
Das neue "Mudam" zeigt zeitgenössische Kunst© Dagmar Schwelle/Geo Saison
Fremdes Kapital wird hier natürlich ebenfalls gern aufbewahrt und vermehrt, darauf ist man in Luxemburg spezialisiert. Man hatte auch nicht die geringsten Bedenken, das "Mudam", das spektakuläre Museum für moderne Kunst, nach Plänen des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei zu bauen. Die Philharmonie wurde dagegen von einem in Marokko geborenen Franzosen geplant und die Leitung dem Österreicher Matthias Naske übertragen. Das soeben eröffnete Meliá-Hotel gegenüber beschäftigt 65 Mitarbeiter aus 22 Nationen.
Fast 150.000 Menschen kommen jeden Tag aus Belgien, Frankreich oder Deutschland zum Arbeiten ins Land, man könnte sich tatsächlich fragen, wie es diese Ausländer eigentlich schaffen, die Luxemburger zu integrieren. Die Einheimischen verhalten sich gern abwartend. Doch während sie selbst eher das Risiko scheuen, sind sie durchaus neugierig auf fremde Ideen. Zeigt jemand Initiative, kann er in Luxemburg so gut wie alles machen, glaubt Matthias Naske, der hier einiges verwirklichen konnte, was anderswo schwieriger gewesen wäre. Beispielsweise ein Konzertangebot für Ein- bis Dreijährige oder das Rainy-Day-Festival, dessen Eröffnung im städtischen Schwimmbad stattfand und das mit einer wahrhaft rauschhaften Kombination von Wein und Musik endete, bei der Künstler und Zuschauer sich die Bühne der Philharmonie und den Alkohol brüderlich teilten.
Bei einem Rundgang durch die Straßen wird man übrigens mit Sicherheit irgendwann von irgendwoher Blasmusik hören, denn Luxemburg hat wahrscheinlich die höchste Fanfarenchordichte der Welt, sagt der Chef der Philharmonie bewundernd, der den Amateurmusikern regelmäßig Auftrittsmöglichkeiten bietet.
Ausländerprobleme gibt es nur in geringem Umfang, Fremdenfeindlichkeit wäre in einem Land mit notorischem Arbeitskräftemangel auch eine absurde Haltung. Dabei war Luxemburg jahrhundertelang von Fremden besetzt und unterdrückt. Heute kommen Italiener, Belgier, Franzosen, Holländer oder Preußen zu Besuch und bezahlen Eintritt, um die wirklich eindrucksvollen Festungsbauwerke zu besichtigen, die ihre Vorfahren in der Hauptstadt errichtet, zerschossen und unverdrossen neu aufgebaut haben.
Auch beim Pâtissier Oberweis scheut man sich nicht, erlesene ausländische Zutaten einzusetzen, damit perfekte Luxemburger Gebäckstücke oder Pralinen entstehen. Die Mosel, einen Fluss, der eigentlich in Frankreich hergestellt wird, benutzt Luxemburg sogar als Landesgrenze.
Noch mehr Ausländer kommen regelmäßig auf dem Jakobsweg, der natürlich auch durch Luxemburg führt. Die Landeshauptstadt bietet Pilgern zwei Wallfahrtskirchen: In der Kathedrale wird die Muttergottes als "Trösterin der Betrübten" verehrt. Im Stadtteil Grund betet man zur "Schwarzen Notmuttergottes".
Die Regierung des Landes arbeitet Tag für Tag unermüdlich für das Wohl aller Luxemburger, ob sie nun aus Portugal, Italien, Deutschland oder von den Kapverden stammen. Die Politiker leben dabei nicht abgeschirmt vom Volk, sondern mitten drin. Man kann ihnen täglich auf der Straße begegnen, auch Premierminister Jean-Claude Juncker ist kein ungewöhnlicher Anblick. Einmal in der Woche treffen sie sich in einer Pizzeria gegenüber der Abgeordnetenkammer, was in der Stadt allgemein bekannt ist. Auf europäischer Ebene hat die Regierung von Luxemburg hauptsächlich die Aufgabe, der deutschen Regierung ins Gewissen zu reden, wenn sie wieder Geld ausgeben will, das sie nicht hat.
Das Amt des Staatschefs bekleidet Grand-Duc Henri, der Großherzog. Er wird natürlich nicht gewählt, sondern geboren. Die herzogliche Familie genießt im Land hohes Ansehen. Brücken, Museen, Straßen und Plätze sind nach Mitgliedern des Herrscherhauses benannt, den Herzog kann man sogar beim Einkaufen und Kaffeetrinken in der Innenstadt treffen, allerdings nicht zu festgelegten Zeiten. Selbst die KPL, die Kommunistische Partei Luxemburgs, würde es nicht wagen, die Abschaffung der Monarchie zu fordern.
Luxemburg wird gern als Europa en miniature bezeichnet, wobei man sich fragen kann, ob Europa nicht eher Luxemburg en gros ist. Im Stadtteil Kirchberg haben viele europäische Institutionen ihren Sitz: das Generalsekretariat des Europäischen Parlaments, der Europäische Rechnungshof, der Europäische Gerichtshof und die Europäische Investitionsbank.
Die Gebäude, in denen sie residieren, sind teilweise gewagte architektonische Schöpfungen und machen einen weitaus durchsichtigeren Eindruck als die Politik der EU. Besonders großartig ist die Europäische Investitionsbank, die von außen wie ein Bargeldbeschleuniger wirkt.
Keine andere Stadt, nicht einmal Brüssel, hat ein solches Spektrum an europäischen Behörden zu bieten wie Luxemburg, die aber als Touristenattraktionen noch viel besser erschlossen werden könnten. Da die Stadt über keinen Zoo verfügt, gäbe es hier die einzigartige Möglichkeit, seltene ausländische Beamte in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Selbstverständlich, ohne sie beim Brüten zu stören oder gar aufzuscheuchen.