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Windig, schroff und abgeschieden

Weit draußen vor der Küste der Bretagne trotzen die Île d'Ouessant und ihre 850 Bewohner den Urgewalten. Im Sommer lockt die Insel Kreative und Ruhesucher, im Winter wird sie zum vergessenen Ort

Fünf Leuchttürme warnen auf der Île d'Ouessant vor den gewaltigen Strömungen rund um die Insel

Fünf Leuchttürme warnen auf der Île d'Ouessant vor den gewaltigen Strömungen rund um die Insel

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Die Teufelskrabbe ist unruhig. Das Tier, so groß wie ein Handball, liegt mit dem Rücken auf einer Waage, strampelt mit den Beinen, die Scheren schnappen ins Leere. Die Krabbe wehrt sich gegen den Untergang. "Wie koche ich die denn?" , fragt der Mann vor dem Tresen. Ondine Morin, zierlich, Gummistiefel, Pferdeschwanz, kennt solche Fragen. "Das ist ganz leicht" , sagt die 32-jährige Fischerin. "Einfach eine Viertelstunde in Salzwasser kochen." Vorsichtig packt sie das Tier an einer der Scheren, lässt es in eine Tüte fallen und reicht sie über den Tresen. "Bon appetit."

Hinter Morin hängen Zettel mit den Angeboten des Tages: Teufelskrabbe aus der Reuse, Pollack, Seebarsch handgeangelt. Vor ihr liegen tote Fische ordentlich nebeneinander, in einer Kiste kriechen Krabben, die Ausbeute der vergangenen Nächte. Ondine Morin und ihr Mann Jean-Dénis gehört auf der Île d'Ouessant die westlichste Fischbude Frankreichs. Gut 20 Kilometer vor der Küste der trotzen die Insel und ihre 850 Bewohner dem Meer. Nach Ouessant, acht Kilometer lang, vier Kilometer breit, kommen nur noch der Atlantik und irgendwann Amerika.

Die Insel lockt mit herbem Charme und Urgewalt

Wegen des Windes wachsen hier kaum Bäume, die wenigen Ausnahmen sind schief und flach. Wellen klatschen heftig an die schroffen Felsen im Westen. Das Gurgeln, Schäumen und Krachen der Brandung tönt weit über die Wiesen mit dem Heidekraut und den Ginsterhecken, unterbrochen bloß vom Schreien der Möwen und Blöken der Zwergschafe.

Ondine Morin ist auf der Île d'Ouessant aufgewachsen. Mit Orkanen im Winter und gleißendem Licht im Sommer – und bei Nacht. "Alle paar Sekunden huscht ein Lichtstrahl durch das Zimmer", sagt sie. Das sind die Strahlen des Phare de Créac'h, eines der fünf Leuchttürme der Insel. Zwei stehen auf dem Eiland, drei sind im Meer verankert. Sie könne beruhigter schlafen, wenn irgendwo ein Leuchtturm blinke, sagt Morin. Der schwarz-weiße Phare de Créac'h beeindruckt auch Touristen. Wer ihn im Dunkeln besucht, sieht seine starken Strahlen wie einen schützenden Schild aus Licht über sich gleiten.

Kapitäne waren früher auf die Leuchttürme angewiesen: denn zwischen Ouessant und der Küste verläuft die Passage du Fromveur. In dieser Fahrrinne peitscht die gewaltigste Gezeitenströmung Europas das Wasser auf, überall ragen Riffe empor, hier sind schon etliche Schiffe gekentert. Es lauern tückische Strömungen und hohe Wellen, oft wabert Nebel durch die Passage. Nur wenige Fischer wagen sich hinaus, Morin und ihr Mann gehören dazu. Meist fischen sie zum Sonnenaufgang mit ihrem Acht-Meter-Boot. Der Respekt vor dem Meer fährt immer mit. Morgens bringt Morin den Fang zur Fähre und zum Flugplatz, die kleine Maschine von Finistair fliegt regelmäßig mit Post und Fisch nach Brest. Am Vormittag verkauft Morin die restliche Ware in Lampaul, dem einzigen Dorf mit ein paar Läden und Bistros.

Restaurant und Unterkunft auf der 15 Quadratkilometer großen Insel 

Restaurant und Unterkunft auf der 15 Quadratkilometer großen Insel 


Morin war nicht immer auf der Insel. Sie ging nach "" , wie ihre Eltern sagten, ein paar Jahre lang studierte sie Umwelttechnik in La Rochelle. Doch sie hatte Sehnsucht und kehrte zurück. Mit ihrem Mann begann sie sich ein Leben aufzubauen, damals gab es nur zwei Fischer. Schon der Großvater habe gefischt, erzählt Morin. Bis ihn das Meer holte: "Eines Tages ist er nicht mehr zurückgekommen."

Zum Anfang der Welt

Wenn die Stürme im Frühjahr in weichen Westwind übergehen, kommen die Touristen. Eine gute Stunde braucht die Fähre aus Le Conquet. Im Hochsommer bringt sie täglich mehr als 1000 Besucher. Ouessant zieht viele Kreative an. Stadtmenschen, die Ruhe und Natur suchen. Typen wie Philippe Fournié, 53. Der Architekt aus Paris hat sich eines der Granithäuser mit den blauen Fensterläden gemietet. Er will am Drehbuch für einen Film arbeiten. Ohne dass ihn jemand stört. "Die Abgeschiedenheit der Insel ist perfekt."

Viele Besucher kehren abends aufs Festland zurück, manche aber bleiben ein paar Tage zum Wandern, Radfahren, Tauchen. Wer badet, muss Kälte abkönnen, selten erwärmt sich das Wasser auf mehr als zwölf Grad. Die Römer nannten diesen Teil der Bretagne mit den vielen Inseln einst Finis terrae: Ende der Welt. Bretonen aber sehen das ganz anders. Sie nennen ihre Heimat Penn Ar Bed: Anfang der Welt.

Auf der Île d'Ouessant leben mehr Schafe als Menschen

Auf der Île d'Ouessant leben mehr Schafe als Menschen

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In der Inselmitte, im Dickicht aus knallgelbem Ginster, steht ein Mann im kakifarbenen Schutzanzug vor einem Bienenstock. Es ist Romain Morin, der Bruder von Ondine. Wie sie kehrte der 38-Jährige zurück nach Ouessant. Wie sie musste er sich seine Existenz erschaffen. Er arbeitet als Imker. Mit bloßen Händen zieht er Rahmen aus dem Stock. Eine schwarze Masse brummt auf den Waben: Tausende Bienen.

Ein Kilogramm Honig für 48 Euro

Morin und sein Partner betreuen gut 50 Stöcke, sie züchten die seltene schwarze Honigbiene. Nirgendwo sonst gedeihe diese reine Art so prächtig wie auf Ouessant, sagt er. Das liegt auch am Meer. Die Bienen können nicht weg von der Insel, die Schadstoffe vom Festland sind weit, und der viele Wind hält Schädlinge ab, sagt Morin. Die Tiere leben von den wenigen nährstoffreichen Pflanzen, die auf dem kargen Boden wachsen: Hornklee, Blausterne, Heidekraut, Stechginster, Brombeerhecken.

Später am Küchentisch reicht Molin einen kleinen Löffel hinüber. Mehr Honig zum Testen gibt es nicht. Die 500 Kilo vom Vorjahr sind ausverkauft, die Warteliste ist lang. Obwohl ein Kilo gut 48 Euro kostet. "Das ist der teuerste Honig Frankreichs, aber auch der beste", sagt Molin. Sogar gegen Entzündungen soll er helfen.

Drei Supermärkte, ein Arzt, eine Grundschule, ein Friseur und spröde Ursprünglichkeit – für die Geschwister Morin ist Ouessant der richtige Ort zum Leben. Als kurz vor Mitternacht das letzte Licht vom geschluckt wird, schlafen sie bereits. Bewacht von den Leuchttürmen, deren Strahlen über Straßen und Schieferdächer gleiten. Irgendwo heult der Wind.


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