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Sightseeing per Mietfahrrad

In vielen europäischen Großstädten werden Mietfahrräder immer häufiger auch von Touristen genutzt. Wir zeigen, wie die praktischen Verleihsysteme in Berlin, Paris und London funktionieren.

Von Till Bartels

  Für kurze Wege in der Stadt ideal: Call a Bike heißt das Fahrradmietsystem der Bahn für 60 Städte in Deutschland.

Für kurze Wege in der Stadt ideal: Call a Bike heißt das Fahrradmietsystem der Bahn für 60 Städte in Deutschland.

In Deutschland gehören sie längst zum Stadtbild, die silber-roten Fahrräder mit ihren breiten Rahmen und dicken Rädern. Vor mehr als zehn Jahren startete die Bahn unter dem Namen "Call a Bike" ein Mietradsystem, das inzwischen auf 60 Städte ausgeweitet wurde. Die An- und Abmeldung per Handy war im Jahre 2002 eine Revolution.

Heute stehen die 8500 Räder nicht nur an ICE-Bahnhöfen, sondern auch U-Bahnstationen, öffentlichen Plätzen und Straßenkreuzungen. Sie sollen bei kurzen innerstädtischen Wegen eine Alternative zum Auto und eine Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr sein. Einmal registrierte Kunden können per Handyanruf oder mit der App auf ihrem Smartphone, mit der Kreditkarte oder mit einem Chip losradeln. Neben den Beitrag zum Umweltschutz hat das Mietsystem einen weiteren Vorteil: In Stuttgart und Hamburg sowie beim Pauschaltarif ist die Benutzung innerhalb der ersten 30 Minuten kostenlos.

Und "Call a Bike" erfreut sich großer Beliebtheit: Nach Angaben der Bahn haben sich deutschlandweit schon 680.000 Nutzer (Stand: August 2014) registriert. Hatte die Bahn anfangs vor allem auf Berufspendler gesetzt, halten sich Viel- und Gelegenheitsfahrer mittlerweile die Waage. Und in einigen Großstädten ist ein Phänomen zu beobachten. "Gerade in München und Berlin wird der Service häufiger von Touristen genutzt", berichtet eine Bahnsprecherin auf Nachfrage.

Kein Wunder, denn per Rad lässt sich eine fremde Stadt bestens erkunden: Man selbst hat Routenführung und Zeitplan in der Hand, kommt rasch von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit und muss wenig bezahlen. Voraussetzung sind nur eine gültige Bankkarte und die Registrierung, die am einfachsten im Internet funktioniert - einmal für alle 60 deutschen "Call a Bike"-Orte, inklusive Hamburg, wo das System unter dem Namen "Stadtrad" läuft.

Umsatteln in Berlin und anderswo

In Berlin, Deutschlands unangefochtenes Städtereiseziel Nummer eins, ist "Call A Bike" bei Besuchern aus dem In- und Ausland attraktiv. Viele Touristen sieht man an den Verleihsäulen (zum Stadtplan mit Stationsverzeichnis), wie sie sich spontan registrieren, um sich die Hauptstadt selbst zu erfahren: Sie sind per Bike auf den Spuren des alten Mauerverlaufs unterwegs, erobern sich vom Sattel aus die Trendviertel wie Prenzlauer Berg oder Kreuzberg und sehen mehr, als wenn sie nur zu Fuß durch Berlin laufen würden.

Aber nicht nur in Deutschland, lassen sich die Städte bequem per Mietrad erkunden, auch in an deren europäischen Metropolen locken Verleihsysteme Touristen aufs Zweirad. Etwa London und Paris.

  Miet-Vélos vor dem Pariser Rathaus: Aus vélo (Fahrrad) und liberté (Freiheit) entstand das Kunstwort Vélib.

Miet-Vélos vor dem Pariser Rathaus: Aus vélo (Fahrrad) und liberté (Freiheit) entstand das Kunstwort Vélib.

Weltrekord in Paris

Im Land der Tour de France setzt die Hauptstadt auf Mobilität mit dem Leihfahrrad. Vor knapp fünf Jahren startete der Vélib-Service, der ein Heer von 20.000 Miet-Vélos unterhält. Mit 1800 Leihstationen in 20 Arrondissements hält Paris den Rekord weltweit: Fast alle 300 Meter findet man im Zentrum von Paris eine Verleihstation. Am Wochenende lassen sich der Vélib-Räder bestens nutzen, da macht das Fahrradfahren auf der Avenue des Champs-Élysées richtig Spaß: Der Autoverkehr hält sich in Grenzen, und die Fahrradständer haben viel freie Plätze für die Rückgabe. Das Tarifsystem ist in Paris so ausgelegt, dass eine kurze Nutzung unter einer halben Stunde kostenlos ist, ein längere teuer und eine Tagesmiete unerschwinglich wird. Tipp: Die Räder im Halbstundentakt wechseln.

Aber an Werktagen wird die Fortbewegung mit einem Vélib-Rad problematisch: Abgesehen von den Pariser Autofahrern, die auf Fahrradfahrer keine Rücksicht nehmen, blockiert der überwältigende Erfolg des Systems eine Nutzung für Touristen: Da viele Pariser mit den Vélib-Rädern morgens zur Arbeit fahren, sind fast alle Fahrradständer in der Innenstadt ab 10 Uhr blockiert. Die Abgabe eines Leihrades wird damit zum Problem, weil die Suche nach einem freien Stellplatz mehr als eine halbe Stunde in Anspruch nehmen kann. Denn zur Abgabe muss in Paris das Bike in einem Ständer einklicken, ein orangenes Lämpchen leuchtet grün auf und es piepst zwei Mal. Es darf nicht neben einem überfüllten Fahrradstand abgestellt werden, wie es bei zum Beispiel nach einer Verbesserung in Hamburg oder Berlin inzwischen möglich ist.

  Auch Cycle Hire, Londons Mietradsystem, wird Geldern der öffentlichen Hand subventioniert

Auch Cycle Hire, Londons Mietradsystem, wird Geldern der öffentlichen Hand subventioniert

Mit Boris Bikes im Londoner Linksverkehr

Um den Verkehrsinfarkt vorzubeugen, hat London schon 2003 eine Citymaut eingeführt, die den Individualverkehr in der Innenstadt reduziert. Nachdem viele Londoner das Fahrrad als Verkehrsmittel wiederentdeckten, hat auch die Stadtverwaltung ein öffentliches Verleihsystem eingeführt. Im Sommer 2010 startete "Cycle Hire", das von den Einheimischen "Boris Bikes" genannt wird - in Anlehnung an den amtierenden Londoner Bürgermeister Boris Johnson.

Das System funktioniert wie in Paris und basiert auf inzwischen 700 festen Stationen, die nicht nur in der Innenstadt zu finden sind, sondern auch im Osten Londons. Inzwischen sind 10.000 dunkelblaue Fahrräder im Einsatz, die laut Betreiber zu mehr als 90 Prozent für Fahrten unter 30 Minuten genutzt werden. Anders als die Räder in Paris oder Berlin, sind sie nicht mit einem Schloss versehen, sondern können nur an den Stationen gesichert werden. Bei der Abgabe erfolgt ein Papierausdruck mit einem vierstelligen Code, der an Leihsäulen zur Bestätigung eintippt werden muss.

Für Touristen ist Cycle Hire zu den roten Doppeldeckern und der Tube eine Alternative. Im Sattel lässt sich London aus einer anderen Perspektive erleben. Eine Registrierung ist vorab am bequemsten im Internet für den Tages- oder Wochentarif möglich. Praktisch: Wenn man eine Panne oder einen Platten hat: Das Rad bei der nächsten Station abgeben, den roten Störknopf drücken und mit einem anderen Rad weiterradeln.

Im Vergleich zu anderen Großstädten befindet sich Londons Fahrradsystem noch im Aufbau. Erst vier der insgesamt zwölf geplanten Cycle Superhighways, die sternförmig zum Zentrum führen, sind fertiggestellt. Aber schon jetzt ist das Netz der Stationen dicht geknüpft, wie der Streckenplan zeigt. Doch eines sollten London-Besucher vom europäischen Festland dringend beachten: Nicht gleich nach der Ankunft in London aufs Fahrrad umsteigen, sondern ein oder zwei Tage warten, um sich an den Linksverkehr zu gewöhnen. Dann fällt das Rechtsabbiegen wesenlich leichter.

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