Auf Segelbootplanken übers Meer, im Sattel über griechische Eilande - Inselhüpfen mit dem Fahrrad ist die beste Kombination zweier Fortbewegungsarten. Wer sich dem Wind anvertraut, muss allerdings mit Überraschungen rechnen. Zum Beispiel mit radikalen Kursänderungen. Von Stephan Maus

Morgens setzt die "Panagiota" Segel und nimmt Kurs auf die nächste Insel© Oliver Soulas
Homers "Odyssee" ist verbesserungsfähig: Dem listigen Kapitän Odysseus fehlten Fahrräder an Bord. Mit ordentlichen 24-Gang-Rädern wären seine Inselkundschafter den menschenfressenden Lästrygonen sicher entkommen. Uralte Olivenbäume hätten den um ihr Leben radelnden Helden ihre knorrigen Arme entgegengestreckt wie jubelnde Zuschauer. Unter der unbarmherzigen Sonne hätten die Kampfesgefährten das schrille Zikadenzirpen mit dem Sirren ihres eigenen Hirns verwechselt, das in der brütenden Hitze langsam ausgetrocknet wäre wie ein Oktopus auf einer Leine vor einer Taverne. Aber sie hätten es geschafft. Am Hafen hätten sie ihre Räder aufs Zwischendeck gehoben. Anschließend hätte Käpt'n Odysseus sie zu einer Badebucht gesegelt, wo sie ein Bad inmitten fein geschuppter Najaden genommen hätten, während der Schiffskoch kleine Tintenfische mit gehackten Tomaten, Schafskäse und Dill gefüllt hätte. Und so hätten sie schließlich auf dem schattigen Achterdeck zu Mittag gespeist, statt von Giganten verspeist zu werden.
Intensiver als mit Rad und Schiff lässt sich die griechische Inselwelt nicht erfahren. So versammelten sich in der Hafenund Bergbaustadt Lavrio rund 60 Kilometer südlich von Athen 16 Passagiere, zwei Reiseleiter und eine siebenköpfige Crew auf der "M/S Panagiota", um die Kykladen zu erkunden. Der Zweimast-Motorsegler aus dem Jahre 1990 ist sieben Meter breit und 31 Meter lang und hat zehn klimatisierte Kabinen mit französischem Bett, Koje, Dusche und WC. Auf dem Zwischendeck ist Platz für die Räder, die Passagiere können sich auf fünf Ebenen verteilen.
Nach und nach trudelten die Gäste ein und deponierten dicke Kykladen-Reiseführer auf den Holztischen. Doch ausgerechnet auf den Kykladen rührte gerade Poseidon mit seinem Dreizack in der Ägäis. Der Sommerwind Meltemi blies mit Stärke sieben. Bei solcher See darf die "Panagiota" keinen Hafen mehr verlassen - wenn sie ihn denn erreicht.
Selbst eine nachmittägliche Opfer-Radtour zum Poseidon-Heiligtum an der südlichsten Spitze des griechischen Mutterlandes, dem Kap Sounion, konnte den Meeresgott nicht besänftigen. Es half nichts, wir mussten eine Alternativreise durch den windgeschützten Saronischen Golf antreten. Noch während des Fluges nach Athen hatten wir von kargen Inseln geträumt, die angetrieben durch reine Windmühlenenergie durch das leuchtende Türkis der Ägäis trieben. Wir wollten zu den Postkarteninseln - und nun ging es in eine Gegend, für die es nicht einmal einen eigenen Reiseführer gibt. Am nächsten Morgen sollten wir zu einer Schiffsreise zur Rückseite der Postkarte aufbrechen. Die Götter hatten es so gewollt. Aber erfährt man das wahre Griechenland nicht am besten, indem man sich der Macht der Götter fügt? Sind sie hier nicht die besten Reiseführer?
Als die dämmernde Frühe erwacht, weckt Containerkrach den Schläfer auf dem Schiffsdeck. Lärmend belebt sich der Hafen von Lavrio. Der Schlafsack ist klamm. Auf dem Gesicht bilden Mückenstiche irgendein Sternbild der vergangenen Nacht ab. Der Juckreiz lässt nur Ahnungen zu: Pegasus? Kassiopeia? Vielleicht geht es in der nächsten Nacht doch in die Kabine. Aber von der Koje aus würde man jetzt nicht die Schwärme von kleinen Fischen sehen, in die immer wieder ein Trupp großer Räuberfische stößt. Der Schwarm zerstiebt im Morgenlicht, und Hunderte Fischrücken durchbrechen funkelnd die Wasseroberfläche. Auf dem Radar hockt eine Möwe und brütet mit schrägem Kopf über dem Gordischen Knoten in einem Schiffstau. Im Bug kurbelt die Ankerwinde die Kette hoch, schwer rasselnd, als müsste sie auch noch die Sonne über den Horizont ziehen. Dann bläht Fahrtwind den Schlafsack.
Bei Rangiermanövern im Hafen übernimmt Schiffseigner Gerasimos Stavrakas persönlich das Steuer. Weil der Graue Star an einem seiner Augen nagt, hat er noch einen Steuermann angeheuert. Doch noch mehr als der Graue Star nagt die Seefahrer-Leidenschaft an Stavrakas: Die Kür im Kapitänsalltag lässt er sich nicht nehmen. Als junger Mann hat er auf einer Onassis-Yacht gearbeitet. Nostalgisch trübt sich sein gesundes Auge, als beim ersten Badestopp in einer Bucht vor der Insel Poros eine Callas-Arie aus einer Strandbar herüberweht.
Schon beim ersten Schwimmen offenbart sich das Erfolgsrezept des Inselhüpfens: Der Mensch will umrunden. Nur was umrundet wird, eignet man sich an. Wer von der Reling ins Meer springt, schwimmt um das Schiff und bewundert die Hitzewolken über der Insel, die wie Segel in den Takelagen hängen. Und kaum haben wir in Poros Stadt angelegt, wird die Insel umradelt. Die Reisegruppe teilt sich in die Fahrradhelm- und die Basecap-Fraktion. Erstere macht "Aktivurlaub", letztere "radelt". Aber alle genießen es, sich das Relief dieser einzigartigen Landschaft zu erarbeiten.
Abends im Hafen fühlt man sich wie der unerkannt angelandete Herrscher der Insel, deren Umriss einem noch in den Beinen steckt. Pyramidenförmig türmen sich die Häuserwürfel am Hang aufeinander. Zwischen der Hafenpromenade von Poros und dem nahen Peloponnes schwappt ein unwiderstehliches Potpourri aus Top-100-Hits und Bouzouki-Pop, in dem Fischkutter, Wassertaxis, Fähren und Yachten dümpeln. Im Innern der Stadt ist es besinnlicher. Auf überwucherten Terrassen brechen knackend Pistazienschalen auf. Aus einer offen stehenden Kapelle strömt Weihrauchduft und vermischt sich mit dem Zimtgeruch von Moussaka, der in den Gassen steht.
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Ausgabe 35/2008
Tipps + Termine Tipps + Term ine
Mit dem Rad durch die Ägäis
Im Sommer weht in der Ägäis
der Meltemi-Wind. Eine Kykladen-
Kreuzfahrt kann dann
schon mal ins Wasser fallen.
Die Alternativtour führt in den
ruhigeren Saronischen Golf.
Anreise: Die Lufthansa fliegt
täglich nach Athen (z. B. ab
Frankfurt um 240 Euro).
Von dort mit dem Taxi zum
etwa 60 Kilometer südlich
gelegenen Hafen von Lavrio
(etwa 35 Euro).
Termine: Die nächsten Rad-
Kreuzfahrten "Kykladen" (jeweils
8 Tage/7 Nächte) beginnen
am: 27.9.08, 4.10.08,
16.5.09, 23.5.09, 30.5.09. Die
Reise kostet pro Person in der
Doppelkabine unter Deck 1080
Euro (2009: 1290 Euro) inkl.
Halbpension und Mietfahrrad.
Veranstalter und Infos:
Radurlaub ZeitReisen,
Tel.: 07531/8199390; www.inselhuepfen.de
Tipps: Für geübte Radfahrer
sind die Etappen gut zu bewältigen.
Die Touren sind zwischen
20 und 60 Kilometer lang und
führen teilweise durch bergiges
Gelände mit längeren Steigungen.
Man kann jeden Tag
entscheiden, ob man lieber
allein mit Karte radeln möchte
oder mit Gruppe und Reiseleiter.
Weitere Ziele für Radkreuzfahrten
mit Inselhüpfen:
u. a. Kroatien, Montenegro.