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stern-Reportage

Tour de France

Nächste Woche beginnt in Frankreich die Fußball-Europameisterschaft. Ein stern-Team ist in die Spielorte gereist, um dem Land den Puls zu nehmen. Dort, wo er am lebendigsten schlägt: im Bistro

Bernard Hennebique lehnt in der Tür seiner Bar L’Illustration in der Altstadt von Lille, Nordfrankreich

Bernard Hennebique lehnt in der Tür seiner Bar L’Illustration in der Altstadt von Lille, Nordfrankreich

Frankreich. 246 Käsesorten. Bewohner, deren Widerspenstigkeit weltberühmt ist. Gewerkschaften, die regelmäßig den Alltag lahmlegen. Wie kann man so ein Land verstehen? Wie seine Seele zu fassen bekommen? Wenn überhaupt, dann im Bistro, wo sich die französische Lebensart am besten erkunden lässt – also Tour de France, von Tresen zu Tresen. Allons-y!

Saint-Denis, L'Escargot, die Schnecke, typisch französische Bar Tabac mit Lottolosverkauf, Mittagessen und Sky-Abo. "Wir sind die Kneipe, die am nächsten am Stadion dran ist", sagt Amar Brahimi stolz, und es stimmt, jenseits der Kreuzung, hinter einem komplizierten Gewirr aus Hochstraßen und Beton, kann man hier am nördlichen Stadtrand von Paris das Stade de France sehen, ein bisschen zumindest, ein Stück der ovalen Dachkonstruktion.
Amar arbeitet seit mehr als zehn Jahren im Escargot, eigentlich sollte es nur ein Studentenjob sein, dann blieb er. Auch am 13. November des vergangenen Jahres, dem Tag der Anschläge, stand Amar hinter dem Tresen. "Wir sahen auf dem Bildschirm, was im Stadion passierte, und auf der Straße, wie nach und nach das komplette Viertel abgeriegelt wurde. Überall CRS-Polizei, Soldaten, erst Gerüchte, dann die Gewissheit: Das sind Terroristen."

Amar Brahimi (l.) und Nicolas Gagnère, im L’Escargot in Saint-Denis

"Unsere Kneipe ist nah am Stade de France. Am Tag der Anschläge war die Stimmung gespenstisch. Inzwischen hat sich die Angst gelegt" Amar Brahimi (l.) und Nicolas Gagnère, im L’Escargot in Saint-Denis

Drei Kommandos zogen damals mordend durch die Stadt, am Stade de France sprengten sich drei Attentäter in die Luft. Fast jeder in der Bar kannte jemanden, der gerade im Stadion war, man hatte sich ja nach dem Spiel hier treffen wollen. "Die Stimmung war gespenstisch", sagt Amar. Niemand durfte vor die Tür, Ausgangssperre. Hatte er Angst? "Damals schon", sagt Amar. "Aber inzwischen nicht mehr. Wenn wieder etwas passiert, dann sicher nicht hier am Stadion." Im Grunde hätten die Sicherheitskräfte hervorragend gearbeitet, da ist man sich am Tresen einig. "Man weiß ja, dass die Bedrohung immer präsent ist. Nicht umsonst haben wir seit Jahren Alarmstufe Rot."

Seit 2014 gelten verschärfte Sicherheitsmaßnahmen wegen "konstanter terroristischer Bedrohung" – und seit dem 13. November herrscht Ausnahmezustand im gesamten Staatsgebiet. Im Escargot braucht man nur aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, was das bedeutet: Samstagabend, die Spezialeinheit CRS fährt in Kolonne vorbei, Militärs patrouillieren durch die Straßen, sie gehören zum staatlichen Terrorabwehrprogramm "Vigipirate".

Gestritten wird überall

Saint-Denis gilt als sozialer Brennpunkt; viele Migranten, die Jugendarbeitslosigkeit liegt in diesem Stadtteil mit sehr junger Bevölkerung seit Jahren bei fast 40 Prozent. Ein Drittel der Bewohner ist ausländischer Nationalität, und wie viele Algerier, die im Escargot Stammgäste sind, hat auch Amar Brahimi kein Interesse an der französischen Staatsbürgerschaft. Er bleibt lieber bei einer "Résidence". Aus historischen Gründen, sagt er, der Algerienkrieg sei eine Wunde, auch in seiner Generation noch. "Die Franzosen unterschätzen das", sagt Amar. "Oder es ist ihnen egal."

Frankreich ist ein Land, das gern Staatsakte und nationale Gedenktage feiert. Aber ob der Tag zur Erinnerung an das Ende des Algerienkriegs, der 19. März, landesweit begangen werden soll – darüber wurde auch in diesem Jahr wieder bitterlich gestritten.
"Tant pis", sagt Amar, "was soll’s." Aber Olivier, der ihm gegenübersitzt und schnell noch einen Kir bestellt, einen Weißwein mit Cassis, schüttelt bedächtig den Kopf. Ihm gefalle das gar nicht, sagt er, zurzeit werde in Frankreich über alles gestritten. Olivier Rosenthal, 59, Maler und Kunstlehrer in der Banlieue, ist Anarchist. Einer, der seit 14 Jahren weitgehend ohne Ausweispapiere lebt und als Staatsangehörigkeit "Terrien" angibt, "Erdbewohner". Ausgerechnet einem wie ihm macht die Unruhe im Land Sorgen? Er habe wirklich das Gefühl, dass das Land zerfalle, sagt Olivier. "Die politische Klasse gegen den Rest. Anders als bei den Studentenprotesten von 68 geht es heute nur nebenbei um gesellschaftliche Veränderungen. Vor allem sind das Verteilungskämpfe! Die Lebenshaltungskosten sind hoch, die Löhne niedrig. Jeder vierte Jugendliche ist arbeitslos. Die auf den Straßen, das ist die bürgerliche Jugend. Die politische Klasse versteht gar nicht, was ihr da bevorsteht! Ich glaube, dass die Proteste noch gewalttätiger werden."

Weiter, Hauptstadt. , Place de la République. Fluctuat Nec Mergitur – das Café an der Place de la République hat diesen Namen seit März. "Sie schwankt, aber sie geht nicht unter" – das ist der Spruch aus dem Stadtwappen, der nach den Anschlägen zum Motto des Widerstands gegen Einschüchterung und Terror wurde. Seit Januar 2015, als die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" zusammengeschossen wurde, erlebt der Platz mit der zehn Meter hohen Statue des Nationalsymbols Marianne eine Renaissance als Zentrum des Protests. Gegen Terror, gegen rechts, gegen die Ausgrenzung von Flüchtlingen, gegen die Regierung, gegen die Polizei. Die Gewalt, von der Olivier Rosenthal, der Anarchist aus Saint-Denis, gesprochen hat, sie entlädt sich hier regelmäßig. Die Schaufenster der Geschäfte ringsum sind arg demoliert, der Ruß brennender Polizeiwagen hat die Fassaden geschwärzt.

"In den Fernsehnachrichten sieht das alles immer schlimmer aus, als es ist", sagt Jean-Jacques Reboux, Schriftsteller, und er meint die Demonstrationen. "Aber es ist enorm, wie dieser Platz an Bedeutung gewonnen hat. Hier wird wirklich wieder politisch gestritten!" Die Wut auf die Polizisten sei mit deren Befugnissen gewachsen, sagt er, der Ausnahmezustand habe alles noch schlimmer gemacht. Fast jeder in der Innenstadt von Paris kenne jemanden, ob flüchtig oder eng, der bei den Anschlägen vom November getötet oder verwundet worden sei, sagt Jean-Jacques. Aber sehnt man sich dann nicht nach Sicherheit durch mehr ? "Nein! So sind Pariser nicht!" Sondern? "Wir sind enttäuscht. Von der Regierung, die unsere Trauer ausnutzt, um unsere Freiheit einzuschränken."

Jean-Jacques Reboux, im Fluctuat Nec Mergitur auf der Place de la République, Paris

"Es ist enorm, wie dieser Platz an Bedeutung gewonnen hat. Hier wird wirklich wieder politisch gestritten!" Jean-Jacques Reboux, im Fluctuat Nec Mergitur auf der Place de la République, Paris


"Wir haben die Schnauze voll von der politischen Klasse!", ruft einer vom Nachbartisch, Parka, Bart, Selbstbezeichnung: Aktivist. Oft gehört, diesen Satz. Was heißt das denn nun? "Das sind alles nur Berufspolitiker. Karrieristen. Wir brauchen neue!", schimpft Sandrine, die mit dem Parka-Mann am Tisch sitzt. "Sarkozy!", ruft Jean-Jacques. "So einer darf nie wieder … Und Hollande! Zwar weniger vulgär, aber ihm ist auch alles egal! Der ist doch kein Sozialist!"

Das Gespräch gerät etwas durcheinander. Neuer Versuch: Braucht Frankreich vielleicht eine neue politische Kraft? Wie Podemos in Spanien? Es gehe erst mal darum, viel miteinander zu reden, sagt der Aktivist mit dem Parka. Politische Programme würden die Bewegung nur einengen. "1968 hat auch so angefangen", sagt Jean-Jacques. "On verra." Man wird sehen. In der Mitte des Platzes leuchtet die Marianne, die Verkörperung der Republik und ihrer Werte. Dass es das Volk war, das sich diese Werte einst mit einer blutigen Revolution erkämpft hat – dieser Gedanke ist in Frankreich auch 2016 noch sehr präsent.

Über die A 1, die Autoroute du Nord, geht es 225 Kilometer bis nach Lille. Rapsfelder, Abraumhügel aus dem Bergbau, willkommen bei den Sch’tis!

Seit dieser Film so erfolgreich im Kino gelaufen ist, weiß man: Die Sch’tis, die Nordfranzosen, sprechen komisch, essen Pommes und sind lustige, wenn auch wortkarge Gesellen. Stimmt fast alles. Überhaupt: der Norden. Industrieruinen, verelendete Bergbausiedlungen, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit und dann auch noch die Nähe zu Belgien. Spätestens hier wird sich wohl zeigen, dass die große Depression Frankreichs mehr ist als ein Literatursalonthema!

L’Illustration heißt die hübsche Bar in der Altstadt von Lille, in der wir unsere Vorurteile abfragen. Hält man es noch aus hier im Norden? "Nun", sagt Marin Coper, der gerade ein kirschrotes belgisches Bier zapft, "es ist viel besser als der Ort, aus dem ich komme." Marin ist Halbfranzose – und kommt aus Berlin. Seit zwei Jahren lebt er in Lille. "Freiwillig!" In den Süden zog es ihn nicht. "Wenn das Wetter kälter ist, sind die Menschen wärmer. Und die Franzosen sind sowieso nie zufrieden. Sie meckern, aber lassen es sich gut gehen dabei. Das ist kein richtiges Meckern. Eher so eine Art Kulturgut. Wie der Humor bei den Briten. Und außerdem gibt es hier richtigen Käse."

Aïcha Dieye (M.), Künstlerin, im L’Illustration in Lille

"Frankreich hat Angst. Es ist in sich selbst eingesperrt. Der Rassismus war früher verdeckter. Der Nationalismus auch. Alles wird spießiger" Aïcha Dieye (M.), Künstlerin, im L’Illustration in Lille


Hinten am runden Bistrotisch sitzen Aïcha und Eric. Aïcha Dieye, 43, ist Senegalesin, sie kam mit einem Kunststipendium nach Belgien, dann nach Lille, seit zehn Jahren arbeitet sie hier als Malerin, ihre senegalesische Staatsbürgerschaft hat sie behalten. Senegal und Nordfrankreich, das sei ein guter Gegensatz, sagt sie, dort alles bunt und warm, hier grau und kalt. Was fällt ihr an Frankreich gerade besonders auf? "Das Land hat Angst", sagt Aïcha. "Es ist in sich selbst eingesperrt." Jetzt, da es der Wirtschaft schlecht gehe und das Selbstbewusstsein gekränkt sei, zeige sich die andere Seite. "Der Rassismus war früher viel verdeckter. Der Nationalismus auch. Alles wird spießiger. Angst macht unfrei und spießig."

"Wir rennen erst mal auf die Straße"

Die Herren am Tresen – immerhin fünf – stimmen Aïcha unverzüglich zu. "Ich bin nach Lille gezogen, weil es günstig ist und nah an Belgien", sagt Eric Schmitt, der als Botaniker an der Uni arbeitet. "In Deutschland machen die Politiker einen Gesetzesentwurf und diskutieren ihn mit den Gewerkschaften.
Dann wird verhandelt. Und erst, wenn die Verhandlungen nichts bringen, wird gestreikt und demonstriert. Wir rennen erst mal sofort auf die Straße."

Ganz schön frankreichkritisch, dieses Lille. Wo bleibt die Lebensart? Vielleicht im Süden? Nizza, Altstadt, Le Sauveur – der Retter. "Eine Bar wie diese hier ist mindestens so wichtig wie ein Museum", sagt Louis, 64, Musikwissenschaftler. Er muss es wissen. Lange hat er ein Museum geleitet. "Ein Museum ist tot", fährt er fort. "Diese Bar hier lebt. Früher saßen wir woanders. Hat alles dichtgemacht. Man hat uns die Orte der Herzlichkeit genommen. Wie man Vögeln ihren Ruhebaum nimmt. Wir sind weitergezogen. Haben uns hier niedergelassen. Hier ist unsere Familie."

Le Sauveur, die letzte traditionelle Bar Tabac in Nizza

"Eine Bar wie diese ist mindestens so wichtig wie ein Museum. Ein Museum ist tot, diese Bar hier lebt", sagt ein Stammgast des Le Sauveur, der letzten traditionellen Bar Tabac in Nizza

Le Sauveur: polierter Stahltresen, über der fauchenden Kaffeemaschine ein Schal des Fußballvereins OGC Nizza. Kiez-Bistro. Insel im alten, ganz alten Nizza. Umgeben von Lavendelsack- und Nippes-Shops. Aber Touristen würden hier nicht einmal ein Kaugummi kaufen.

"Ich habe meine Frau in einer Bar kennengelernt", fährt Louis fort und lächelt maliziös, vielleicht weil er sich darüber freut, dass er nun diese Deutschen an die Hand nehmen und ganz nah an die französische Seele heranführen wird. "Irgendwann hat sie mir gesagt: ‚Louis, du hast mich jetzt genug gevögelt.‘ Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich verstanden habe. Dann ist der Groschen gefallen. Und ich habe ihr gesagt: ‚Cherie, ich bin aber weiterhin ein Mann.‘ Hat sie akzeptiert. Ich kann nicht ohne sie leben. Sie nicht ohne mich. Aber ich habe Freundinnen. Barbekanntschaften. Bars und Frauen, ohne geht nicht." Und wenn deine Frau das Gleiche macht? "Müsste ich das akzeptieren. Ausflippen würde ich trotzdem", sagt Louis. Dann erzählt er, dass er gerade einen Gedichtband fertig hat.

Das Bistro als Geschichtenlotterie. Nächste Runde. "OGC Nizza. Verrotteter Sauhaufen." Stimme wie ein Reibeisen. Martine, 68, schaut von ihrem Kreuzworträtsel auf und schimpft über den Fußballverein. "Seelenlose Truppe, geleitet von Mafiosi!" Martine ist Rentnerin. Hat lange in der Gastronomie gearbeitet, paar Jahre Paris, paar Spanien. Dann ist sie wieder in ihre Geburtsstadt Nizza gekommen, um einen Nacktcampingplatz zu eröffnen. Oben am Observatorium. Sterne, Hintern, Brüste. Gute Mischung. "Aber die Stadt hat nur Schwierigkeiten gemacht. Zu konservativ. Nur Touristen und reiche Rentner hier."

Martine, sag, stimmt das, leidet Frankreich wirklich an einer kollektiven Depression? "Dummes Gerede! Damit wollen sie uns nur die Lebenslust verderben. Und kaschieren, dass ihr System nicht mehr funktioniert. Genau wie all die Sicherheitsvorkehrungen nur davon ablenken sollen, dass sie die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekommen."

Starker Staat gegen Hitzköpfe

Es herrscht ein Bruch zwischen Bevölkerung und politischer Klasse. Das zeigt sich gerade dieser Tage. Mit Demonstrationen und Blockaden protestieren die Gewerkschaften gegen die Arbeitsmarktreform der Regierung. Derweil legt die extreme Rechte Wahl um Wahl zu, verkauft sich als Alternative zu den Etablierten.

"Ich wähle Front National", sagt Louis, 59, Drucker. Abgewetzte Lederjacke, zerknautschtes Belmondo-Gesicht. "Louis gehört der Bewegung der "Identitaire" an, einer Art französischer Pegida. Nachdem er sich ein bisschen warmgeredet hat, zieht er das keltische Kreuz unter seinem schwarzen Hemd hervor, das Symbol der Ultrarechten. Für Louis hat das Land ganz einfach seine Größe verloren. Punkt. Was war Frankreich für eine stolze Nation! "Mal ehrlich: Der letzte große Präsident war Mitterrand. Danach kamen nur noch Schlappschwänze", sagt er. Die Eliten reichten sich untereinander die Jobs weiter.

Louis ist überzeugt, dass in Frankreich seit Jahren ein versteckter Bürgerkrieg tobt. "Und zum Schluss holt der Franzose immer die Guillotine heraus", sagt er. Seine Augen blitzen, als würde er sich schon darauf freuen. Martine winkt ab, knurrt: "Ihr lebt alle nur von Angst!"

Die Altlinke Martine Pourtet (l.) und ihr liebster Feind, der stramm rechte Louis Carlo, über der Altstadt von Nizza

"Mit dem ganzen dummen Gerede von der großen Depression wollen sie uns doch nur die Lebenslust verderben. Und davon ablenken, dass ihr System nicht mehr funktioniert" Die Altlinke Martine Pourtet (l.) und ihr liebster Feind, der stramm rechte Louis Carlo, über der Altstadt von Nizza


Der Sauveur vereint Gegensätze. Er ist Abbild der französischen Gesellschaft. Fabrice arbeitet als Jurist bei der Sozialkasse. Nach zwei Bier singt er ein Loblied auf den Staatsapparat: "Ihr werft Frankreich vor, es habe zu aufgeblähte Institutionen! Aber nur starke Institutionen können die republikanischen Errungenschaften sichern. Die Franzosen haben schon einmal Revolution gemacht. Man muss unserer Hitzköpfigkeit etwas entgegensetzen."

Die Altstadtgasse, in der die Bar liegt, führt direkt zum Strand. Da gehen wir jetzt mit ein paar von Martines Freunden hin. Fato ist bei uns, Musiker aus Burkina Faso, der hin und wieder bei Martine übernachtet. Er hat seine Ngoni dabei, eine traditionelle Laute. Das Mittelmeer strahlt silbrig im Abendlicht. Wolken liegen in einem Bogen über der Baie des Anges – Engelsbucht, wenn schon, denn schon. Ein Joint geht rum. Der Klang der Laute mischt sich mit dem Klackern der Kiesel, die in den Wellen hin und her rollen. Isabelle, 50, sagt: "Jetzt reden sie immer von einer prekären Generation. Ich bin weniger prekär als ein Angestellter. Wenn ich meinen Job verliere, bekomme ich wenigstens keine Depression.
Es warten 1000 andere Jobs."

Isabelle Blanc (Mitte), Künstlerin, im Le Sauveur in Nizza

"Ich lebe weniger prekär als ein Angestellter. Wenn ich meinen Job verliere, bekomme ich wenigstens keine Depression. Es warten 1000 andere Jobs" Isabelle Blanc (Mitte), Künstlerin, im Le Sauveur in Nizza


Weiter nach Lyon. Sturzregen. Die Rhône hat Hochwasser, führt ganze Baumstämme mit. Kurz vor der Stadt, am Zusammenfluss von Rhône und Saône, liegt wie ein Raumschiff das Musée des Confluences. Es inszeniert das Ineinanderfließen aller Wissenschaften. Die Stadt signalisiert: Wir glauben an den Fortschritt. Laut einer Studie ist Lyon die wirtschaftsfreundlichste Stadt der Republik. Zwischen den Türmen der Kathedrale leuchten die Glasfassaden hoher Bürogebäude hervor.

Und da hätten wir gleich schon drei Jungdynamiker. Nicht einmal zehn Uhr morgens. Die Bedienung im Bistro De l’Autre Côté du Pont ist noch nicht richtig wach.

Aber an einem der hinteren Tische stöpseln zwei junge Frauen schon eifrig Kabel in ihre Laptops. Ein junger Mann legt Kekse in die Mitte. Die drei sind bestens gerüstet für einen arbeitsreichen Vormittag.

Bonjour! Wie geht es Frankreich?

Der Mann mit den Keksen heißt Gaëtan, ist 31 und arbeitet als Illustrator. Er sagt: "Man sagt ja immer, dass es Frankreich schlecht geht. Aber trotz Krise haben wir eine lebendige Alternativwirtschaft." Gaëtan arbeitet am Cover für eine Kinderbuchausgabe des Balzac-Klassikers "Das Chagrinleder". Vor Kurzem hat er sich selbstständig gemacht, niemals würde er sich anstellen lassen. Neulich erst hat er etwas Land außerhalb von Lyon gekauft."Ich möchte Obst anbauen. Einfach mal rauskommen. Und vielleicht wird ja etwas Größeres daraus."

Die junge Frau neben ihm heißt Tatiana, ist Textildesignerin. "Mein jetziger Job ist eine sogenannte Trampolin-Stelle", sagt sie. "Sie soll mir den Absprung in die Berufswelt ermöglichen. Aber von diesen Trampolins hatte ich schon so viele. Ich springe von Trampolin zu Trampolin."

Am Nebentisch sitzt Noëlle, 66, Sexualwissenschaftlerin. Was kann sie uns über das Liebesleben der Franzosen zu sagen? Dem gehe es ausgesprochen gut, sagt Noëlle und zitiert Studien. Demnach haben französische Männer und Frauen heute ungefähr gleich viele Sexualpartner. Die Französinnen kennen kaum noch Tabus und masturbieren häufig, was unbedingt begrüßenswert sei, da es die einzige Art sei, seine Sexualität zu erkunden.

Die französischen Männer seien zärtlicher, als man glaubt, Cunnilingus und Fellatio hielten sich die Waage. Die Sexologin fasst zusammen: "Die Nation als solche mag an einer Depression leiden. Auf Paarebene hingegen ist alles in Ordnung. Das Liebesleben ist unser Trumpf."

Noëlle Navarro (Mitte, mit Brille), Sexualtherapeutin, im De l’Autre Côté du Pont in Lyon

"Die Nation als solche mag an einer Depression leiden. Auf Paarebene ist alles in Ordnung. Das Liebesleben ist unser Trumpf" Noëlle Navarro (Mitte, mit Brille), Sexualtherapeutin, im De l’Autre Côté du Pont in Lyon


Mit dieser ermutigenden Erkenntnis folgen wir der Rhône wieder gen Süden bis ans Mittelmeer: Marseille! Graffiti auf Brückenpfeilern, zerfallende Fabriken. Von den Balkonen der Hochhaustürme leuchtet bunte Wäsche. Alles ist eingefasst in strahlend weiße Kalkfelsen. Möwen schneiden gleißende Kurven in den Himmel. Marseille ist Schöne und Biest zugleich: Verkehrschaos und Meeresbuchten, Gewalt in den Vorstädten und buntes Treiben auf dem Souk von Noailles.

Vom Balkon der Bar La Caravelle schaut eine sehr schöne Frau abwechselnd auf Hafenbecken, iPad und Blackberry. Roxane ist 23 und Schauspielerin. Sie würde gern das ganze Erziehungssystem ändern, sagt sie. Alt und verstaubt sei es. Nichts als perfekte Angestellte würden hier herangezüchtet. Das reiche aber heute nicht mehr aus. Sie sagt: "Es gibt so viele Sachen, die nicht mehr weiterlaufen können wie bisher. Aber das sind auch ebenso viele Chancen."

Energisch schaut Roxane rüber zur Marien-Wallfahrtskirche hoch oben auf einem Kalksteinplateau überm Hafen: La Bonne Mère, die gute Mutter, das Wahrzeichen von Marseille. Sollten alle Unruhen in eine große Revolte münden, stünde die junge Schauspielerin sicher bereit, ihre Marianne zu werden.

Roxane Isnard, Schauspielerin, auf dem Balkon des La Caravelle in Marseille

"Man müsste unser ganzes Erziehungssystem ändern. Das ist alt und verstaubt. Wir züchten nichts als perfekte Angestellte heran. Das reicht aber heute nicht mehr aus" Roxane Isnard, Schauspielerin, auf dem Balkon des La Caravelle in Marseille


In einem schummrigen Winkel der Caravelle sitzen Eric und Sarah und schauen sich verliebt in die Augen. Pardon, wir müssen stören, es geht um Frankreich.

Die beiden sind Krankenpfleger, er 50, sie 27. Ihre Diagnose: Das Land ist in Ordnung. Aber die Menschen haben zu hohe Ansprüche. Sie hätten nur noch mit Patienten zu tun, die glaubten, die Gesellschaft schulde ihnen etwas. Die Menschen sollten sich mehr einbringen. Und weniger meckern.

"Alle sind nur noch auf Konkurrenz getrimmt", sagt Sarah. "Man brauchte Kurse in Lebensart. Geh einfach mal in die Calanques, unsere Meeresbuchten. Nimm dir ein paar Oliven mit und eine Flasche Rosé. Dort wirst du wieder Mensch", sagt sie und nippt am Chardonnay. 

Die untergehende Sonne lässt die Kathedrale tief orange aufleuchten. In der Bar beginnt eine Band zu spielen. Gitarre und Gesang. Ein Gast zerrt einen Koffer unter seinem Tisch hervor und packt ein Saxofon aus. Gitarre und Gesang nicken ihm aufmunternd zu. Das Saxofon steigt ein. Das Pärchen neben dem Piano küsst sich jetzt mit Zunge. Im Hafenbecken blinken die Lichter. Oben strahlt La Bonne Mère.

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