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Stinkehaufen hinter der Krippe

Barcelona in der Weihnachtszeit: Neben dem Stall des Heilands sitzt ein Hirte und verrichtet sein Geschäft. Der "Caganer", oder auch "Scheißer", ist eine beliebte katalanische Volksfigur. Nur Ausländer rümpfen über sie die Nase.

Von Heike Sonnberger

Auf dem Vorplatz der Kathedrale in Barcelona lässt der Papst die Hosen herunter und entblößt seinen pinkfarbenen Po. Neben ihm hocken Ronaldinho und der Präsident des katalanischen Parlaments und - kacken große braune Haufen. Ein paar Meter weiter halten Homer Simpson, der Teufel und Letizia von Spanien eine Sitzung ab. Nackte Hintern und jede Menge Kot.

Die fäkalen Vollversammlungen finden auf Regalbrettern der Weihnachtsbudenbesitzer der Fira de Santa Llúcia - Barcelonas ältestem Weihnachtsmarkt - statt. Die Mitglieder sind aus Ton und daumengroß, ihr Kot völlig geruchsneutral. "Caganer" heißen die putzigen Figürchen, kleine "Scheißer". Sie sitzen zwischen Jesus, Maria und Herden kleiner Schafe.

Stuhlgang unter Kunstgrasbäumen

Es fing alles an mit der Geschichte eines biblischen Hirten, dem die Aufregung um die Geburt des Heilands auf den Darm geschlagen war. Er verdrückte sich aus dem Stall hinter den nächsten Baum und erleichterte sich dort auf höchst menschliche Weise. Eine plausible Anekdote. Doch nur die Katalanen integrieren den Hirten seit dem 17. Jahrhundert begeistert in ihre Weihnachtskrippen.

Und das nicht nur zum Spaß. Eine symbolische Bedeutung haben sie ihrem Caganer inzwischen verliehen: Das Feld soll er düngen und so Glück und eine reiche Ernte bringen. Und ein Nestbeschmutzer sei er keineswegs, da er niemals in der Krippe sein Geschäft verrichte. Kinder verstecken den Caganer stattdessen unter Kunstgrasbäumen und hinter Pappmachéfelsen.

Pinkelnde Ärzte, kackende Polizisten

Der moderne Caganer ist längst nicht mehr nur ein Hirte. Besonders katalanische Politiker und Spieler der Fußballmannschaft Barça werden gerne liebevoll in Abortstellung parodiert. Aber auch Cartoon-Figuren und Berufsgruppen wie Ärzte und Polizisten gibt es in Caganer-Version. Besonders exzentrisch: ein roter Teufel, ein Brautpaar und Baby Jesus mit Heiligenschein. An Touristen verkauft sich - wie erwartet - US-Präsident Bush am besten.

In den Holzbuden hat der Caganer inzwischen Gesellschaft bekommen von der "Caganera" - besonders prominent vertreten durch Letizia von Spanien - und einem Wasser lassenden Genossen, dem "Pixaner". Leise pieselt's im Schnee.

Bürgermeister samt Fäkalien

Die selbst gemachten Tonfiguren seien allerdings in Gefahr, warnt Esteban Fabregas Ferrer, dessen Familie auf dem Weihnachtsmarkt seit Generationen die regionalen Ikone verkauft. Billige Plastikware aus China würde die katalanische Handwerkskunst aus den Regalen drängen.

Trotzdem - der Caganer hat Hochkonjunktur. Große und kleine Schulkinder drängen sich quietschend und kichernd an den Reihen sich erleichternder Figuren vorbei. Am Stand von Fabregas Tochter Adelina sucht die 13-jährige Laura nach dem katalanischen Politiker Josep-Lluís Carod-Rovira. Hegt sie gegen den vielleicht einen Groll? "Quatsch, der gefällt mir!", sagt sie.

Es ist offensichtlich eine große Ehre, als Caganer getöpfert und in einer Krippenlandschaft hinter einen Baum gesetzt zu werden. Es blieb vor Weihnachten leider keine Zeit mehr, auch den neuen Bürgermeister der Stadt samt Fäkalien zu modellieren. Ekelig oder abstoßend ist der Caganer für die Katalanen auf keinen Fall. Der 75-jährige Lluís Mestre wird geradezu wütend über solche Unterstellungen: "Warum?! Der Präsident scheißt, der König scheißt... das ist doch ganz normal!"

"Niemals kann man ihn verbieten!"

Nicht jeder findet die Figur allerdings stubenrein. "Der versaut Weihnachten doch voll!", empört sich eine junge Deutsche auf der Fira de Santa Llúcia. Doch in Katalonien steht der Caganer für mehr als eine Ladung ländlichen Fäkalhumors. Er ist Tradition und vor allem ein Emblem des Regionalstolzes. Trotzig grenzen sich die Katalanen mit ihren Bräuchen vom Rest Spaniens ab. Der Caganer ist dabei als Wahrzeichen der Region nicht wegzudenken.

Deshalb war die Entrüstung auch groß, als Barcelonas Bürgermeister dem Caganer in den vergangenen beiden Jahren ein Örtchen in der prominenten Krippe auf dem Plaça de Sant Jaume untersagt hat. "Niemals kann man den Caganer verbieten!", schimpft Standbesitzer Fabregas noch heute. "Den Spaniern kann man den Stier schließlich auch nicht verbieten!"

Wo ist der Caganer?

Dieses Jahr hat Barcelona einen neuen Bürgermeister - und der kleine Scheißer sollte auf dem Plaça de Sant Jaume wieder mit dabei sein. Doch am Vorabend des zweiten Advents ist er nirgendwo zu finden. Passanten spähen hinter Felsen und Büsche. Wo ist der Caganer? "Cagando", grinst der Aufpasser der Stadtverwaltung verschmitzt - am Scheißen.

Dann wird der Herr mit der grünen Uniform ernst. Zwei Schafe und einen Engel habe man ihm schon geklaut. Deshalb habe sein Boss befohlen, den Caganer über Nacht in Sicherheit zu bringen. Am nächsten Morgen ist er tatsächlich zurück und streckt seinen nackten Hintern in die Dezembersonne.

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