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10. Juli 2010, 11:39 Uhr

Böen, Gischt und Brecher

Zwei Freunde, ein Plan: sich einmal ganz entspannt quer durch Schottland treiben lassen - auf einem Kanal in den Highlands. Mit dem Hausboot schippern zwei Leichtmatrosen bei schwerer See durch den Great Glen. Von Freddy Langer

Schottland, kaledonischer Kanal, Fort Williams, Loch Ness

Der 97 Kilometer lange Kanal verbindet vier Lochs, auf denen es mitunter hoch her geht© Freddy Langer

Wären wir Roddy nicht begegnet, wer weiß, die Reise hätte wohl einen anderen Verlauf genommen. Dann wären wir vermutlich gleich am zweiten Tag in Drumnadrochit hängen geblieben. Tagsüber hätten wir an Bord unseres Schiffes, der "Eriskay IV", auf besseres Wetter gewartet und uns mit dem Entenvolk angefreundet, das dort über die Kaimauer stolzierte. Und abends wären wir in den zwei, drei Pubs der Ortschaft eingekehrt - wie die anderen, die mit uns von Inverness aus gestartet waren. Eine Handvoll Menschen verteilt auf fünf Hausboote, und zumindest eine Frau hörten wir explizit sagen: "Bis hierher und nicht weiter."

Derek hatte uns gewarnt

Wenn Gischt über den Wellen von Loch Ness zu sehen ist, weil der Wind vom Atlantik her zwischen den Bergen hindurchfegt und das Wasser aufpeitscht, bis es aussieht, als galoppierten weiße Pferde über den See - er sagte wirklich "white horses" -, dann sollten wir anlegen und den Bootsverleih anrufen. Also ihn. Ob er mehr Angst um uns hatte oder um seine Boote, war nicht herauszuhören. Allemal war er parteiisch. Und als er am Telefon etwas von Windgeschwindigkeiten zwischen vier und fünf Beaufort erzählte, rechnete er wohl fest damit, dass uns die Lust am Abenteuer vergehen würde.

"There's gonna be dancing", malte er Bilder tobender Brecher und hüpfender Boote aus. Das, was wir in der einen Stunde erlebt hatten, als wir im Konvoi die Strecke vom fast windfreien Loch Dochfour auf das stürmische Loch Ness hinausgefahren waren, sei nichts im Vergleich zu dem, was uns jetzt erwarte. Und dann pries er die beiden Attraktionen der Ortschaft Drumnadrochit: das Loch Ness Exhibition Centre mit den aktuellsten Erkenntnissen der Nessie-Forschung und die Ruine von Urquhart Castle, hoch über dem See, beides angeblich einen längeren Aufenthalt wert.

Aber wir hatten nur Roddy im Ohr. Den hatten wir beim ersten Stopp an der Schleuse von Loch Dochfour getroffen. Als sei jeder Schritt an Land ein Experiment für ihn, kam er auf uns zugewankt und hatte ohne weitere Um¬stände vom Wetter zu erzählen begonnen. So zerzaust, wie sein Haar in alle Richtungen stand, sah er aus, als sei er gerade eben erst mit seinem Schiff einem Taifun entkommen. Papperlapapp, winkte er ab. Alles halb so schlimm. Die würden euch doch ihre Hausboote nicht anvertrauen, wenn sie nicht wüssten, dass die unsinkbar sind. "Die Crew", sagte er, "gibt stets früher auf als das Schiff."

In der Mitte von Loch Ness aufwachen

"Nicht bei uns", sagten wir. Und grinsten, als seien wir mit den Tücken der sieben Weltmeere auf Du und Du. Dabei hatten wir zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als sieben Kilometer mit dem Boot zurückgelegt. Es war unsere einzige Erfahrung mit einem Schiff. Wir wussten nichts vom Leben an Bord, sagten statt "port" und "starboard" unverdrossen links und rechts, statt "bow" und "stern" lieber vorn und hinten, und unser erster Knoten am Steg hatte ausgesehen wie eine Zeichnung von Eduardo Chillida. "Mit so etwas", hatte das jemand kommentiert, "kommt euer Boot entweder nie mehr los oder von allein. Und ihr wacht irgendwo in der Mitte von Loch Ness auf."

Schottland, kaledonischer Kanal, Fort Williams, Loch Ness

Geduld ist vor den 29 Schleusen gefragt: Zeit, um Seemannknoten zu üben© Freddy Langer

So ein Quatsch. Von Knoten braucht uns bergerfahrenen Blutsbrüdern niemand etwas zu erzählen, dachten wir und wunderten uns, weshalb man nicht einfach irgendwo am Kai einen Karabiner einhakt. Was ging es die Crews der anderen Boote an, dass wir beide schon gemeinsam in den Anden und auf Baffin Island gewesen waren, hier über 5000 Meter hinauf, dort über senkrechte Klippen hinweg, und dass wir zusammen auf die Zugspitze geklettert sind, von hinten? Die Aussicht, mit dem Boot bis zum Fuß des Ben Nevis fahren zu können, des höchsten Bergs von Großbritannien, war für uns deshalb von ganz eigenem Reiz, aber es gab guten Grund zu befürchten, dass die anderen Hobbymatrosen das als Verrat missverstanden hätten.

Gefunden in

Gefunden in Geo Special "Schottland", Heft 3/2010, für 8 Euro am Kiosk

Seite 1: Böen, Gischt und Brecher
Seite 2: Mit dem Wohnmobil auf dem Wasser
 
 
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