Eine Städtereise mal nicht nach London oder Paris: Unser Autor hat sich in der Hauptstadt des vielsprachigen Zwergstaates verlaufen. Er staunt, wie gut es den vielen Ausländern in Luxemburg gelingt, die Einheimischen zu integrieren. Von Hans Zippert
Wenn man Wert darauf legt, seinen Urlaub nur dort zu verbringen, wo Goethe noch nie gewesen ist, dann schränkt das erstens die Zahl der möglichen Ferienziele extrem ein, zweitens darf man dann leider nicht nach Luxemburg fahren. Da hat Goethe im Oktober 1792 Station gemacht. Der Dichter warnte, man benötige "Plan und Grundriss", um die Stadt "nur einigermaßen verständlich zu finden".
Trotz üppiger Beschilderung in mehreren Sprachen kann man auch heute noch Goethes Ansicht nachvollziehen. Ich habe es selbst erfahren, als ich nachts nach einem ausgedehnten Besuch des hervorragenden Restaurants "Mosconi" versuchte, mein Hotel zu Fuß zu erreichen, und drei Stunden unterwegs war, was normalerweise ausreicht, um außer Landes zu kommen. Das Tourist Office rechnet für den "klassischen Rundgang" mit "Verlängerung" nur zweieinhalb Stunden. Ob es nun wirklich an der vertrackten Topografie oder doch an den überraschend leistungsstarken luxemburgischen Weinen lag, jedenfalls fand ich mich in einem Stadtteil mit dem verheißungsvollen Namen Verlorenkost wieder. Statt im Europaviertel, wo mein Hotel lag.
Luxemburg hat etwas charmant Uneinheitliches, es erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Einige Stadtteile hat man tiefer gelegt, andere höher. Von der Altstadt in den Bezirk Grund verkehrt ein Fahrstuhl, andere Viertel sind durch schmale Straßen, die sich in Serpentinen um eindrucksvolle Felsformationen winden, miteinander verbunden. Dazu gibt es noch die Flüsse Alzette und Pétrusse, die sich in mehreren Schleifen durch die untere Stadt schlängeln. Überquert man nur eine Brücke zu viel, steht man möglicherweise schon wieder in Verlorenkost, einem übrigens recht ruhigen, grünen Viertel, in dem man sich langsam nach einer Wohnung umschauen könnte. Es scheint ja, dass man am Ende jedes Mal hier landet.
Tagsüber fällt die Orientierung leichter, und dann sieht man auch deutlich, wie grün Luxemburg ist: Der Wald wächst bis in die Stadt. Man braucht aber mindestens einen Tag, um nur annähernd zu begreifen, wie hier alles miteinander zusammenhängt. Oder eben auch nicht.
90.000 Einwohner zählt Luxemburg (die Hauptstadt), etwa so viel wie Ratingen, Velbert oder Minden. Ohne diesen Städten zu nahe treten zu wollen, muss man sagen, dass Luxemburg natürlich mehr zu bieten hat, es handelt sich schließlich um eine Hauptstadt, die auf engstem Raum praktisch alles versammelt, was eine gute Metropole ausmacht. Einkaufsmöglichkeiten, Galerien, Museen, Parks, einen Monarchen nebst Palast, hervorragende Restaurants und sogar Nachtleben. Jedenfalls hatten sich vor der Bar gegenüber meinem Hotel in der Altstadt in einer Freitagnacht etwa hundert Menschen versammelt, um sich beim Biertrinken lautstark zu unterhalten. Ich stand gerädert, aber voller Bewunderung auf und dachte, dereinst wird man von Luxemburg sprechen als der Stadt, in der man niemals schläft.
Auf überraschend vielen Speisekarten wird Pferdefleisch angeboten. Woher diese Vorliebe der Luxemburger kommt, ließ sich nicht feststellen. Ich habe aber in der ganzen Stadt tatsächlich kein einziges Pferd gesehen, was darauf hindeutet, dass die Bestände so gut wie aufgegessen sind.
Erstaunlicherweise hält in der pferdefreien Hauptstadt kein ICE. Wenn man von Frankfurt aus nach Luxemburg will, nimmt man am besten in Saarbrücken den Bus, in dem Menschen mit vielen leeren Taschen und Beuteln sitzen. Am Bahnhof von Luxemburg wollen die Passagiere vom Fahrer wissen, wo man Zigaretten kaufen kann. Der macht eine unbestimmte Geste und sagt schulterzuckend: "Überall". Die Zigarette gehört für einige Menschen anscheinend zu den Attraktionen der Stadt.
Andere kommen sogar nur zum Tanken. Doch die Unesco hat 1994 überraschenderweise keine Tankstelle, sondern die Luxemburger Altstadt samt Festungsanlagen und Kasematten ins Weltkulturerbe aufgenommen. Wichtigster Bestandteil dieser Altstadt ist, egal, was Ihr Reiseführer sagt, die Konditorei "Oberweis". Sollten Sie nur wenig Zeit haben, dann lassen Sie alles andere aus, gehen in die Grand-Rue 19-21 und kaufen dort, so viel Sie können. Zu Hause können Sie sich dann Luxemburg in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen.
Gefunden in Geo Saison, Heft 9/2010. Ab sofort am Kiosk für 5 Euro.