Mit dem Surfbrett aufs Zimmer

Ein Strandhotel mit Bullyparkplatz, ein Kino im Retrolook und Surfershops. Das einst biedere Sankt Peter-Ording wird gerade hip. Bei den Friesen dauert eben alles etwas länger. Von Katja Senjor

Ein leiser Piepton durchbricht die Stille. Christian Kohbarg stellt die Teetasse auf den Tisch, steht von seinem Stuhl auf, schiebt einen blauen Hemdzipfel in die Hose, geht vor die Tür, setzt sich wieder an den Computer und schreibt in die Maske: Regen 0 mm, Luft 19 Grad, Sicht sehr gut, Windstärke 5, Barometer 56 Millibar.

Alle halben Stunden schlägt der Computer Alarm, er erinnert den Meteorologen in St. Peter-Ording, dass er die aktuellen Wetterdaten in die Zentrale des Deutschen Wetterdienstes melden muss. Natürlich speisen eigentlich hochtechnische Messgeräte das Gros des Programms ganz automatisch, aber den Blick vor die Tür lässt sich Kohbarg nicht nehmen: 24 Mal läutet der Computer pro Schicht, knapp 6000 Mal pro Jahr, mehr als 50 000 Mal seit seinem ersten Arbeitstag. Dramatisches Wetter meldet Kohbarg selten von der Halbinsel Eiderstedt, im Winter hin und wieder einen Sturm. Oder Nebel, der wie eine Wand den Strand und die Dünen verschluckt.

Kein heimliches Übernachten in den Bullis mehr

Heute schaut er fast bis Helgoland, so gut ist die Sicht über die Nordsee. Die bunten Segel Hunderter Kitesurfer tanzen auf dem Blau, vor den Dünen breiten sich die Marsch- und Salzwiesen aus, auf kleinen Seen schwimmen Brandgänse und Stockenten. Eine Straße windet sich zwischen Deich und Grün. Immer wieder fahren Laster vorbei. Warum eigentlich? Christian Kohbarg hat zwar einen Großteil des zwölf Kilometer langen Strandes, die Holzstege am Strand, die Pfahlbauten am Wasser, die vier Ortsteile Böhl, Dorf, Bad und Ording fest im Blick, aber keinen echten Überblick. Hier wird ein neues Hotel gebaut? Ach was. Und nebenan hat das erste Hostel eröffnet? Is'n Ding.

Friesen wie Kohbarg machen beim Reden grundsätzlich nicht viel Aufhebens. Und wenn etwas Neues selbst vor ihrer eigenen Haustür passiert, dauert es tatsächlich eine Weile, bis sie es so weit annehmen, dass sie darüber reden wollen, weshalb die Ordinger ganz erstaunt tun, wenn sich 20-jährige Wind- und Kitesurfer mit gehäkelten bunten Beanie-Mützen in Flip-Flops unter ihr Kurpublikum mischen.

Dass die endlose Sandfläche an der offenen Nordsee schon lange ein Spielplatz der Sportler ist, die tagsüber die perfekten Bedingungen, Wellen und Wind schätzen, ist nicht neu. Neu ist, dass sie jetzt nicht mehr nur heimlich in Bullis am Strand übernachten und sich dabei immer wieder erwischen lassen müssen, sondern auch hinter dem Deich nach dem Tag am Strand in der neuen Dependance der "Sansibar" essen oder trinken gehen, im Bali-Flair-Shop von Anne Taegert neue Mützen kaufen, sich im wiedereröffneten Kino "Nordlicht" an kleinen Tischchen mit kleinen Lämpchen und Tischservice einem cineastischen Juwel hingeben und danach vielleicht gar nicht am Strand, sondern im neuen "Ording Beach Strandhostel" übernachten.

Übernommen aus ...

Übernommen aus ... ... Geo Saison, Heft 04/ 2012, ab sofort für 5 Euro am Kiosk

  zurück
1 2
 
 
Jetzt bewerten
2 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?