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Innenansichten eines Albtraums

In Los Angeles wird heute ein besonderes Kunstbuch vorgestellt: Es zeigt Fotos, aufgenommen im Wrack der "Costa Concordia". 30 Monate nach der Schiffskatastrophe schlich sich ein deutscher Fotograf heimlich an Bord. Wir zeigen Bilder aus dem Bauch des Havaristen.

Aufgeweichte Gepäckstücke im Gang

Ende einer kurzen Kreuzfahrt: Die Passagiere mussten die "Costa Concordia" am Abend des 13. Januars 2012 fluchtartig verlassen, nachdem das Schiff einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio gerammt hatte und leck geschlagen war.

Der Fotograf Jonathan Danko Kielkowski hat sich auf Architektur spezialisiert. Doch er lichtet nicht nur fertige Gebäude ab, sondern dokumentiert auch Abrissarbeiten, Bunker und Industrieruinen wie die ehemaligen Kohlegruben auf Spitzbergen.

Ende August 2014 suchte er einen unwirklichen Ort im Hafen von Genua auf: Das Geisterschiff "Costa Concordia" war wenige Wochen zuvor nach einer aufwendigen Bergungsaktion vor der Insel Giglio im Mittelmeer zum Abwracken in die italienische Hafenstadt geschleppt worden.

"Das zerstörte Kreuzfahrtschiff ist sichtbar und zieht mich an wie ein Magnet, so dass ich es schließlich wage, hinüber zu schwimmen", sagt Kielkowski. "Allen Widrigkeiten zum Trotz, finde ich das Schiffswrack frei zugänglich - weder Zäune noch Sicherheitspersonal! Die Türen stehen offen, das Licht ist eingeschaltet, kein Mensch weit und breit." Eine Einladung für einen Fotografen, der uns mit seinen einmaligen Aufnahmen vor Augen führt, dass eine Kreuzfahrt auch im 21. Jahrhundert zum Albtraum werden kann: 32 Menschen verloren bei der Schiffskatastrophe ihr Leben.

Kielkowskis irreale Bilder des Zerfalls erscheinen jetzt in einem Fotobuch, das am 11. Februar auf der LA Art Book Fair im Museum of Contempory Art (MOCA) offiziell vorgestellt wird. Der aufwendig gestaltete Bildband "Concordia" erscheint bei White Press in Freiburg.

Im Vorwort des Buches weist Christoph Schaden auf die Tatsache hin, dass nicht nur die "Titanic" Eingang in die Filmgeschichte gefunden hat, sondern auch die "Costa Concordia". 2010 drehte Regisseur Jean-Luc Godard auf dem Luxusliner und ließ in Filmminute 16 seinen Protagonisten mit der Kamera sagen "Wozu das Licht? Wegen der Dunkelheit" - eine Anspielung auf den Untergang der "Titanic" im Jahre 1912.

"Während des Drehs konnte Jean-Luc Godard noch nicht wissen, dass ausgerechnet das Kreuzfahrtschiff, das er als Kulisse seines Filmwerks auserkoren hatte, zwei Jahre später zu einer realen Katastrophenszenerie mutieren sollte. Tatsächlich spielte der erste Satz seiner Symphonie 'Film Socialisme' auf der 'Costa Concordia', jenem Luxusliner, der am Abend des 13. Januar 2012 vor der toskanischen Insel Giglio havarierte."

Angst und Panik herrschten damals an Bord. "Mit den Newstickern des Unglücks sprang in den Massenmedien sogleich die Allegorie-Maschine an", schreibt Schaden. "Reflexartig wurde die Frage verhandelt, welche Bedeutung dem Schiffbruch beizumessen sei. Artikulierte sich hier nicht auch eine Zeitenwende, hieß es sogleich, das Ende unserer Epoche?"

Bekanntlich lag die "Costa Concordia" nach dem Navigationsfehler von Kapitän Schettino eineinhalb Jahre in Schräglage auf einem Felsen, ehe der rostige Stahlkoloss wieder aufgerichtet und später abgeschleppt werden konnte. Doch zuvor ließ die Costa-Reederei den markanten gelben Schornstein mit dem "C" in der Hoffnung abmontieren, den Ruf der Marke nicht noch weiter zu schädigen.

Helge Schlaghecke, der Verleger des Bildbandes "Concordia", will allerdings kein Katastrophenszenarium nachzeichnen. Er weist darauf hin, dass der Bildband "ausdrücklich den über 4000 Überlebenden, 32 Verstorbenen, deren Freunden und Angehörigen gewidmet ist."

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