Die Geschichte einer deutschen Insel

4. August 2006, 06:30 Uhr

Vor 50 Jahren begann eine große Liebe. Aus Germanien rückten per Flieger die ersten Touristen auf Mallorca an. Eine Beziehung, die bis heute heiß blieb. Dieses Jahr wird ein neuer Besucherrekord erwartet. Von Wolfgang Röhl

High-Society: Diese Damen durften sich erst in den Siebzigern so vergnügt öffentlich im Bikini tummeln, zwanzig Jahre zuvor war der Zweiteiler ein Fall für die Insel-Polizei©

Wann betrat die erste deutsche Putzfrau mallorquinischen Boden? Nicht mehr zu ermitteln, leider. Aber es war sicher lange vor Peter Maffay. Der Sänger flog 1971 erstmals auf die Insel. An den Küsten brummte schon der Massentourismus, doch im Örtchen Pollença im Nordosten war davon wenig zu spüren.

"Das war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich Maffay, und seine braunen Knopfaugen werden ganz weich. Er sitzt vor der Bar Ca'n Moixet, trinkt Weißwein mit Wasser und fühlt sich gut. Die Siesta ist zu Ende, Menschen kommen auf die Plaça Mayor. Maffay wechselt mit diesem und jenem ein paar Worte, auf Spanisch oder auf Deutsch. Sie kennen ihn alle, die Leute von Pollença. Mit dem Fahrrad oder einem bunt bemalten Smart fährt er täglich von seiner Finca in den hübschen, unaufgeregten Ort, den er "das Dorf" nennt. Eine Kirche mit Deckenmalereien, enge Sträßchen, akkurat renovierte Häuser mit Balkons und Patios, altmodische Laternen. Im historischen Kern hat er ein ehemaliges Arzthaus gekauft und renovieren lassen. Da sitzt die Verwaltung seiner "Peter Maffay Stiftung", die traumatisierten Kindern einen Platz an der Sonne verschafft, auf einer Finca unweit der seinen. Der Schöpfer des kleinen grünen Drachens Tabaluga düst für sein Kinderhilfswerk um die ganze Welt. "Ich bin nicht oft auf der Insel," sagt er, "und doch, sie ist mein Lebensmittelpunkt."

Abseits der Promi-Quartiere

Pollença nahm ihn im Sturm, damals. Eine multinationale Szene von Flippies und Künstlern hatte sich dort eingenistet. Als er hörte, dass ein Kunstschmied seine Finca verkaufen wollte, zögerte er keine Stunde. Fast die gesamten 87 000 Mark, die er mit seinem ersten Hit "Du" verdient hatte, gingen drauf. So wurde der deutsch-ungarische Rumäne, bürgerlicher Name Peter Alex Makkay, einer der ersten Residenten auf der Lieblingsinsel der Deutschen. Im Laufe der Jahre hat er hier zehn Häuser gebaut oder renoviert. Die erste Finca hat sich im Wert seither wohl verzehnfacht. Maffay, der mehr als 100 Gold- und Platin-Scheiben im Schrank hat, könnte längst Quartier in Andratx oder Artà bezogen haben, wo die Promi-Szene Hof hält. Will er aber nicht.

Peter Maffay mit Salatkopf: Mit Fahrrad oder Smart fährt er täglich von seiner Finca in "das Dorf"©

Wenn man einem der 40 000 Leihwagen, die auf der Insel zirkulieren, ordentlich die Sporen gibt, braucht man von Pollença bis zum Ballermann nur 40 Minuten. Nein, nicht zur legendären Eimersaufstätte, bekannt aus Tom Gerhardts Kotzklamotte. Das "Balneario 6" ist längst nur noch eine unauffällige Strandbar an der aufwendig verschönerten Promenade, die sich von Can Pastilla an der Bucht von Palma kilometerweit bis nach S'Arenal erstreckt. Kein Schwein tanzt da mehr auf dem Tisch oder lässt die Hosen runter. Täte es einer, griffe ihn sich sofort die taffe Polizei.

Zwischen "Almrausch", "Megapark" und "Bierkönig"

Ballermann, das steht jetzt für ein paar Straßenabschnitte an der Playa de Palma. Die so genannte Schinkenstraße mit ihren Megacurrywurst-Buden, die Bierstraße mit den Tischen zum Selberzapfen, Grölschuppen wie "Almrausch", "Megapark", "Bierkönig". Ab Mitternacht, wenn die Freiluft-Beschallung dank einer Verordnung aufhört, kann man in geschlossenen Anstalten wie dem "Riu Palace" Maffays Ex-Kollegen Bernhard Brink, Costa Cordalis oder Chris Roberts besichtigen. Die Schlagerfuzzi-Elite der Siebziger und Achtziger gibt sich am Ballermann die Klinke in die Hand. Kultfigur ist Jürgen "Kornfeld" Drews, das sympathische Frontschwein der Unterhaltungskaschemme "Oberbayern". Drews ist Malle, wie es singt und kracht.

Nahkampf in der Schlagerdiele. Eine amorphe Masse von sonnenverbrannten Leibern wogt zwischen den Tresen des "Oberbayern". Der kompromisslose Wille zur Paarung sowie zur Aufnahme gewaltiger Alkoholvolumen eint Gäste jeden Alters und Geschlechts. Die Luft zum Kettensägen, geschwängert von Schweiß, Sonnencreme und Bier. Man könnte passiv blau werden, nur von den Fahnen der anderen. Liter Bier elf Euro, Gin Tonic fünf Euro. Wer heftig abpumpt, kriegt als Leistungsschein ein blauweißes T-Shirt. Drews, Zeremonienmeister des Lass-die-Sau-raus-Feelings, peitscht seine alten Klopfer durch. Die Meute johlt und wirft die Arme hoch, als sei Deutschland nachträglich der WM-Sieg zuerkannt worden.

"Am Ballermann war ich noch nie", beteuert der Maler Hein Driessen, der seit 30 Jahren in Cala Figuera bei Santany' lebt und arbeitet, einem der schönsten Orte der Insel. "Besaufen", sagt der langjährige Freund des verstorbenen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch, "kann ich mich notfalls auch hier."

Mallorca wird alle paar Jahre totgesagt

Der Nordteil der Bucht gegenüber dem Hotel "Villa Sirena" verharrt fast im Urzustand. Ein deutscher Schuhfabrikant hatte das Land vor Dekaden billig erworben und im Testament verfügt, es möge unbebaut bleiben. Nachmittags kommen Trawler in den Hafen und landen Fisch an. Männer hocken an der Mole und flicken Netze. "Es ist wunderbar hier", sagt Driessen, dessen gemietetes Studio an einem Sahnestück der Flaniermeile liegt.

Freilich, Driessen kann die Schattenseiten des Booms nicht ignorieren. Er hat die Explosion der Grundstückspreise erlebt, die manchen jungen Mallorquiner von der Insel vertreibt. "Wenn ich mir vor 30 Jahren für 10 000 Mark ein Häuschen am Hafen gekauft hätte, wäre das jetzt 300 000 Euro wert." Der Bauwahn weht ihn bei jeder Fahrt über die Insel an, "sie stellen ihre hässlichen Würfel noch in die letzte Pampa". Und doch, sagt er in einem Atemzug, gebe es für ihn nichts Schöneres als Mallorca, als seine Bucht. "Bis in die Nacht auf der Terrasse sitzen, mit Freunden klönen. Und Ole von Beust geht mit Freund vorbei."

Mallorca wird alle paar Jahre totgesagt. Übellauniger Service, überbuchte Hotels und Chaos am Flughafen kühlten die Liebe der Deutschen immer mal wieder ab - zum Beispiel 1969, als 400 000 von ihnen nach Palma flogen. Die Insel habe ihren Zenith überschritten, heißt es periodisch. Doch jedes Mal zappt sie sich stärker denn je auf die touristische Landkarte zurück. 2006 wird ein Super-Rekordjahr - allein 4,5 Millionen Alemanes werden erwartet.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 30/2006

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