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17. Juli 2008, 08:27 Uhr

Welthauptstadt des Design

Wo Turin gerne isst: Slow Food bei Eataly© Ludwig Moos

Das Gestalten der Stadt hat eine starke Tradition. Seit die Savoyer Turin im 16. Jahrhundert zu ihrem Hauptsitz machten, schufen die höfischen Baumeister und ihre bürgerlichen Nachfolger auf einem großzügigen Straßenraster ein reiches Ensemble an Palästen, Kirchen, Arkaden und Plätzen. Extravaganzen wie die Mole Antonelliana blieben die Ausnahme. Um 1860 als Synagoge geplant, lief der Bau aus Ziegeln und Stein völlig aus dem Ruder und geriet mit 167 Metern schließlich zum markanten Wahrzeichen der Stadt. In der mächtigen Kuppel, durch die ein frei aufgehängter Fahrstuhl die Besucher zur Aussichtsplattform trägt, zeigt das Museo Nazionale del Cinema eine der üppigsten Sammlungen aus der Welt des Films.

Zukunft mit Vergangenheit

Vom Monte dei Cappuccini, einem der grünen Hügel jenseits des Po, präsentieren sich Mole und Altsstadt vor der grandiosen Kulisse der Alpen. Als sei die untadelige Lage der Stadt nicht Reiz genug, hat das potente Geschlecht der Savoyer an der Peripherie Lustschlösser im Dutzend gestreut. Rivoli zum Beispiel, das mit kühnen Einbauten zum Museum für zeitgenössische Kunst wurde. Oder Venaria Reale mit seinen schier endlosen Barockgärten, in dessen Raumfluchten die Taten der Herrscherfamilie mit ein wenig Hilfe von Peter Greenaway ins Bild gerückt werden. Im Sommer des Designjahres sind unter dem hohen Gewölbe des ehemaligen Marstalls Italiens Spitzenprodukte aus den letzten 50 Jahren zu sehen, alle ausgezeichnet mit dem Compasso d'Oro.

An ihrer Zukunft arbeiten die Turiner seit zwanzig Jahren mit Nachdruck. Und sie nutzen dabei konsequent die Hinterlassenschaften der harten, schmutzigen Industrie. Den symbolträchtigen Anfang machte das Fiatwerk Lingotto aus den 1920ern. Nach den Plänen von Renzo Piano verwandelte sich der lang gestreckte Bau in ein multifunktionales Zentrum mit Geschäften, Kinos, Restaurants, Kongressräumen und Messehallen. Im Luxushotel Art+Tech schauen die Gäste durch die bodentiefen Fenster, die früher die Autoschrauber optimal mit Licht versorgten, auf frisches Grün, Bahngeleise und die bunten Quader des olympischen Dorfes, rasch zu erreichen über die am signalroten Bogen des Arco Olimpico aufgehängte Fußgängerbrücke. Auf das Dach, auf dem bis 1982 die Werksfahrer ihre Runden drehten, hat Piano einen technoiden Schrein für die Kunststiftung der Agnellis und La Bolla gesetzt, eine blaugrüne Glaskugel mit Hubschrauberlandeplatz für Meetings der Fiatspitze.

Bewegung im Zeichen der Schnecke

Beim Nordausgang des Lingotto geht es nach Eataly. In die alten Gemäuer einer Wermutdestille ist ein Supermarkt kulinarischer Köstlichkeiten eingezogen. Mit frischen Waren und gepflegten Getränken, meist von kleineren Erzeugern des Landes, in hoher Qualität und zu fairen Preisen. An langen Tresen kann verkostet werden, ein dichtes Programm hilft beim Entwickeln der Esskultur.

Hinter diesem verführerischen Angebot steckt die Philosophie von Slow Food: gegen die hochindustrielle, globalisierte Vermarktung von Lebensmitteln lokale Produkte, Biodiversität und die Vielfalt des Geschmacks zu stärken. Womit Carlo Petrini und ein paar Freunde in Bra, eine Autostunde südlich von Turin, vor einem Vierteljahrhundert begannen, das hat sich längst zu einer weltweiten Bewegung ausgewachsen. In der kleinen Stadt am Rande der Weinregion Langhe hat Slow Food Italien noch immer sein Hauptquartier, noch immer schwebt in der Osteria del Boccondivino, dem Gasthaus zum göttlichen Happen, der Geist der Gründer über den Töpfen und Pfannen.

Die betuchteren Besseresser können sich in der Agenzia di Pollenzo, wenige Kilometer außerhalb von Bra, einquartieren. In den neogotischen Mauern eines ehemaligen Mustergutes der Savoyer hat Slow Food mit großzügigen Stiftern die erste Universität für gastronomische Wissenschaften eingerichtet. Ein nobles Hotel, zwei Restaurants und die Banca del Vino, die in ihren Gewölben alle Weine Italiens lagert, haben auch noch Platz gefunden.

 
 
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