Klosterleben auf Zeit fasziniert viele Menschen. Ein Selbstversuch im Fasten und Schweigen im prächtigen Benediktinerstift Göttweig Von Frank Schulz und Reiner Riedler (Fotos)

Auf dem Weg in die Stille: Autor Frank Schulz wählte für seinen Klosterurlaub das Stift Göttweig in der österreichischen Wachau© Reiner Riedler
Aschermittwoch, 7.55 Uhr. Hinab ins Gewölbe begleiten mich die Düfte von erhitztem Kerzenwachs und frischen Schnittblumen. Einziges Geräusch: meine hinkenden Schritte auf der Holztreppe. Sehnenverletzung. Hört sich hier an wie der Beelzebub. Aus dem Refektorium dahinten dringen Lichtstrahlen, Mozarts "Ave, verum" und leises Klirren von Porzellan.
Plötzlich knurrt mein Magen den Gang hinunter wie ein böser Hund. Mein innerer Schweinehund, quasi. Zu seinem Unwillen habe ich nämlich folgenden Kurs belegt: "Quellen meines Lebens. Einzelexerzitien mit Schweigen und Fasten". Schweigen kann ich, und fasten wollte ich immer schon mal - insbesondere, seit ich Nichtraucher wurde und zunahm.
Allerdings: "Das Hauptanliegen dieser Fastenexerzitien", so die Vorabinfo, "besteht nicht darin, ein paar Kilo zu verlieren." Sondern "mit Blick auf Gott das Leben zu ordnen". Denn angeboten werden sie im Kloster.
"Kloster?", tönte es aus meinem Umfeld. "Zieh dich warm an!" - "Klo aufm Gang und so, was?" - "Nimm dir genug zu lesen mit. ‚Der Name der Rose‘. ,Don Camillo und Peppone‘."
Zwar decke ich meinen Bedarf an Spiritualität seit 30 Jahren weltlich. Mein altersdynamisch wachsendes Bedürfnis nach Sammlung in radikaler Stille zu befriedigen aber wird immer schwieriger bei dem globaldynamisch anschwellenden Getöse. Und fällt nicht auch das in die Kernkompetenz der Kirchen? Also los: fünf Tage als Heide ins Kloster. Aus dem nüchternen Norden in ein üppiges Barockkloster der Alpenrepublik. Das Benediktinerstift Göttweig füllt den gesamten Gipfel des namensgebenden, 449 Meter hohen Bergs. Man erreicht es von Wien aus in einer Autostunde. Mitsamt der schönen Wachaulandschaft zählt es zum Weltkulturerbe der Unesco. In diesem Jahr feiert man das 925-jährige Jubiläum der Gründung.
Schon hier hätte Hape Kerkeling jene Pilgererfahrung beginnen können, die zu seinem Topseller mit dem Titel "Ich bin dann mal weg" führte: Der hiesige Teil des mittelalterlichen Jakobswegs wurde 2004 wiedereröffnet, das heißt der Abschnitt zwischen Stift Melk und Stift Göttweig. 44 Kilometer. Bis Santiago de Compostela sind es freilich noch mehr als 3000.

Glaubensbrüder in imposanter Kulisse: zwei Mönche im Gespräch vor der Stiftskirche© Reiner Riedler
Jedenfalls, ich bin nun auch mal weg. Fastnachtsdienstag. Das Exerzitienhaus ist zwei Stock tief in den Berg hineingebaut, es war einst der Bezirkskerker. Heute haben die Gästezimmer nichts mehr von Gefängniszellen. Dafür kosten sie was, allerdings nur 37 Euro pro Nacht. Im Korridor Kleiderschrank und Garderobe, nebenan Dusche und WC; Fliesen und Armaturen aus den 70er Jahren. Im Zimmer Tischchen, Stuhl, Sessel. An der Wand Regal mit Bibel, Christus-Ikone, Kruzifix. Darunter Bett und Nachttisch. Zentralheizung: funktioniert. Der Clou: das Fenster nach Westen.
Was für ein Sonnenuntergang! Gerahmt von februarkargen, doch vitalen Bergen, liegt im schwindenden Licht die Wachau mit einer dicken Schlange Donau und, entlang deren Ufer, die Bezirksstadt Krems; mit ordentlich gekämmten (Wein-)Feldern und weiteren Ortschaften aus hell getünchten, ziegelrot bedachten Häusern. Von weit her Traktordieseln; näher, aus dem kahlen Laubwald am Hang, das Genagel eines Spechtes. Sonst: Stille, bis auf das Gas im Mineralwasserglas. Und das vor Behagen summende Zwerchfell.
Am Abend, Vortragsraum. Im Stuhlkreis um eine Kerze versammelt, schauen wir - vier Teilnehmer, doppelt so viele Teilnehmerinnen - auf den Leiter des Exerzitienhauses. Subprior Pater Johannes Maria, 43, wirkt jünger. Das Haupt geschoren, geradezu buddhistisch kahl; Grunge-Bärtchen. Fast schüchterne, doch starke Augen. Die Ordenstracht tadellos gebügelt. Er stellt sich vor, bittet uns um das Gleiche und darum, unsere Beweggründe für den Kurs zu benennen. Und siehe, die wenigsten von uns sind Neulinge, sondern regelrechte Göttweig-Fans. Die Motivationen: zur Ruhe kommen, Selbstfindung, Trauer nach Sterbebegleitung und Ähnliches. Anschließend erläutert der Pater das Kurskonzept. Nämlich schweigend und fastend über der Frage zu meditieren: "Woraus lebe ich? Wodurch lebe ich auf? Was ist wichtig in meinem Leben? Ganz aufs Positive konzentriert! Nicht über die Hemmnisse grübeln." Begleitend gibt es täglich eine halbe Stunde Einzelgespräch bei ihm. Plus zwei Termine bei Frau Dr. med. Gertrude Seiberl, inklusive Blutdruckmessen. Im Übrigen sei dieser Tage Erholung Trumpf.
Der stimmungsvolle Blick aus dem Klausenfenster zeigt die Lichter der Häuser und Straßenlaternen da unten, weiß und orange. Wie Landebahnen für Erzengel. Um Viertel nach neun ins Bett, noch vor zehn eingeschlafen, halb acht vom Wecker geweckt. Die Luft hier wirkt mit Wucht! Jener erwähnte Aschermittwochmorgen beginnt also ausgeruht. Doch Temperament samt Tatendrang gehören ausgebremst. Schließlich sollen all die Pferdestärken tagelang durch Tempo-30- Zonen. Ich humpele die Treppe hinab und betrete, siehe oben, mit knurrendem Magen das Refektorium.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 12/2008