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Türkisches Welterbe in Tuff

Eine der größten Attraktionen der Türkei liegt genau in der Mitte des Landes. Seit die Unesco 1985 den Göreme Nationalpark zum Natur- und Kulturerbe der Welt erklärt hat, zählt Kappadokien zu den faszinierendsten Reisezielen des Landes.

Von Ludwig Moos

Der Stein ist zauberisch. Was der Vulkan Erciyes, der sich im Süden der Provinzhauptstadt Kayseri auf imposante 4000 Meter erhebt, mit seinen kleineren Kollegen vor rund 60 Millionen Jahren über das Land spuckte, hat sich durch Wind, Wasser und Menschenhand wundersam verwandelt. Felsbänder aus dem sandfarbenen Tuffgestein, dessen Tönung im Lauf des Tages von Hellgelb bis Rosa changiert, mäandern Täler entlang. Über kleinen Städten türmen sich mächtige Kegel. Dazwischen reihen sich angespitzte oder mit Steinkissen gekrönte Säulen, die in der gängigen Reiselyrik Feenkamine heißen.

Über vier Jahrtausende, in denen die Hochkulturen der Hettiter und Perser, der Griechen und Römer, der Seldschuken und Osmanen einander ablösten, gruben die Menschen Fluchtburgen und Kirchen, Lagerräume und Wohnhöhlen in den weichen Stein oder formten daraus ihre Bauten. Im Göreme-Nationalpark, dem Kerngebiet Kappadokiens, finden sich all die Naturwunder und Kulturerbstücke zuhauf und nah beieinander. Man kann sie erwandern, mit dem Bike durchmessen, auf dem Rücken von Pferd oder Kamel durchstreifen oder im Heißluftballon darüber schweben.

Luftfahrt durch ein Naturschauspiel

Wenn das Wetter es erlaubt, färbt sich das Feld am Rande des Ortes Göreme in aller Frühe bunt. Kaum zeigt sich die Sonne hinter der zackigen Silhouette der Felslandschaft, neben dem blassen Schemen des 60 Kilometer entfernten, bis weit in den Sommer schneebedeckten Erciyes-Gipfels, sind zwei Dutzend Teams mit den farbigen Hüllen ihrer Ballons beschäftigt. Ausbreiten, mit lautem Getöse Luft hinein blasen, lange Flammen aus dem Gasbrenner hinterher schießen, bis sich über dem Korb ein makelloses Rund 30 Meter hoch wölbt.

Kaum merklich hebt das Luftgefährt ab, laviert nahe am Boden durch die angespitzten Felsen hindurch oder übersteigt sie ganz knapp, und hat unversehens die Höhe für den Panoramablick erreicht. Nur das Fauchen des Brenners unterbricht mitunter die Stille. Was rund 20 Jahre zuvor der Leidenschaft einiger westeuropäischer Ballonfahrer entsprang, die spektakuläre Landschaft Kappadokiens von oben zu erkunden, ist inzwischen ein touristisches Angebot der Extraklasse. Nicht billig, aber jeden Lira wert.

Leben im Felsen

Sie nennen es "unterirdische Stadt". Doch das verwirrende System enger Abstiege, Verbindungsröhren und Kammern, von dem in Kaimakli, 20 Kilometer südlich von Nevşehir, vier Ebenen wieder freigelegt sind, war wohl immer nur ein Zufluchtsort in Kriegszeiten. Im nahen Derinkuyu kann man sogar acht Etagen bis zu 40 Metern tief hinabklettern. Über Jahrtausende gewachsen ist das wahre Ausmaß der Labyrinthe auch 40 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung noch immer nicht abzusehen, und hundert weitere kleinere Höhlenfluchten warten auf ihre Erforschung.

Der Tuff ist leicht zu bearbeiten. Und er puffert die Temperaturen der anatolischen Hochebene auf 1000 Metern mit ihren heißen Sommern und schneeigen Wintern. Die meisten Ortschaften gruppieren sich um Felsbänder, die von Kammern durchlöchert und mit Vorbauten bewachsen sind. Manche wie Ürgüp, Uçhisar oder Ortahisar haben einen mächtigen Kegel in der Mitte, mit vielen Stockwerken einstiger Bebauung. Das Freilichtmuseum im Zelvetal bewahrt die Anschauung vom Wohnen im Fels, dem Einsturzgefahr und der Wunsch nach modernem Komfort vor einigen Jahrzehnten ein Ende gesetzt haben. Nur für Besucher gibt es noch Ausnahmen. Das Gastgewerbe hat mancherorts alte Grotten zu neuen Wohnerlebnissen hergerichtet. In Ürgüp, mit 10.000 Einwohnern das Zentrum touristischer Dienstleistungen, will das Clubunternehmen Magic Life viele Millionen in den Berg investieren, um terrassierte Edelresorts zu schaffen.

Wer durch die Landschaft wandert, etwa durch das Rote Tal nach Çavusin, kommt immer wieder an Höhlen vorbei, in denen die Ernte sommers wie winters bei zehn Grad lagern kann. Oder an den eckigen Löchern weiter oben im Fels, durch die Tauben eigens für sie geschaffene Heimstätten erreichen und dafür mit ihrem Mist den Bauern einen vorzüglichen Dung liefern. Soweit sie Wasser hat, ist die Gegend fruchtbar. Kichererbsen und Zuckerrüben wachsen, die Aprikosen sind berühmt, Weintrauben sorgen für allerlei Naschwerk und sogar wieder für einen ehrlichen Tropfen.

Die Höhlenkirchen im Lande Rum

Als Kayseri, heute eine Millionenstadt, die einen Teil der Abwanderung aus Anatolien aufgefangen hat, noch Caesarea hieß, war es ein Zentrum byzantinischer Kirchengelehrsamkeit. In die nahen Felstäler Kappadokiens zogen sich ab dem fünften Jahrhundert gerne orthodoxe Einsiedler zurück. Für ein Leben in Askese gruben sie sich in den Stein. Ihnen folgten die Mönche, die ganze Klöster und Kirchen jeden Bautyps aus dem Fels höhlten.

Die prächtigsten der mehr als 1000 Höhlenkirchen finden sich im Tal von Göreme. Mit ihrem Reichtum an Wandbildern, von einfachen christlichen Symbolen bis zu farbigen Szenen aus dem Leben der Heiligen, sind sie museal geschützt und zugänglich gemacht. Die besten Künstler hat man damals aus Konstantinopel geholt, um die teils mehrschiffigen Gotteshäuser im Tuffgestein auszumalen. Noch im 13. Jahrhundert entstanden Meisterwerke wie in der Tokali Kilise, der "Kirche mit den Schnallen". Da herrschten schon die türkischen Seldschuken im Lande Rum, auf vor kurzem noch oströmischem Boden.

Die Toleranz der muslimischen Eroberer gegenüber den griechisch-orthodoxen Alteinwohnern hielt bis nach dem Ersten Weltkrieg. Erst als die Fantasten eines Großgriechenland nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches in Anatolien einfielen, sich gegen Kemal Atatürk aber blutige Köpfe holten, mussten auch die kappadokischen Griechen das Land verlassen. In Orten wie Mustafapaşa, das bis 1923 Sinasos hieß, geben viele ihrer stattlichen Häuser aus sorgsam bearbeitetem Tuff malerische Ruinen ab. Manche wie das Gül Konaklari, das Rosen-Anwesen, hat der touristische Zauberstab zur komfortablen Herberge mit altem Flair verwandelt.

Langsamer Wandel

Am Rande größerer Ackerflächen, da, wo die Landschaft eher steppenartig und weniger zerklüftet ist, siedeln in der Saison ganze Sippen aus Ostanatolien in ihren Zelten. Sie erledigen die Feldarbeit, denn die Männer Kappadokiens verdingen sich seit 50 Jahren im Ausland. Von ihren Löhnen haben sie mit etwas Glück außerhalb der alten Orte geräumige Häuser für die Familien und das Alter gebaut. Um die Landflucht zu mildern, hat der Staat in den letzten beiden Jahrzehnten einiges unternommen. Er hat die Schulpflicht durchgesetzt, mit Hilfe der Großmütter auch für die Mädchen, und den Aufbau von Unternehmen stark gefördert.

Davon profitiert hat das über Jahrtausende mit der Region verbundene Handwerk der Teppichknüpferei. Die Firma Hadosan Hali mit Hauptsitz in Ürgüp, die Ahmet Akif nach der Rückkehr aus Deutschland mit vier Geschäftsfreunden aufgebaut hat, verkauft heute in alle Welt und beschäftigt über 30.000 Leute. Das Geheimnis ihres Erfolgs liegt in höchster Sorgfalt und der Pflege klassischer Muster. Neue Teppiche so schön und gut wie die alten, auf deren Ausfuhr hohe Strafen stehen. Die Knüpferinnen werden frühestens mit 14 Jahren, nach der achten Schulklasse, im Betrieb ausgebildet. Ihr Mindestlohn liegt bei 300 Euro, dem Sechsfachen dessen, womit die Hälfte der Bevölkerung im Monat auskommen muss.

Bezahlte Arbeit hilft den Frauen, das traditionelle Rollengefüge zu lockern. Frauen wie Ayse Bektas, die in Çavusin ein kleines Lokal betreibt, mit Catering für die Wandergruppen, die ihr Mann Mustafa durch das schwach beschilderte Gelände führt. Sehr selbstbewusst macht die Mittdreißigerin klar, wer das kleine Familienunternehmen lenkt, räumt aber auch ein, dass das letzte Wort immer noch der Schwiegervater hat.

Rund zwei Millionen Besucher kommen im Jahr nach Kappadokien, in der Mehrzahl Türken, gefolgt von Franzosen, Italienern und Spaniern, dann Engländern, Russen und Deutschen, deren Anteil noch vergleichsweise gering ist. Auch wenn sie dem Tourismus viel verdankt, bleibt Ayse skeptisch. Vom übrigen Geld hat sie zuletzt einen Weinacker gekauft.

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