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Im Reich der Eisheiligen

Wer auf Skiern durch die stille Winterwelt gleitet, erlebt ein Russland wie einst: mit uralten Holzkirchen, einsamen Dörfern und gastfreundlichen Menschen, die ihre ofenwarmen Küchen öffnen. Eine Reise, die keinen kaltlässt.

Von Annette Rübesamen

Holzkirche am Ufer eines zugefrorenen Sees

Wie Pilze wachsen die 22 Kuppeln aus dem Dach der Christi-Verklärungskirche im russischen Karelien. Die Insel im Onegasee ist das religiöse Zentrum der menschenleeren Gegend.

Unter seiner grauen Mütze wirkt Igor ein bisschen angeschlagen. Er hustet und schnieft, als er den Bohrer ansetzt und die Metallspitze durch die Eisschicht kurbelt. Rasch füllt sich das armdicke Loch mit dunklem Wasser. Igor geht in die Knie und schöpft mit einer verbeulten Schaumkelle Eissplitter ab. Dabei spricht er kein Wort.

Beim Eisangeln wird anscheinend nicht geplaudert. Stumm führt er vor, wie man lebende Maden auf den Angelhaken spießt, dann verteilen wir uns über den zugefrorenen kleinen Waldsee. Schließlich wollen wir uns nicht die Fischgründe streitig machen.

Bewegungslos sitze ich auf meinem Klapphocker, den Blick auf die Schnur zwischen meinen Füßen gerichtet, während der Wind durch den Wald pfeift und mir die Kälte in die Knochen kriecht. Es gibt nichts zu tun, außer zu warten, zu frieren und sich russisch zu fühlen. Das ist noch die leichteste Übung, weil Pedro, unser Chemnitzer Reiseleiter, mit der Wodkaflasche zwischen den Bohrlöchern hin und her eilt, um uns bei Laune zu halten.

Als er nach einer Stunde zum Aufbruch bläst, ist der Einzige, der etwas vorzuweisen hat, Igor. Zu seinen Gummistiefeln, ordentlich aufgereiht, liegen sieben kleine Barsche. Irgendeinen Insidertrick muss der jungenhafte Karelier für sich behalten haben. Er ist Bauer und unser Gastgeber bei dieser Etappe der Tour. "Die haben eh viele Gräten", murmelt er wie zur Entschuldigung, als wir durch tiefen Schnee zurück ins Dorf Kinerma stapfen.

350 Kilometer nördlich von St. Petersburg

Eine Woche "Skiwandern im Herzen Russisch-Kareliens" haben wir gebucht. Die nordrussische Region und ihre Kultur wollen wir beim Langlauf kennenlernen, beim Eisangeln, bei Kareliern in der Küche. Wir sind zu fünft: Marcel und Peter, die jungen Freunde aus Dresden, Herbert aus Rosenheim, Reiseleiter Pedro, der als Einziger Russisch spricht, und ich. Statt in Hotels, die es ohnehin nicht gäbe, wohnen wir bei Einheimischen wie dem dünnen Igor und seiner dicken Frau Nadeschda. Die beiden haben ihren Hof in Kinerma in eine kleine Pension umgewandelt.

Das Dorf liegt etwa 350 Kilometer nördlich von St. Petersburg und 200 Kilometer vor der finnischen Grenze. Auf einer kleinen Erhebung, inmitten von Mischwäldern, ragen die Holzkirche auf, ein blaues Bushaltestellen-Schild und siebzehn Holzhäuser, die meisten erschöpft zusammengesackt wie alte Frauen auf einem Schemel. Ein schneebedecktes Sträßchen führt an ihnen vorbei.

Ein paar Mal am Tag kündigt sich aus der Ferne ein Dröhnen an, das zunimmt, bis ein langer Holztransporter auf Schneeketten durchs Dorf rasselt. Am Steuer sitzen Typen mit starren Mienen unter heruntergelassenen Pelzkappen, im Mundwinkel eine Zigarette, als folgten sie einem Kaurismäki-Drehbuch. Sie hinterlassen eine Stille, gegen die Eisangeln wie Rummel wirkt.


Die vollständige Reisereportage und den Serviceteil finden Sie in "Geo Saison", Heft Januar 2016. Ab sofort am Kiosk für 6 Euro.

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