HOME

In Andermatt residierte das Schweizer Militär - ein Ägypter hat nun neue Pläne für das Bergdorf

Andermatt war einst Standort des Schweizer Militärs und ohne jegliche Zukunft. Bis vor zehn Jahren ein Milliardär aus Ägypten kam und in seine Vision investierte: Aus dem Relikt des Kalten Krieges soll ein attraktiver Wintersportort werden - ein Ortstermin.

Andermatt im Schweizer Kanton Uri: Das Dorf befindet sich mitten im Umbruch. Aus dem ehemaligen Standort des Militärs wird ein Reiseziel für Sommer- und Winterferien auf hohem Niveau.

Andermatt im Schweizer Kanton Uri: Das Dorf befindet sich mitten im Umbruch. Aus dem ehemaligen Standort des Militärs wird ein Reiseziel für Sommer- und Winterferien auf hohem Niveau.

Bänz Simmen kramt einen von Hand beschriebenen Zettel aus der Auslage seines Internetcafés "Gotthard 61", hängt ihn an die Tür und versperrt sie von außen. "Ab 16.30 Uhr offen", steht nun da. Es ist früh um 9 Uhr in Andermatt, Kanton Uri, Zentralschweiz. Simmen hat besseres zu tun, als in seinem Laden Espresso, Lottoscheine und Schweizer Taschenmesser zu verkaufen.  Der 52-Jährige ist Ortsführer. "Es kommen viele, die wollen wissen: Wie fühlt sich das an in Andermatt mit diesem Ägypter?", sagt er. "Entwickelt sich da was? Hat Andermatt eine Zukunft."

Der Mann mit der Schiebermütze schwingt sich auf sein Mountaunbike, rumpelt über die gepflasterte Dorfstraße hinunter. Am Ortsrand, 1100 Meter entfernt, steigt er an einer Natursteinkirche aus dem Sattel. Die Kolumbans-Kirche ist eine der ältesten der , erbaut im 11. Jahrhundert. "Hier entstand damals das alte Dorf", sagt Simmen. Die ersten Siedler haben 300 Jahre lang einen entbehrungsreichen Kampf gegen Steinschlag und Lawinen gekämpft. Sie schrieben das Unheil der Naturgewalt dem Teufel zu. "Dann kamen die Walser und haben drüben, in der schattigen, aber Lawinen sicheren Ebene das neue Dorf gegründet."

Jetzt, 1000 Jahre später, entsteht Andermatt das dritte Mal. Baukräne erheben sich hinter Bänz Simmen, ehemals Chemielaborant und Snowboardlehrer. Ein achtstöckiger Hotelneubau mit angegliederten Residenzen ist so gut wie fertig, eine Konferenzzentrum ebenso, vier Appartementhäuser stehen schon. Der neue Bahnhof soll im kommenden Jahr fertig sein, Bauzäune und Kräne auch da. Hier soll der Knotenpunkt für den Glacier-Express entstehen, eine der großen Touristenattraktionen des Landes. Auf unterirdischen Rolltreppen soll es hinüber gehen zur neuen Gondelbahn, für die Helikopter gerade die Stützmasten anfliegen.

Magnat aus dem Morgenland: Samih Sawiris

In Andermatt, inmitten der Nord-Süd-Achse der gelegen, entsteht das größte touristische Bauprojekt im gesamten Alpenraum. Wenn alles fertig ist, sollen hier einmal 4000 Menschen wohnen können. So soll dem Bergdorf das Überleben gesichert werden. Denn Andermatt war, wie viele kleine Dörfer in den Alpen, die nicht vom Tourismus leben können, vom Aussterben bedroht. "Bisher sind die Jungen alle abgewandert", sagt Simmen. "Die Alten blieben zum Sterben." Das soll sich jetzt ändern - mit Hilfe des ägyptischen Milliardärs Samih Sawiris, der hinter dem Mammut-Projekt steckt. Sawiris plant, hier insgesamt drei Milliarden Euro zu verbuddeln.

Der ägyptische Milliardär und fließend Deutsch sprechende Samih Sawiris hat bereits einen Teil seines Vermögens in das Tourismusprojekt Andermatt Swiss Alps investiert.

Der ägyptische Milliardär und fließend Deutsch sprechende Samih Sawiris hat bereits einen Teil seines Vermögens in das Tourismusprojekt Andermatt Swiss Alps investiert.



Der Magnat aus dem Morgenland, der sich als Entwickler von touristischen Großprojekten wie El Gouna in Ägypten einen Namen machte, hat sich mit Andermatt einen Standort ausgesucht, der früher zu den ganz großen Namen im Schweizer Fremdenverkehr zählte. "Mir ist's unter all den Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste", schrieb Goethe, der hier früher mit der Postkutsche angereist ist. Zu Zeiten der Belle Époque war Andermatt in einer Reihe mit und Zermatt. Der Bau des Gotthardtunnels am Ende des 19. Jahrhunderts leitete den Niedergang von Andermatt als Touristendestination ein.

Vor 80 Jahren schon gab es Pläne, den Ort mitsamt dem Tal zu fluten, um das Land als Stausee für die Energiegewinnung zu nutzen. Dann kam das Militär und baute hier das Herz der Schweizer Nationalverteidigung auf. Hier wollte sich die Führung des Landes im Fall eines Angriffs zurückziehen. Die Gebirgsmassive rundum sind ausgehöhlt durch ein weit verzweigtes Tunnelsystem, ausgestattet mit Kommandozentralen, Spitälern und Notunterkünften mit Platz für bis zu 30.000 Soldaten.

Es war einmal: Monokultur Militär

Am Ortseingang weisen die Verkehrsschilder noch den Weg an die "Militärbasis Ost" und "Militärbasis West". Gleich links thront die Kaserne mit Schweizer Flagge auf dem Dach.  "Andermatt lebte 70 Jahre prima von dieser Monokultur. Hier herrschte Planwirtschaft", sagt Bänz Simmen auf seiner Führung durch den Ort. "Die Wirte wussten am Anfang des Jahres, wie viel Schnitzel sie kaufen mussten. Es musste auch nicht sonderlich schmecken, kein Kellner lächeln."

Andermatt Swiss Alps

Grundsteinlegung zum Haus Alpenrose in Resort der Swiss Alps in Andermatt: Michael Ganter, Investor Samih Sawiris und Franz-Xaver Simmen der Swiss Alps AG  (v.l.n.r.).



Die Hotels waren trotzdem voll mit Offizieren und Soldaten, obwohl es mitunter durchs Dach schneite. "Den Hoteliers faulte das Haus unterm Hintern weg, aber es reichte ihnen trotzdem noch für Ferienvillen in Spanien und im Tessin", sagt Simmen. Und wer kein Hotel besaß, fand als Festungswächter beim Militär eine krisensichere, gut bezahlte, lebenslange Anstellung.

Damit war es Anfang der 1990er Jahre, mit Ende des kalten Krieges, vorbei. Damals fiel bei der Regierung in Bern der Entschluss, den Standort abzubauen. "Da standen wir plötzlich mit abgesägten Hosenbeinen da", sagt Simmen. "Hier gab es nur Bruchbuden, keinen Servicegedanken und keine touristische Zukunft mehr." Lediglich bei Tiefschnee-Freaks war der Ort angesagt, weil  sonst keiner kam. Es war zwar alles verlottert, dafür war der Powder unberührt. Selbst die meisten Schweizer kannten Andermatt höchstens noch vom vorbei fahren, vom verhassten Militärdienst oder vielleicht auch noch durch den Namen des Andermatter Skifahrers Bernhard Russi, ehemals Weltmeister und  Olympiasieger.

Nobelherberge in den Bergen: The Chedi

Der sitzt heute in Sawiris Projektgesellschaft Swiss Alps AG im Aufsichtsrat, deren oberster Chef aus Ägypten teilweise euphorisch als der neue Heilsbringer gefeiert wurde. Denn Anfang der 2000er-Jahre war die Einwohnerzahl auf dem Tiefstand von 1327. Das reicht kaum noch zum eigenständigen Überleben einer Gemeinde. Unter 1000 Einwohner, so lehrt die Geschichte, ist kein Dorf überlebensfähig. Damals schloss die letzte Apotheke. Und ein Wirtshaus und ein Hotel nach dem anderen. Einen Arzt gab es schon lang nicht mehr.

The Chedi Andermatt.

Das bereits 2013 eröffnete Luxushotel mit 44 Zimmern, 62 Suiten und Residenzen: The Chedi Andermatt.


"Wenn ich mich damals mit meinem ehemaligen Mitschülern zum Klassentreffen in Andermatt getroffen habe, kamen alle von weit her, weil keiner mit einer guten Ausbildung zu Hause einen Job gefunden hat", sagt Franz-Xaver Simmen, 43, Bauingenieur mit Wirtschaftsexamen, heute CEO von Sawiris Swiss Alps AG. Er selbst witzelte damals, vielleicht müsse man doch die alte Idee mit dem Stausee doch verwirklichen und Andermatt einfach verschwinden lassen. Ernst war das nicht gemeint. Aber es zeigt, wie groß die Verzweiflung der Bergler war.

96 Prozent der Andermatter stimmten in einer Bürgerbefragung vor 12 Jahren dafür, Sawiris und seiner AG eine Million Quadratmeter Grundstück für eine Million Euro zu verkaufen, damit er darauf seine Ideen verwirklichen kann. Zunächst entstand am Ort des ehemals ehrwürdigen Grandhotels "Bellevue" das Luxushotel Chedi, das asiatischen Chic mit alpenländischem Luxus verbinden will.

Appartements für 11.000 Euro pro Quadratmeter

Die Nobelherberge, im vergangenen Jahr wurde vom Gault-Millau der Schweiz zum "Hotel des Jahres" gekürt, sollte nicht nur ein Statement Sawiris für den Aufbruch sein, sondern auch ein Magnet für eine neue Gästeschicht. Es sollte kapitalkräftige Gäste anlocken und animieren, in den Ausbau des Ressorts zu investieren. Bis jetzt ist das Hotel kein gutes Geschäft. Mit 65 Prozent Auslastung ist es ein Zuschussbetrieb.

The Chedi Andermatt

Die durchgestylte Bar und das Wohnzimmer des Chedi mit wärmenden Kaminfeuern und Fellen.


"Werden sie Eigentümer einer Residenz im Chedi Andermatt", steht auf Plakaten, überall verteilt im Dorf. Andere werben für den Kauf von Appartements, die auf der gegenüberliegenden Seite der Bahngleise entstehen. Der Preis liegt der derzeit im Schnitt bei 11.000 Euro pro Quadratmeter. Ein Schnäppchen im Vergleich zu St. Moritz, wo 19.000 Euro pro Quadratmeter aufgerufen werden. Aber Andermatt ist nicht St. Moritz. Vor allem am Anfang lief es schleppend.

"Hier dachten viele, Sawiris ersetzt das Militär", sagt Ortsführer Bänz Simmen. Er vergleicht das Geld, das der Ägypter investierte, mit einem Kuhfladen auf der Wiese. "Das Geld ist wie Dünger. Aber es zieht auch viel Ungeziefer an." Viele seien gekommen, um das schnelle Geld zu machen. Die meisten davon sind inzwischen wieder weg. Das schnelle Geld war hier nicht zu machen.

Andermatts neues Skigebiet und ein Golfplatz

"Nach der anfänglichen Euphorie war eine gewisse Ernüchterung eingetreten", sagt der Vorstandsvorsitzende Franz-Xaver Simmen. So fanden auch die zerstritten Betreiber der örtlichen Liftgesellschaften keine Basis, gemeinsame Sache zu machen und die veralteten Lifte zu erneuern. Als Franz-Xaver Simmen vor zwei Jahren seinen Posten antrat, drängte er bei Sawiris darauf, sich als Hauptinvestor mehr im Skigeschäft zu engagieren. "Man hat lange unterschätzt, wie wichtig die Weiterentwicklung der Bergbahnen ist", sagt Franz-Xaver Simmen. "Andermatt ohne Skigebiet ist wie ein Sommerresort ohne Zugang zum Strand."

Andermatt Swiss Alps

Im Osten Andermatts: Upgrade für die Skiarena Andermatt mit den Stationen Nätschen und Gütsch bis auf eine Höhe von 2433 Metern.


Vor ihm auf dem Tisch liegen dicke Ordner mit prall gefüllten, komplizierten Genehmigungsverfahren. Derzeit sind 200 Mann und 45 Bagger am Berg im Einsatz, um vier neue Liftanlagen zu bauen. Zu Beginn der kommenden Saison sollen sie weitgehend fertig sein. Spätestens auf die Saison 2018/2019 hin soll die Verbindung von Andermatt und Sedrun per Ski möglich sein. "Das wird ein großer Schritt", sagt Simmen. Er weiß, dass Andermatt sich Attraktivität erst erschaffen muss. Zum Beispiel auch durch den 18-Loch-Golfplatz, der im vergangen Jahr eröffnete. Fachleute sagen, es sei einer der besten Plätze in der Schweiz.

Andermatt Swiss Alps

Einlochen auf dem Golfplatz von Andermatt im Sommer 2017 beim Swiss Ski Golf Trophy 


Natürlich soll auch der Golfplatz dazu dienen, Investoren anzuziehen, auch wenn er wegen des rauen Klimas nur an vier Monaten im Jahr bespielbar ist. Sobald in einem der neuen, dicht stehenden Appartementhäuser 60 Prozent der Wohnungen  verkauft sind, wird das nächste gebaut. Insgesamt 42 Häuser sollen es werden, daneben Chalets. Eines, rund zehn Millionen Franken teuer, steht schon. Ob der Plan weiter aufgeht, wird die Zukunft zeigen. Nationalen Erhebungen zufolge lässt das Interesse an Ferienwohnungen in der Schweiz nach. Die Preise sinken landesweit. Nur in Andermatt sind sie gestiegen, genauso wie die Einwohnerzahl im Ort.

Mit den Menschen kommt die Zuversicht zurück

Viele Fassaden im alten Ort sind inzwischen renoviert, das alte Andermatt hat sich herausgeputzt. Für das neue wird derzeit per Volksbefragung nach einem Namen gesucht. Blank gewienerte Pferde-Postkutschen scheppern mit verschleierten Chedi-Gästen durch den Ort. In der einst aufgegeben Apotheke hat sich eine schicke Weinbar eingerichtet. "Es gibt eine Chance, wenn die Leute aufwachen und sich am Service-Gedanken orientieren", sagt Ortsführer Simmen am Abend in "Spycher", im Winter bislang die angesagte Apès-Bar der Freerider.

Am Nachbartisch sitzen Wehrpflichtige in Uniform. Wie viele Soldaten noch hier sind, ist Staatsgeheimnis. Mehr als ein paar hundert sind es nicht.  Wirtschaftlich spielen sie keine Rolle mehr. Sie sind nur noch ein Relikt. Bänz Simmen lebt auch gut ohne sie - von den Chedi-Gästen, zum Beispiel. Nach seiner Ortsführung hat er eine betuchte Familie zu den kümmerlichen Resten des Rhone-Gletschers geführt. Danach ist er zum Heidelbergpflücken in wilde Felder gezogen, die er keinem Kunden verraten würde. 30 Kilo hat er mit einem Freund gepflückt, verkauft sie für je 20 Franken an örtliche Hotels, die nun wieder Bedarf haben.

Bänz Simmen hat Hoffnung, dass es weiter Arbeit und ein Auskommen gibt. Zur Mahnung an die düstere Vergangenheit hat er eine uralte Postkarte nachdrucken lassen, wie sie vor Jahrzehnten gemalt wurde. Darauf sind von dem Dorf Andermatt nur wenige Häuser zu sehen. Der Rest ist in einem Stausee untergegangen. In seinem Laden verkauft er die Karte, das Stück für 2 Franken 50.


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity