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Die Schatzinsel vor Frankreichs Westküste

Naturwunder in rauen Mengen: Vor der Küste der Bretagne birgt der Atlantik ein Reich mit rund 800 Inseln. Wir lüften eines seiner Geheimnisse. Die Île de Groix ist die Bretagne en miniature.

Von Harriett Wolff

  Île de Groix: Vor dem Dorf Locmaria dümpeln Segelboote.

Île de Groix: Vor dem Dorf Locmaria dümpeln Segelboote.

Wenn man sich doch nicht entscheiden müsste … Aber mehr als 800 bewohnte und unbewohnte Inseln und Inselchen liegen im äußersten Westen Frankreichs vor der bretonischen Halbinsel im Atlantik verstreut – keine Chance, sie alle kennenzulernen! Wie zwei Scheren eines Krebses umklammern sie eine der überraschendsten Küstenlandschaften Europas, geprägt vom Tanz der Gezeiten. Selbst Frankreich-Kenner machen hier noch Entdeckungen.

Mehr als 2700 Kilometer misst der Wasserstreifen: Schroff und zerrissen im äußersten Westen, lieblich und grün am Ärmelkanal, weit und sandig im Süden. Armor und Argoat nennen sich auf Bretonisch das Land am Meer und die Heideflächen dahinter, einst mit dichten Wäldern bedeckt. Unsere Autorin erforschte sieben ganz unterschiedliche Schmuckstücke, fand kleine Hotels im Marine-Look und Bistros am Meer. Das abwechslungsreiche Groix etwa bietet grandiose Strände. Sein ist das karge Urbild einer Hochseeinsel weit draußen im Meer und die Île de Bréhat im Ärmelkanal wie geschaffen zum Tagverträumen.

Île de Groix: die Bretagne en miniature

"Puh, erstmal staubwedeln." Jean-Luc Le Port sagt es in einem derart gelassenen Ton, wie ihn nur Insulaner hinbekommen, weit weg vom hektischen Festland. Der 56-Jährige zieht seine Schiffermütze ab, kaut Kaugummi. Vom Meer drängt eine salzige Brise durch die Ritzen des Grand Phare, ein Seeadler umkreist ihn mit weit ausgebreiteten Schwingen. Mit einem Riesenfeudel geht der Wärter über das Leuchtfeuer des großen Leuchtturms an der westlichen Landspitze Pen Men, dem zerfurchten Gesicht dieser an Kontrasten so reichen Insel. Jean-Lucs amphibischer Arbeitsplatz ist dem Atlantik ständig ausgeliefert.

Ein weiter Blick belohnt die Kraxelei die steile Wendeltreppe hinauf. Wohl auf keiner anderen bretonischen Insel wechselt die Natur derart unvermittelt ihre Erscheinung. Wird wild und geht abrupt in lieblich über, gibt sich karg und schwankt gleich zu verschwenderisch - Groix ist ein Stück Bretagne en miniature. Weite Ebenen grenzen an Hügellandschaften. Gemüse wächst in Blumenfeldern, und auf lange Sandstrände folgen dramatisch zerklüftete Klippen, manche stürzen bis zu 40 Meter ins Wasser hinab.

Auf dem Weg zum Treffen mit dem Leuchtturmwärter hatten außerhalb der bunt gestrichenen Inselstadt Le Bourg die Pappeln gerauscht, in der Luft lag ein herbwürziger Duft. Über Artischockenfelder wehte er und Pinienhaine. Und dann, nach einer Kurve, hinter der ein Menhir stand, ein überlebensgroßer Hinkelstein, begann ein schnurgerades Sträßchen, führte durch Heide zum Leuchtturm. Rund um den Grand Phare dehnt sich der karge, westliche Inselteil Piwisy, eingefasst von Klippen, zerschnitten von Buschwerk, Sandwegen und Pfaden, die am Horizont im schaumgekrönten Meer enden.

Möwen im Sturzflug

Jean-Lucs Frau Marie-Annick kommt die Wendeltreppe hochgestiefelt, in der Hand ein Päckchen mit selbstgemachten, leicht salzigen Karamellbonbons. "Lassen Sie sich die auf der Zunge zergehen, wenn Sie vorn an den Klippen herumspazieren. Aber passen Sie bloß auf die Möwen auf. Die klauen wie verrückt!"

Keine Viertelstunde später ist es tatsächlich so weit: Im Sturzflug stibitzt einer der Vögel das Päckchen aus der Hand, fliegt kreischend fort. Der Küstenpfad ist Teil des mehr als 30 Kilometer langen Wegs rund um Groix und mäandert hier zwischen Wiesenmatten und flechtenübersäten Findlingen. Auf einem Stein zanken sich drei Möwen ums Karamell, inmitten von Wiesenschaumkraut und violettem Klee und nur übertönt vom wummernden Meer. Die Landspitze Pen Men ist begehrte Brutstätte für Vögel und Teil eines Reservats voller Naturwunder: Sechzig Mineralienarten gibt es auf Groix - für Forscher ein Traum. Denn sehr viele der Mineralien verbergen sich anderswo in tiefen Erdschichten, so etwa der blaue Glaukophan, ein urzeitliches Schiefergestein.

Urzeitliches Glaukophan

Ihm sind zwei japanische Geologiestudentinnen während ihres Europatrips im hügeligen Osten auf der Spur. "Unser Professsor schickt uns", erzählt Etsu. "Er ist totaler Groix-Fan." Zu dritt geht es wenig später durch Farnhügel, grün und geriffelt wie Reptilienrücken, und einen Pfad voller Brombeerbüsche entlang zum Meer. Dort türmt sich weißer Sand: Les Grands Sables heißt einer der ungewöhnlichsten Strände Europas. Er ist konvex, nach außen gewölbt, bedingt durch zwei genau hier aufeinanderprallende Meeresströmungen. Auf einem Felsen unweit des Wassers werden Mami und Etsu fündig, unter Quietschlauten fotografieren sie die graublaue Schieferspur.

Am Nachmittag setzt Aufbruchstimmung bei den Tagesausflüglern ein. Die letzte Fähre verlässt gleich den lebendigen kleinen Hafen Port Tudy. Der liegt fast um die Ecke, genau richtig für einen Sundowner. Kir Breton, Cidre mit Cassis, wird im "Café de la Jetée" serviert, mit Blick auf Segelyachten und knallbunt gestrichene Fischkutter. Richtung offenes Meer stehen im goldenen Schnitt zwei Hafenleuchttürme, einer mit grünem, einer mit rotem Häubchen. Als die Fähre vom Festland sich gemächlich ins Hafenbecken hineinschiebt, hebt ein Angler ganz langsam die Hand und winkt in Richtung Kommandobrücke. So gelassen macht er das, wie es eben nur Insulaner hinbekommen.

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