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Für eine Handvoll Wüste

Das gibt es tatsächlich noch: ein wildes, unbebautes Stück Mittelmeerküste - in Spanien! Jedes Jahr fährt Geo-Saison-Autor Klaus Simon ans Cabo de Gata, wo er wie Clint Eastwood schwitzt und den Hippies beim Nichtstun zuschaut.

Westlich von San José beginnt New Mexico, jedenfalls das New Mexico, das ich aus dem Kino kenne: Lavaklippen werfen kantige Schatten, hohe Dünen stehen als silbrig schimmernde Sandberge vor dem Horizont. "Las Dunas del Cine", Kinodünen, nennen die Einheimischen die Halbwüste, in der Clint Eastwood einst als namenloser Reiter den Colt rauchen ließ. Dornige, sonst nur in Afrika beheimatete azufaifo-Sträucher säumen den Weg zu einem Dutzend unberührter Buchten zwischen San José und dem Cabo de Gata.

Hinter der westerntauglichen Landschaft glitzert das Mittelmeer in stoischem Blau. In einer der Buchten erinnert mich eine aus Steinen und Ästen zusammengebastelte Hütte daran, dass ich nicht allein über einen unbewohnten Planeten marschiere.

Wanderung zur Playa de los Genoveses

Sergio Leones Welterfolg "Für eine Handvoll Dollar" machte 1964 den Anfang, Dutzende weiterer Italo-Western folgten; alle wurden in der Halbwüste am Cabo de Gata, unweit von Almería, gedreht - zumindest die von der Sonne durchglühten Szenen. Mit 3000 Sonnenstunden pro Jahr ist das Europas regenärmster Landstrich. Und Spaniens letzter nahezu unverbauter Küstenabschnitt am Mittelmeer, 50 Kilometer lang. 1987 wurde er zum Naturpark, zehn Jahre später zum Biospärenreservat erklärt. Ungefähr zu der Zeit fuhr ich zum ersten Mal ans Kap, und seither reise ich jedes Jahr einmal her, um für eine oder zwei Wochen auszusteigen. Ich komme, weil es hier ganz vieles nicht gibt: keine stylische Bar, kein angesagtes Restaurant, kein Designhotel, keine Shoppingmeile. Dafür einen Fischer mit einem badezimmergroßen Laden hinter dem Hafen von San José.

Auf der Dorfplaza hält eine französische Alt-Hippie-Königin mit einem verbeulten Benz-Kombi täglich ab 11 Uhr Hof. Im Büro des Parque Natural Cabo de Gata-Nijar könnte ich für ein paar Cent einen der Computer benutzen, um meine Mails abzurufen, aber spätestens am dritten Tag interessiert es mich nicht mehr.

Die Wanderung von San José zur Playa de los Genoveses ist so etwas wie mein Ankunftsritual. Eine rote Plastikbude markiert am Ortsausgang von San José den Anfang einer Staubpiste zu den Stränden. Die Bude ist die letzte Möglichkeit, bis zum 15 Kilometer entfernten Leuchtturm am Cabo de Gata Wasser zu kaufen. Danach genieße ich den Luxus, die Mittelmeerküste für ein paar Stunden Fußweg mit fast niemandem teilen zu müssen.

Aussteigerparadies

Jedesmal ist mir die Playa de los Genoveses Belohnung für die schweißtreibende Tour: eine weite Sandsichel mit Eukalyptusbäumen, die im Wind rascheln. Hinter dem Strand erstreckt sich ein undurchdringliches Kakteenfeld mit Zwergpalmen, den einzigen einheimischen Palmen Europas. Am Horizont wölben sich die Vulkanhügel der knapp 500 Meter hohen Sierra de Cabo de Gata.

Nach Cala de San Pedro führt nicht einmal eine Staubpiste. Nur über einen aus dem Fels gehauenen Klettersteig kann man das vor Jahrzehnten verlassene Dorf erreichen. Heute lebt dort eine Hippiegemeinde. An ihrer Spitze steht Pura: Die Spanierin mag um die 70 sein und herrscht mit großmütterlicher Autorität über fränkische Tischler, australische Surfer und britische Dauerkiffer, denen die alte Siedlung zum Aussteigerhafen geworden ist. Bei meinem letzten Besuch gab es die ersten Solarzellen. Die kleine Bar, die Pura in der ehemaligen Wache der Guardia Civil betreibt, hatte prompt kaltes Bier im Kühlschrank.

Hippie-Watching auf der Yacht

Von Puras Terrasse blickt man zum alten Wehrturm, der die Ruine eines maurischen Castillo bewacht. Davor leuchten Bougainvilleasträucher in unwirklichem Pink. Die Szenen am Strand sind immer dieselben: Rastabelockte Hippies springen ins Wasser oder schichten Steine zu Kegeln auf. Pura, grauer Haarschopf und eine Schürze umgebunden, schaut von der Terrasse zu. Nur wenn sonntags betuchte Yachtbesitzer aus Almería zum Hippie-Watching in der Bucht ankern, legt sich ihre Stirn in Falten. Zu sehen ist sie dann bis zum Abend nicht mehr.

An solchen Abenden sitze ich am liebsten am Hafen von San José und betrachte das Schaulaufen der Wochenendurlauber. Oder ich zuckle, dieses Mal mit dem Auto, nach La Almadraba de Monteleva ins "El Parque", wo die Schlange von der Theke bis nach draußen an den Strand reicht. Jeder Gast wird mit einem donnernden "Pescado?" begrüßt. Frischer als im "El Parque" können merluza oder dorada nicht vom Grill kommen. Fisch und Meeresfrüchte werden direkt von den nussschalengroßen Booten am Strand in die Küche gebracht. Eine Mole zu bauen, die größeren Booten Schutz böte, verbietet der Naturpark.

Bei Carboneras, am nördlichen Rand des Naturparks, steht die Ruine eines pyramidengroßen Hotels. Der Bürgermeister, andalusische Politiker und Bauunternehmer hatten den Baubeginn 2003 gegen alle Gesetze durchgeboxt. Doch drei Jahre später wies ein mutiger Bezirksrichter sie in ihre Schranken. Jetzt wartet sie auf den Abriss. Und in den Fischerdörfern, die so archaische Namen tragen wie La Isleta del Moro ("Maureninselchen") oder Agua Amarga ("Bitteres Wasser"), wird man mich weiter über glühendheiße Klippen kraxeln sehen.

Check-In


Telefon: Vorwahl Spanien 0034
Anreise: Nach Almería, 20 Kilometer von Cabo de Gata entfernt, fliegt Ryanair (www.ryanair. com) von Düsseldorf (Weeze) aus.
Auskunft: Parque Natural Cabo de Gata-Níjar
San José
Avenida de San José 27
Tel. 950 38 02 99 www.cabodegata-nijar.com

Übernachten


El Dorado: Gelungener Neubau oberhalb des Hafens. Komfortable Zimmer, die schönsten mit Terrasse zum Meer.
San José, Calle de la Aguamarina
Tel. 950 38 01 18
www.hostaleldorado.com
DZ/F ab 55 €

Dona Pakyta: Beste Adresse oberhalb der Ortsstrände. Geräumige Zimmer mit Seeblick. Empfehlenswertes Restaurant "San José".
San José, Carretera Entrada
Tel. 950 61 11 75
www.hotelpakyta.es
DZ/F ab 75 €

Essen und Trinken


La Taberna del Puerto: Der beste Tisch an der Restaurantmeile des Yachthafens, ganz hinten. Terrasse mit Blick auf die Masten. Zeitgenössische andalusische Fischküche, originelle Tapas.
San José
Puerto Deportivo
Tel. 950 38 00 42; Mi geschl.
El Parque: Diese große Bretterbude mit den Ausmaßen eines Volksfestzelts ist vor allem an Wochenenden rappelvoll. Hier gibt es erstklassige Fischgerichte und delikate Meeresfrüchte.
La Almadraba de Monteleva
Carretera del Faro
Tel. 950 37 00 75

Anschauen


Salinas de Acosta: In den Salinen westlich des Cabo de Gata brüten Flamingos und Seemöwen. La Almadraba de Monteleva, von der Uferstraße zum Leuchtturm sichtbar

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