Mit Laptop unterm Arm und Handy in der Hand streifen die Flaneure des 21. Jahrhundert durch die Straßen von Paris. Eindrücke und Entdeckungen stellen sie sofort ins Internet. Auch die Top-Bloggerinnen Meg Zimbeck und Ana Lee stellen so ihre Stadt vor.

Meg Zimbeck (34) kommt aus Kansas und begann ihren Blog, um Freunden in Amerika von Paris zu erzählen. Dann lasen ihn immer mehr Fremde, er wurde von cnn.com empfohlen. Heute schreibt sie auch für amerikanische Portale und Magazine© Jens Boldt/Geo Saison
Eine rote Markise beschirmt Megs Lieblingsplatz, und in großen roten Lettern
leuchten zwei Worte - Aux Folies. Was so viel heißt wie: "Zum Wahnsinn". Oder auch: "Zu
den Verrücktheiten." Was Belleville, wie Meg Zimbeck findet, ziemlich präzise auf den
Punkt bringt, jenes Viertel, in dem viele Künstler und Lebenskünstler, aber auch Arbeiter
und Einwanderer leben. Meg mag Belleville, weil es dort "zwangloser zugeht als im Rest
von Paris". Im "Aux Folies" lässt sie den Stehtresen, die geschwungenen Neonröhren und
den Daddelautomaten links liegen und setzt sich vor die Tür. Mitten unter die Kundschaft
aus Rastamähnen, Späthippies und Neo-Existenzialisten. Meist lungern auch ein paar "Bobos" herum, wie Meg erläutert: "Bourgeois Bohemians", Menschen, die von ihrem Kontostand her ganz und gar bourgeois sind, aber gern den antibürgerlichen Bohémien geben.
Die Amerikanerin musste sich erst daran gewöhnen, dass die Stühle in Paris alle in gleicher Richtung stehen: mit Blick zur Straße. Heute weiß sie es zu schätzen. "Weil man so wunderbar Menschen beobachten kann", sagt sie, weil dies den Gehweg in eine Bühne verwandelt. "Schau dir den Hut an!" Meg zeigt auf einen Mann mit goldfarbener Motorradkappe. Hinter ihm schleppen Asiaten riesige Einkaufstüten, der chinesische Supermarkt liegt ein paar Häuser weiter. In der Rue de Belleville gibt es indische Frisöre, Graffiti an fast jedem Haus, koschere Schlachter und Couscous. Auch der Eiffelturm ist zu sehen, am Ende der Straßenschlucht, in weiter Ferne. Gerade so, als gehörte er zu einer anderen Welt. "Belleville war immer Außenseiter", sagt Meg, "der rebellischste Teil der Stadt." Die Arbeiter und kleinen Leute aus dem Pariser Osten kämpften für die Pariser Kommune, die 1871 von Regierungstruppen in blutigen Straßenkämpfen niedergeschlagen wurde. Belleville hielt am längsten stand. In der Rue de Belleville Nr. 72 erblickte auch der "Spatz von Paris" das Licht der Welt. Eine Gedenktafel erinnert daran: "Auf den Stufen dieses Hauses wurde am 19. Dezember 1915 in größter Armut Edith Piaf geboren, deren Stimme später die Welt eroberte." Meg erzählt: "Hier, wo heute diese Bar ist, trat sie auf."
Meg sieht Belleville als eine Art "Seminar in Sachen Einwanderung". In den Zwanzigern zogen Griechen her, deutsche Juden kamen in den Dreißigern, in den Sechzigern Algerier und Tunesier, in den Achtzigern Asiaten. Seit einiger Zeit siedeln sich in den Seitenstraßen immer mehr schicke Boutiquen und Bistros an. "Es ist freundlich hier", findet Meg, "unkompliziert". Als sie umzog und ihre Taschen durch die Rue de Belleville schleppte, packten die Leute einfach mit an. Anderswo in Paris wäre ihr das wohl nie passiert.
Bar Aux Folies: Einst trat Edith Piaf hier auf, heute ist es der Mikrokosmos von Belleville. Und das Bier ist günstig.
8, rue de Belleville, Metro: Belleville,
La Bellevilloise: Alles in einem: Bar, Restaurant, Club, Konzertbühne und Ausstellungsfläche. Das Beste ist die Dachterrasse für den Drink mit Blick auf die Stadt.
19/21, rue Boyer, 20. Arr., Metro: Pelleport od. Ménilmontant, www.labellevilloise.com
Künstlerfestival: Jedes Jahr im Mai glänzt Belleville mit seinem Kunstfestival, www.ateliers-artistes-belleville.org
Gefunden in Geo Saison, Oktober 2009, ab 16. September am Kiosk, 5 Euro