Im südöstlichsten Zipfel des Bundeslandes Sachsen glaubt man noch an Gespenster. In den Baumwipfeln der Kulturinsel Einsiedel nahe Görlitz überlassen acht Trolle ihre Holzhäuser Touristen. Der Erfinder der guten Geister wurde dafür mit dem deutschen Tourismuspreis ausgezeichnet. Von Roland Brockmann

Auf Stelzen gebaut: Die Baumhäuser auf der Kulturinsel Einsiedel© Roland Brockmann
Die Tür ist windschief, die Fenster sind ebenfalls ohne Wasserwaage angebracht und das Wohnzimmer gleicht einer maritimen Antiquitäten-Schatzkiste - Thor Alfsons Astpalast ist eine der ungewöhnlichsten Ferienwohnungen Deutschlands: ein Baumhaus. Die schrägen Fenster und Türen sind gewollt, sie schließen ausgezeichnet. Und im Baumwipfel nebenan hängt die nächste Hütte, Judaks Trollfamilienhaus, ebenso schief und gleichzeitig professionell gezimmert.
Die in luftiger Höhe gebauten Baumhaus-Quartiere stehen auf der Kulturinsel Einsiedel unweit von Görlitz. Es ist das erste Baumhaushotel Deutschlands, das seit Juni 2005 Gäste empfängt und beständig wächst. Der Hotelier erhielt dafür 2006 den Deutschen Tourismuspreis. Der Deutsche Tourismusverband prämiert damit Neuerungen in der Branche.
Dabei ist Jürgen Bergmann eigentlich kein Hotelier, sondern Künstler. Der gelernte Holzbildhauer, 52, hat sich viel von seiner Kindheit bewahrt. Auf seiner auf Baumkronenhöhe gebauten Terrasse, sitzt er in einer schwarzen und einer weißen Socke und blickt zufrieden auf sein Werk. Mit ein paar fantasievollen Spielskulpturen fing er einst an. Sie standen zunächst auf seinem umgebauten Bauernhof. Seine Arbeiten verkaufte er auf Trödelmärkten. Heute beliefert Bergmann Spielplätze in ganz Europa mit seinen riesigen Holzskulpturen.
Er liefert nur Unikate, schlägt nur Produkte vor, die er persönlich toll findet und will in seiner Firma keine Arbeiter um sich haben, sondern nur Freunde. Weltfremd ist er allerdings gar nicht: Die Auftragsarbeiten finanzieren seinen Abenteuerfreizeitpark, auf der sich Kunst und Kultur abseits von Stadt und Dorf begegnen sollen – die Kulturinsel Einsiedel. Es begann 1992 mit einer kleinen Kunstgalerie. Dann entstand die Kulturscheune mit Bühne, Kamin und Bar. Ein Ort für Lesungen, Konzerte, Hochzeiten und Zentrum einer weitflächigen Spiellandschaft mit Piratenschiff, Zauberschloss, abenteuerlichen Brücken und Geheimgängen. Letztes Jahr kamen 100.000 Besucher.
Viele Tagesgäste wollten auch übernachten, aber in diesem versteckten Winkel der Republik gab es nur wenige Angebote. So entstand 2005 die Idee von Baumhaushotel, in Sichtweite von Bergmanns eigenem Baumhaus, in das der sich noch heute manchmal zurückzieht – wenn er die Abgeschiedenheit in der Höhe sucht.
Die unterschiedlich großen Häuser sind überraschend luxuriös ausgestattet: Weder an Elektrizität, fließendem Wasser oder Kochgelegenheit fehlt es. Thor Alfsons Astpalast etwa bietet zwei Schlafgemächer, Kochnische, Salon und einen Balkon von dem aus man einen weiten Blick über die Grenze nach Polen genießt. Wer hier frühmorgens rechtzeitig aufsteht, gehört zu den ersten hierzulande, die die Sonne aufgehen sehen. Ein wahrhaft königliches Gefühl, wenn auch nur auf wenigen – und sehr verwinkelten Quadratmetern. Ein Baumhaus, so findet der Erschaffer des kleinen Reichs inmitten von Zweigen, Blättern und zwitschernden Vögeln, darf nicht rechtwinklig sein. Baumhäuser sind Kinderträume. „Und nur Erwachsene“, so Bergmann, „denken im rechten Winkel.“ Sechs Erwachsene können ihr übernachten und der von Hausherr Bergmann ersonnenen Legende nach, gehört die Behausung Hafenarbeiter Thor Alfson, daher der maritime Schnickschnack.
Insgesamt acht Baumhäuser warten in acht bis zehn Metern Höhe inmitten von viel Grün auf Gäste, durch Holzstege sind sie mit einer Plattform in der Mitte des Hotelareals verbunden. Jedes Baumhaus ist höchst individuell gebaut und hat von Bergmann seine eigene Geschichte erhalten. Die Häuser sind demnach Hinterlassenschaften der Inselgeister von Turi Sede. In Fionas Luftschloss klebt Blümchentapete an einigen Wänden, an anderen fantasievolle Deckenmalereien. JudkasTrollfamilienhaus zieht sich über zwei Etagen und in Bodelmutzens Geisterschloss gibt es eine Spiegelsaaltoilette. „Es gibt Besucher“, so Bergmann, „die ihr Baumhaus nach dem Geist auswählen, den sie mögen.“ Um die Geister gütig zu stimmen, bringen manche Gäste gar kleine Gaben mit – Muschelketten etwa oder einen schrillen Wecker. Die kleinen hinterlassenen Accessoires werden dann Teil des Hauses und dessen Geschichte.
Es geht also nicht einfach ums Übernachten, sondern ein Erlebnis jenseits eingetretener Tourismuspfade und nicht zuletzt die Wiederentdeckung der Kindheit - als die eigene Welt nicht nur aus langweiligen rechten Winkels bestand.
| Weitere Infos |
| Kulturinsel Einsiedel in Neißeaue, Ortsteil Zentendorf, Tel. 035891/4910 und www.kulturinsel.de |
| Anfahrt: über die A4 Richtung Görlitz, Abfahrt Kodersdorf oder mit der Bahn bis Görlitz, anschließend mit den Buslinien 139/140 nach Zentendorf |
| Übernachten: Die Baumhäuser können mit vier bis sechs Personen bewohnt werden, kosten pro Nacht mit Frühstück zwischen 203,50 Euro und 305,50 Euro. |