, an dieser Ecke traf er Cranach. Und hier diskutierte er mit Bugenhagen, ganz bestimmt.

"In diesen Mauern stecken noch immer seine Worte und Lieder", sagt Johannes Block. "Das finde ich sehr bewegend." Der 52-Jährige steht in der Stadtkirche St. Marien, seit 2011 ist er Pfarrer in dem Gotteshaus, in dem auch Luther oft predigte. Hier ließ der Reformator seine Kinder taufen, das Becken steht noch, die Glocke von 1422 läutete bereits zu seiner Zeit. "Das alles kann man sehen, hören, berühren", sagt Block. "Doch um sich Luther zu nähern, sollte man seine Schriften lesen, etwa 'Von der Freiheit eines Christenmenschen'."

Aus Blocks Stimme klingt nicht nur Bewunderung. "Luther ist kein Heiliger", sagt er. "Ich glaube, ich wäre mit seiner ruppigen Art und mit dem Verhältnis zum Judentum nicht zurechtgekommen. Er hat Dinge gesagt und geschrieben, die für uns unerträglich sind." Auch das gehört zu Martin Luther, dieser facettenreichen Figur: Mönch und Genießer, Choleriker und Seelsorger, Judenfeind und Professor.

"Ich glaube, Luther hätte mit Humor auf den ganzen Trubel reagiert"

Als Werbefigur ist Luther ebenfalls stets präsent, Wittenberg lebt gut von der Reformation. Überlebensgroß steht ihr Vormann als Statue in Hotelfoyers, selbstbewusst blickt er als Pappfigur aus Schaufenstern. Läden bieten Lutherbier, Lutherwein, Luthersocken an. Man kann ihn als Playmobil-Figur kaufen, sein Gesicht schmückt Kerzen und Torten. Sogar auf der Straße trifft man ihn manchmal, dargestellt von Bernhard Naumann, Kirchmeister der Stadtkirche.

"Ich glaube, Luther hätte mit Humor auf den ganzen Trubel reagiert", sagt Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars und Hausherrin der Schlosskirche. Wichtiger seien jedoch seine Wirkungsstätten. "Die Menschen brauchen Orte, um sich zu erinnern", sagt die 62-Jährige. Orte wie das Schloss, in dem neben einer neuen Ausstellung auch Büros und Lehrräume des Evangelischen Predigerseminars eingerichtet werden. "Hier entsteht ein lebendiger Campus als Zukunftswerkstatt des Protestantismus."

Ein neuer Durchgang führt zur Schlosskirche, in der Luther hin und wieder predigte. Die bronzene Thesentür erinnert an den Beginn der Reformation. Unter der Kanzel wurde Luther begraben, einen Kilometer von seinem Haus entfernt. Die Wege sind kurz in Wittenberg.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity