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Winterwandern mit Schuhgröße 114

Ins Ötztal fährt, wer nach dem Skifahren Wert auf einen Einkehrschwung legt. Doch jetzt versucht man sich ein ruhigeres Image zu geben. Mit alternativen Winterangeboten wie Eisklettern und Schneeschuhlaufen durch Wälder und Schluchten.

Von Stefan Schomann

  • Stefan Schomann

Stilles Ötztal - das klingt fast so paradox wie "besinnlicher Ballermann". Doch tatsächlich gibt es dort, jenseits des Skizirkusses von Sölden, abgeschiedene Zonen. ZUm Beispiel Niederthai. Das Dorf liegt dem Talboden um 700 Höhenmeter entrückt. Eine kühne Bergstraße schraubt sich hinauf, doch erst seit etwa 50 Jahren ist sie auch im Winter befahrbar. Bis dahin mussten die Niederthaier zu Fuß oder per Pferdeschlitten hinab, da blieb man besser oben. Und doch gehörte diese exponierte Hochfläche, wie Augustin Leiter vom Veitenhof erzählt, zu den ersten Stellen im Tal, die dauerhaft besiedelt wurden. "Wohlweislich" ließen sich die mittelalterlichen Pioniere hier nieder - "wo die Sonne drei Stunden länger scheint als unten und man vor Überschwemmungen und Lawinen eher gefeit ist."

Als elftes von dreizehn Bauernkindern hat Augustin den Hof übernommen, die Familie ist seit 500 Jahren hier ansässig. Vor kurzem haben sie auf biologische Landwirtschaft umgestellt und betreiben nun die erste Bio-Pension des Tals mit Produkten aus eigener Herstellung. Gesundheitsförderlich ist auch die Umgebung: das beschauliche Dorf, die reine Höhenluft, das prächtige Panorama bis hinüber ins Pitztal. Hinzu kommen noch Augustins beliebteste Mitarbeiter: die Pferde. Haflinger zumeist, mit denen er seine Gäste durchs tief verschneite Dorf kutschiert. Bevorzugt am Abend, wenn es noch stiller wird und die Fenster leuchten wie im Märchen.

Ein Rudel Yetis

Tagsüber schnüren Langläufer über die Höhenloipen, Winterwanderer und Tourengeher ziehen hinaus in die Wälder. Auch Schneeschuhlaufen ist auf dem Vormarsch. Vor zehn Jahren noch war das eher eine Verlegenheitslösung für Skimuffel und Senioren, auch für genervte Sportsfreunde, die sich die happigen Liftgebühren und den Pistenstress nicht mehr antun möchten. Inzwischen aber werden diese Angebote von einer breiten Klientel nachgefragt, darunter auch Skifahrer. Denn die Wanderführer haben die Zeitnische des frühen Abends entdeckt, wenn die Lifte längst stillstehen, aber noch immer Restlicht über den Almen schimmert. Meist gehen die Gruppen gegen vier Uhr los, stapfen unter Fichten und Lärchen dahin, erst auf Ziehwegen, dann querfeldein, ein Waldlauf mit Schuhgröße 114. Schließlich kehrt man auf einer Hütte ein, feixt und flapst und lässt es dunkel werden. Für den Rückweg verteilt der Führer Stirnlampen oder Fackeln, und dann stiefelt die ganze Truppe breitbeinig bergab wie ein Rudel Yetis.

Oben in Vent, ganz am Ende des mächtigen, 65 Kilometer langen Tals, wurden neue Routen geschaffen, die überhaupt nur im Winter möglich sind: Schluchtenwanderungen. Im Sommer rauscht das Wasser zu reißend durch die Canyons, als dass man sich hineinwagen könnte. Im Winter jedoch führen Stege aus Eis und Schnee hindurch. Skier wären freilich zu sperrig, und zu Fuß würde man im Schnee versinken oder einbrechen. Nur mit Schneeschuhen sind sie gangbar.

Ihre Fortsetzung finden diese Eiswelten in der Vertikalen. Und so gehört Eisklettern zu den alternativen Winterangeboten des Ötztals. Niederthai kann mit dem höchsten Wasserfall Tirols aufwarten, aber der rauscht zu beständig, als dass er ganz vereisen würde. Doch ringsum prangen an versteckten Hängen mächtige Kaskaden und Wände aus Eis, an denen sich immer mehr Seilschaften zu schaffen machen. Anders als beim Felsklettern braucht man dafür weder besondere Geschicklichkeit noch unbedingt Erfahrung. Nur etwas Selbstüberwindung, eine martialische Montur und einen unermüdlichen Führer, der die Eisschrauben setzt und die Seile spannt. Dann krallt man die Eisaxt ins splitternde Eis, setzt mit den Frontzacken der Steigeisen nach und hievt sich hoch. Meter für Meter arbeitet man sich so durch diese harte, glatte, kristalline Welt. Und denkt dabei an den berühmtesten Gast des Tals - auch Ötzi kam bekanntlich aus dem Eis.

Der Jäger als Sammler

Ein Ehrgeiz anderer Art trieb Hans Jäger zu einer bemerkenswerten Höchstleistung. Er stammt aus Oetz, dem Ort, der dem Tal den Namen gab. Aus einfachen und schwierigen Verhältnissen. Und doch hat er über 40 Jahre hinweg die größte private Kunstsammlung Tirols zusammengetragen. Seit kurzem ist sie, mit Unterstützung der Gemeinde und des Landes, im imposanten Turmmuseum zu bewundern, einer Art mittelalterlichem Hochhaus. Der 73-jährige Sammler führt selbst durch sein Lebenswerk. Auch wenn er gerne grantelt - "für'n Sport hat's immer Geld gegeben, für die Kultur nie" -, so ist diese höchst sehenswerte Ausstellung ein Beispiel wie Winterdestinationen sich von der Monokultur des Skilaufens zu lösen suchen. Wenn die Gletscher eines Tages wirklich verschwunden sein sollten - hier wird man sie weiter bestaunen können. Denn Jäger hat ausschließlich Künstler mit starkem Bezug zu den Ötztaler Alpen gesammelt. Sei es, dass sie von hier stammen, sei es, dass sie hier gewirkt haben.

Es waren die Maler der Romantik, die das Tal entdeckten. Schon vor 200 Jahren durchstreiften sie es systematisch und verklärten es bald zum Inbegriff alpiner Erhabenheit. Dann folgten die Touristen, dann erst die Sportler. Aber noch heute suchen viele Feriengäste jene Mischung aus bäuerlicher Idylle und monumentaler Naturschönheit, die schon die Maler so beeindruckte. Und die lässt sich in der Stille am besten erleben.

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