Bis zur Entdeckung Amerikas galt die Kanareninsel als westlichster Zipfel der Welt. Schroff fallen die Küsten von El Hierro ins Meer. Naturliebhaber werden hier im Sturm erobert. Von Wolfgang Röhl

© Olaf Ballnus
Kennen Sie den? Kommen zwei Deutsche nach Valverde (Valverde wo?). Einer bestellt in der Bar Zabagu (nie gehört, oder?) Café con leche und Tee. Er erhält einen Milchkaffee, in dessen Schaum ein Teebeutel steckt (stark, was?) Die Tresenfrau, mager wie eine Bergziege nach langer Dürre, nimmt ihren Fusionsdrink auf unsere Beschwerde hin klaglos zurück. Ihre Miene signalisiert: Die wissen auch nich, was sie wollen, die Ausländer ...
Schön, dass es in Zeiten globalisierten Reisens hier und da noch Plätze gibt, wo Slapsticks passieren wie aus einer Heinz-Erhardt-Touristenklamotte. El Hierro, die kleinste und abseitigste der sieben Kanareninseln, wird gerne als El culo del archipélago bewitzelt, Arsch des Archipels. Von hier, dem Rand der damals bekannten Welt, startete Kolumbus seine zweite Altlantikquerung. Schroff aus dem Meer ragend, so gut wie strandfrei, oben oft in Nebel gehüllt, unten in Teilen karg wie der Mond, war sie nie ein Magnet für Urlaubermassen. Die Anreise dauert einen ganzen Tag, denn vom europäischen Kontinent gibt es keine Nonstop-Flüge. Auf der Piste ihres Flugplätzchens landen nur Propellermaschinen. Die Fähren zu den Nachbarinseln wurden in den vergangenen Jahren schneller, attraktiv aber sind Preise und Verbindungen noch immer nicht. Keine einzige Hotelkette unterhält hier eine Filiale, abgesehen von einem herrlich gelegenen staatlichen Parador. Kurz, nach Hierro muss man wirklich wollen, sonst kommt man nie hin.
Schafft man es, erobert sie einen stürmisch. Allein die Fahrt zum Parador, der umrahmt von Vulkanbergefalten in Las Playas liegt, ist eine Augenfiesta. Blicke auf scheinbar kahle Berge und Hügel, schwarzbraunrötlich im Sonne-Wolken-Wechsel changierend. Sukkulenten, die lange Zeit ohne Wasser auskommen, haben es ins Gestein geschafft. Das Meer glänzt oft mit weißen Kappen. Es kann gewaltig wehen auf El Hierro! Die ATR 72 aus Gran Canaria oder Teneriffa schaukelt dann vor der Landung beängstigend.
Die Einheimischen haben einen Heidenrespekt vor der Natur. 1999 wütete ein Unwetter, das sich ins kollektive Gedächtnis grub. Sintfluten, Sturm, dazu ein Seebeben. Eine Riesenwelle traf den Parador und riss jede Menge Möbel und den halben Pool ins Meer. Der Nachtportier hatte das Desaster irgendwie geahnt und die Gäste evakuiert.
Südlich vom Parador endet die Straße. Man muss wieder zurück, um in andere Ecken der Insel zu gelangen. Alles wirkt ganz nah - auf der Karte. In Wahrheit winden sich die Straßen. Die Fahrten ziehen sich hin, während man gemütlich auf beinahe leeren Straßen an den Hängen entlangkurvt. Wie ein Witz muten Schilder mit einer Balgenkamera an, die Miradores annoncieren, Aussichtspunkte. Ganz Hierro ist ein Aussichtspunkt.
Über Valverde gelangt man in den Norden. Das Örtchen Pozo de las Calcosas mit seinen beiden gischtumtobten Meerwasserschwimmbecken liegt vor einer Ehrfurcht gebietenden Bergkulisse - schade, dass es extrem steinschlaggefährdet ist und daher nur sporadisch bewohnt wird. Nicht weit davon liegt der von Lanzarotes Architektengenie César Manrique entworfene Mirador de la Peña. Ein perfekt in den Lavagarten gebettetes Restaurant mit Aussicht. Und mit was für einer! Direkt am Steinhang, hoch über dem weit geschwungenen, grünen Tal El Golfo gelegen, bietet es spektakuläre Perspektiven.
In der Nähe steht die Kapelle Ermita Virgen de la Peña. Früher baten die Insulaner dort vor ihrem Abstieg über schmale, steile Pfade ins Tal um himmlischen Beistand. Es war eine Höllentour, die sie zweimal im Jahr unternahmen, gefährlich und kräftezehrend. Wenn man heute durch einen Tunnel ins Tal kommt - die Einheimischen sagen: in den Golf fährt -, hat man den Eindruck eines prosperierenden Gemeinwesens. Hier blühen die Blumen, hier scheint die Sonne. Hier bauen sie Bananen, Ananas und Wein an. Streng wirtschaftlich betrachtet ist nichts davon vernünftig. Aber das gilt für viele subventionierte Agrarflächen in Europa.
Hier haben sich die meisten der 400 Ausländer - überwiegend Deutsche - Häuser gebaut. Ein paar von ihnen ruhen auf dem fotogenen Schubfach-Friedhof. Der Golf ist die Schoko-Seite der Insel. Sein Zentrum Frontera wirkt lockerer und südländischer als die 600 Meter hoch gelegene, oftmals nebelklamme Hauptstadt Valverde. An den Charcos, Badestellen in den Lavafelsen, kann man bei ruhiger See schwimmen. Im Museumsdorf Guinea wird das harte Leben der Herreños in verschiedenen Epochen dargestellt. Und der hübsche Glockenturm der Kirche Nuestra Señora de Candelaria steht vor einer schwarzen Steilwand wie für einen Film errichtet. Am Arco de la Tosca, einem Felsbogen 25 Meter über dem schäumenden Meer, werfen Angler ihre Blinker aus. Kein Wunder, dass die Hälfte der rund 1500 Gästebetten im Golf steht, verteilt auf Apartments, Pensionen und ein paar kleine Hotels.
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Ausgabe 29/2008