Rom mag die Metropole sein – Italien aber ist das Land "mit hundert Städten und tausend Türmen". Der Fotograf Massimo Siragusa hat in der aktuellen GEO-Special-Ausgabe sechs eigenwillige Stadtcharaktere porträtiert. Von Johanna Wieland
Florenz
Herzklopfen und Atemnot sind Symptome einer Krankheit namens Kunstrausch. Sie ereilt Ausländer vorzugsweise in Florenz. Schwererkrankte versuchen gar, sich der Reizüberflutung im Angesicht von zu viel Schönheit durch Nervenzusammenbruch zu entziehen. Der französische Schriftsteller Stendhal hat dies 1817 nach einem Besuch von Florentiner Kirchen als Erster beschrieben; er gab dem Syndrom den Namen.
Seiner milden Verlaufsform, dem Überwältigtsein, können sich nur hartgesottene Gemüter entziehen, etwa beim Blick hinauf in die Kuppel des Domes Santa Maria del Fiore. Sie
ragt, von Filippo Brunelleschi 1420 entworfen, höher als 107 Meter in den Himmel über Florenz und ist eine der größten Ziegelkuppeln der Welt. Ein Gründungswerk jenes Aufbruchs in die Moderne, der in der Stadt am Arno seinen Anfang nahm und zwischen 1400 und 1600 schließlich Europa (und noch uns) prägen sollte: der Renaissance.
In dieser Epoche begann der Mensch, sich selbst als Individuum zu entdecken – beim Blick auf Botticellis Venus, Michelangelos David, da Vincis Mona Lisa, Raffaels Madonnen. Vor der Schaffenskraft dieser Meister gehen zartbesaitete Nachgeborene in die Knie.