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Was kommt nach der Erleuchtung auf dem Jakobsweg?

Gerade zieht Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" die Menschen in die Kinos. Auch der Australier Mark Shea hat einen Film über den Jakobsweg gemacht. Und er hat dem stern verraten, was nach dem Camino kommt.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Es gibt nichts Vergleichbares mit dem Camino

Es gibt nichts Vergleichbares mit dem Camino

Der Jakobsweg steht gerade hoch im Kurs. Dank Büchern wie Paulo Coelhos "Auf dem Jakobsweg", Shirley MacLaines "Der Jakobsweg. Eine spirituelle Reise" und natürlich Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg", der gerade in die Kinos gekommen ist, liegt das Durchwandern der eigenen Seele auf dem Weg nach Santiago de Compostela voll im Trend. Aber was passiert eigentlich nach dem Camino? Wenn man wieder zuhause sitzt in der gewohnten Umgebung, zwischen den gewohnten Zwängen und Anforderungen des Alltags? Was, wenn der Jakobsweg zuende ist?

Menschen, die beschließen, den Camino zu laufen, stoßen bei Online-Recherchen über kurz oder lang auf Mark Shea. Auch der Australier hat einen Film über seine Zeit auf dem Jakobsweg gemacht. Eine kleine, sehr gelungene Dokumentation namens "The Way", die auf Youtube großen Anklang findet. Und er hat dem stern ein paar Fragen beantwortet.


Mark Sheas Camino-Erfahrung liegt gute zehn Jahre zurück. Er ist in 34 Tagen 764 Kilometer von Frankreich nach Spanien gelaufen, mit 18 Kilo Gepäck. Shea arbeitet als Reise-Videojournalist und betreibt einen eigenen Youtube-Kanal: "Overlander".

Wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie an den Camino denken?

Ich bin sehr viel gereist, aber nirgendwo sonst habe ich etwas mit dem Camino Vergleichbares gefunden. Er ist wirklich einzigartig: die Geschichte, die Herausforderung, die Freundschaften, die man schließt.

Wie war es, nach Hause zurückzukehren?

Es hört sich vielleicht komisch an, aber ich habe mich auf dem Camino beschützt gefühlt. Egal, was passiert ist, es fand sich für alles eine Lösung. Zum Beispiel auf den letzten 100 Kilometern: Ich bin mit ein paar Spaniern gelaufen. Wir hatten eine gute Zeit, haben stundenlang gefrühstückt, haben Mittags Alkohol getrunken. Auf diesem Stück des Camino sind die meisten Leute unterwegs, das heißt, es ist schwer, noch Betten in den Pilger-Herbergen zu bekommen. Die Leute stehen sogar früher auf, um noch einen Schlafplatz im nächsten Ort zu ergattern. Wir haben das genaue Gegenteil getan. Dann kamen wir ziemlich spät bei einer Herberge an, und man sagte uns, dass sie schon seit der Mittagszeit voll belegt seien. Aber aus welchem Grund auch immer hat man uns plötzlich Platz gemacht im Gepäckraum. Warum für uns und nicht für Hunderte andere, die sie vorher weggeschickt haben? Auf dem ganzen Camino gab es immer wieder diese glücklichen Zusammentreffen, großartige Gleichzeitigkeiten. Ich habe fast schon geglaubt, mein Camino sei vorherbestimmt, dass ich nur darauf warten müsste, dass die Dinge sich entwickeln. Es hat mir definitiv das Gefühl gegeben, dass das Universum ein freundlicher Ort ist. Und wenn du so denkst, verändert sich dein Blick auf die Welt.

Das hat sich komplett verändert, als ich Spanien verlassen habe. Ich bin nach Amsterdam geflogen, von da aus wollte ich nach Oslo, um einen Freund zu treffen. Ich wollte per Anhalter nach Deutschland fahren. Ich dachte wohl, das läuft wie auf dem Camino. Tat es aber nicht. An der Autobahn war Schluss.

Haben Sie die Ziele erreicht, die Sie sich auf dem Camino für Ihr Leben danach gesteckt haben?

Ich habe vorher über den Camino gelesen, ich hatte aber keine Ahnung, was mich erwartet. Deshalb vielleicht mögen die Leute meinen Film so sehr: Ich habe als unbeholfener, australischer Tourist angefangen, mit der schlechtesten Spanisch-Aussprache überhaupt! Und dann wurde ich irgendwie zu jemandem, der die Stadien des Pilgerns versteht: körperlich, mental, spirituell.

Hat sich der Camino-Effekt abgenutzt? So wie es mit Urlaubserholung immer passiert?

Wandern hat noch immer eine meditative Wirkung für mich. Man sollte täglich mindestens eine halbe Stunde laufen, um seine Gedanken und Sorgen des Tages loszuwerden. Dann kann man den Moment und die Umgebung genießen.


Meine Camino-Erfahrungen haben mich zu anderen meditativen Erfahrungen geführt wie zum Beispiel der Vipassana-Meditation. Ich weiß jetzt, dass wir mehr sind als unser Hirn und unsere Gedanken. Die meiste Zeit verbringen wir wirklich auf Autopilot, und unser Affenhirn jagt Vergnügen und scheut Schmerz.

Ein anderer Effekt, den der Camino auf mich hatte, ist, dass ich Dinge nicht besitzen will. Mir ist damals klar geworden, wie wenig man zum Leben braucht: ein paar Klamotten zum Wechseln, eine Flasche Wasser, einen Hut. Besitz bringt häufig Stress mit sich. Seitdem ich den Camino gegangen bin, habe ich stetig weiter Videos gemacht und bin weiterhin gereist. Ich habe kein festes Zuhause mehr - aber das ist nicht jedermanns Sache. Der Camino hat mich definitiv gelehrt, dass ich nicht bin, was ich besitze!

Hatte der Jakobsweg eine Bedeutung für Ihre Religiösität?

Oh ja, und ganz anders als erwartet! Ich vertrete nicht länger christliche Ansichten. Ich bin katholisch erzogen worden. Mein Camino sollte mich eigentlich zu meinen Wurzeln zurückbringen, aber stattdessen hat er mich auf einen ganz anderen Weg geführt: an sich selbst zu glauben und an das, was man erlebt. Sich nicht von irgendwelchen alten Büchern sagen zu lassen, was richtig und was falsch ist. Wenn überhaupt bin ich eher buddhistisch geworden - ohne dass ich an Wiedergeburt glaube. Die spirituellste Erfahrung, die ich je gemacht habe, hat mit der Freude des Gebens zu tun und mit dem Wissen, dass ich Kontrolle über eine Gedanken habe.

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