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Schleswig-Holsteins Ostküste ist aufgewacht

Mit kühnen Seebrücken und Promenaden erobert sich Schleswig-Holsteins Küste ihre Liebhaber zurück. Die hatte sie nach der Wende an die Strände Mecklenburgs verloren - eine Wiederentdeckung im Westen.

Von Ilona Rühmann

  Scharbeutz hat sich zum Vorzeige-Badeort aufgemöbelt. In der "Beach Lounge" spielt die Musik bis in die Nacht.

Scharbeutz hat sich zum Vorzeige-Badeort aufgemöbelt. In der "Beach Lounge" spielt die Musik bis in die Nacht.

Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht? Grömitz, die Insel Fehmarn oder das Ostseebad Damp? Keine zehn Pferde hätten mich dorthin gebracht. Nicht für geschenkt. Meine Stippvisiten hatten mich, die Ost-Berlinerin, betrübt: Im Westen gab es Badeorte mit Bettenburgen, die sogar Leuchttürme überragten und als Navigationszeichen in Seekarten vermerkt wurden. Die charakteristischen Fördelandschaften bei Flensburg, Kiel oder Eckernförde waren Wasserschneisen, aber kein echtes Meer. Und von der Hohwachter Bucht oder dem Schönberger Strand hatte ich nie gehört.

Die wahre Ostsee lag für mich an Rügens Kreideküste; an breiten Darß-Stränden mit reetgedeckten Fischerhäusern; auf Usedom, wo in den drei Kaiserbädern der Sand so weiß schimmert wie die Villen. Bis ich dann eines Tages zielgerichtet die Seiten wechselte, um Pferdeflüstern zu lernen. Und statt der zehn Pferde genügte nun ein einziges: Karim, auf dem ich Schritt und Trab übte, Galopp eher weniger, denn wir flüsterten umso mehr, in den Ferien und an verlängerten Wochenenden. Eine Reitschule mit Pension in der Lübecker Bucht, nur wenige Kilometer von Scharbeutz entfernt, hielt mich jahrelang davon ab, Urlaub in den Ostseelandschaften meines Herzens zu machen.

Klohäuschen mit Schilfdach

Zunächst gab es kaum Gründe, meine Reithalle und den hausgemachten Käsekuchen Richtung Scharbeutz zu verlassen, höchstens für das plüschige Kino mit Bewirtschaftung. Von den Terrassen der wenigen Restaurants war das Meer ohnehin kaum zu ahnen. Zu viel Beton, die Promenade eine gnadenlos gerade Piste. Das berühmte "Engels Eck" im Nachbarort Timmendorfer Strand trug seinen Spitznamen "Café Wichtig" meiner Ansicht nach zu Recht. Eher gönnte ich mir Ente im Landgasthof "Brechtmann" in Schürsdorf – strandfern, aber sensationell knusprig. Dann begannen sich Bagger durch die Dünen zu wühlen, und ich dachte: Jetzt bauen sie Klohäuschen mit Reetdächern, Spielplätze mit Wipptieren und pflastern den Korso neu.

"Warst du schon in Scharbeutz?" empfingen mich Stammgäste etwa vor zwei Jahren. Natürlich nicht, warum auch? Weil Scharbeutz auf einmal nicht wiederzuerkennen war. So machte ich Bekanntschaft mit der Dünenlandschaft, die dem Ort gewachsen war: Der Strandhafer rauschte bis hinüber nach Haffkrug. Spazierwege schlängelten sich an Hängematten, Spielgeräten und Sonnenuhr vorbei. Die langweilige Ladenzeile hatte sich herausgeputzt, ohne den Etablissements der neuen "Dünenmeile" die Schau zu stehlen. Die ehemals erste Reihe mit ihren Siebzigerjahre-Fassaden war deutlich in den Hintergrund gerückt. Davor saßen vergnügte Leute in der Sonne.

Ich orderte ein Fischbrötchen bei "Gosch Sylt", dann ein Stück Nougat-Eierlikör-Torte auf der Terrasse des neuen "Café Wichtig" - als Partner von Timmendorfs "Engels Eck" trug es dessen Spitznamen nun ganz offiziell. Am besten schmeckt mir bis heute, dass die neuen Platzhirsche in ihren transparenten Pavillons mit Grasdächern den Blick nicht verstellen, sondern der Flaniermeile einfach ein hübsches Gesicht geben. Eine völlig neue erste Reihe ist entstanden. Es riecht nach Meer, es sieht nach Strandurlaub aus. Und ja, alle Klohäuschen tragen jetzt ein Schilfdach.

Travemündes neu Flaniermeile

Jahrzehntelang hatte sich an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste nicht viel bewegt. Bis im Osten die Konkurrenz erstarkte. Mit hellen Hotels in unverbauten Landschaften, restaurierter Bäderarchitektur und einer Flut von Wellnesstempeln hängte Mecklenburg-Vorpommern die West-Bäder in ihrem grauen Seventies-Look ab. Die Gästestatistiken zwischen Flensburger Förde und Lübecker Bucht kurvten bergab.

Inzwischen aber ist nicht allein Scharbeutz aufgewacht, die Einweihungsfeiern häufen sich, und Schleswig-Holstein setzt sich wieder in Szene. Travemünde hat seine Promenade und die Flaniermeile "Vorderreihe" runderneuert. Niendorf bekam einen schicken Seebrückenvorplatz, Neustadt-Pelzerhaken einen Wassersport- Hot-Spot, die Camper am Lensterstrand ein modernes Urlauberzentrum, Aussichtsturm inklusive. Grömitz möbelte seinen Hafen auf, Glücksburg die Kurpromenade, Eckernförde baut an seiner Hafenspitze. Und Heiligenhafen in der Hohwachter Bucht legte sich ein Wahrzeichen zu: In kühnem Zickzack ragt eine Seebrücke übers Wasser, 435 Meter lang, mit Bade- und Sonnendecks. Auch in Scharbeutz wird weiter gebaut, das Hotel "Bayside" etwa soll nächstes Frühjahr empfangsbereit sein.

  Aufs schönste renoviert: die Strandpromenade in Travemünde.

Aufs schönste renoviert: die Strandpromenade in Travemünde.

Der Strand von Scharbeutz

Am Ortseingangs von Scharbeutz, ein paar hundert Meter jenseits der Dünenmeile, hat Susanne Meetz ihren Strandkorbverleih um ein Café bereichert. Dem dichten Strandhafer drum herum sieht man nicht an, dass er erst seit zwei Jahren sprießt. Holzbohlenstege führen hindurch, vorbei an einer Plattform über dem Meer, zum pastellgelben Bungalow mit Wintergarten und Reetdach: "Promenade 1".

"Scharbeutz", sagt Susanne Meetz, "hatte immer den schönsten Strand in der Lübecker Bucht." Hier, in der Mitte, wird nur feinster Sand angespült. Schon ihre Eltern betrieben an dieser Stelle einen Strandkorbverleih.

Eine massive Straßenbrücke erinnert noch an das alte Stadt- Entrée. "Früher gab es einen Wendehammer", erzählt Susanne Meetz. "Autos wurden außen um den Ort herumgeleitet; ein schmaler Durchgang führte zum Strand, der von der Promenade kaum zu sehen war." Jetzt werden Besucher ans Wasser gelockt, in der "Promenade 1" zum Kaffee geladen. Auf der Bank vor der Strandkorbvermietung sortiert eine Familie Schaufeln und Schwimmtiere.

Buntgemischten Badegäste

Vor der Terrasse promenieren eine ältere Dame im Frotteemantel, junge Eltern, ein Paar in identischen Anglerwesten und Siebenachtelhosen, ein Mops mit Strasshalsband, Campinghemd- und Schirmmützenträger, Jogger - als wollten die buntgemischten Badegäste beweisen, dass auch das moderne Scharbeutz nicht mondän sein möchte, sondern nur hübsch, naturnah und freundlich.

Susanne Meetz serviert Philadelphia-Torte mit Zitronenschale und Minze, ihr Lieblingsrezept. Pommes gibt es bei ihr nicht. Aber eine Currywurst im Glas mit hausgemachter Soße, mild, würzig oder feurig. Frische Tomatensuppe oder gebackenen Schafskäse. Fischbrötchen, Flammkuchen, ausgesuchten Wein. "Ich verkaufe nur, was mir selbst schmeckt."

Die leidenschaftliche Köchin hat sich wie viele von der Aufbruchsstimmung anstecken lassen. Ihr Mann ist Tischler, er hat das Haus für das Café gebaut. Bei Hochbetrieb helfen die Söhne mit. Die Großeltern kommen liebend gern zum Nachmittagskaffee in ihr altes Reich und sind begeistert, was ihre Tochter daraus gemacht hat. Ein paar freie Tage vor dem Saisonstart hat Susanne Meetz auf Sylt verbracht und hörte von ihrer Vermieterin: Sie sind doch aus Scharbeutz, da muss ich unbedingt mal gucken kommen. "Früher", erzählt sie lächelnd, "hätten sie mich nur mitleidig angeguckt."

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