16. Oktober 2004, 09:00 Uhr

Stilles Wasser

Der Besucherstrom versiegt, die Herbstsonne strahlt. Die beste Zeit, zu entdecken, wie schön Österreich ohne Berge sein kann - rund um den Neusiedler See im Burgenland.

Unendlich scheint der Himmel über dem Nationalpark Neusiedler See, wo ein Kuhhirte seine Herde vor sich hertreibt©

Markus Löschenkohl sitzt in seinem Wohnwagen an der Straße von Illmitz nach Podersdorf und qualmt die Bude voll. Draußen im heulenden Sturm steht seine kleine Piper. Pause für Flieger und Flugzeug bei Windstärke neun.Ein Glück für Stare - und verstörte Autofahrer. Die erschrecken, wenn sonst der Pilot knapp über die Baumwipfel fegt; die Vögel wiederum können sich nun auf reife Trauben stürzen."Wenn der Schwarm über einen Weingarten herfällt, brauchst nach 20 Minuten nicht mehr hinzugehen", sagt Löschenkohls Kollege Robert Klein. Ihr Job ist es, die Traubenräuber per Flugzeug zu verscheuchen. Um Stare hoch und Richtung See zu treiben, "muss dir das Flugzeug am Hintern kleben", sagt Star-Fighter Löschenkohl. "Zwei Saisons überleben, dann passt's." Wer bei zehn Meter Flughöhe eine Kurve zu tief anlegt, steigt nicht mehr aus. Darauf einen "Sturm", den jungen Wein, im nächsten Dorfgasthof. Schmeckt süß, stürmt aber die Birne.

Was Berufsfischer Varga aus dem See holt, wird im eigenen Restaurant in Gols serviert©

Herbst am Neusiedler See, das ist die schönste Jahreszeit. Wenn Reisebusse und Camper nur noch tröpfeln, entfaltet sich das Land am östlichen Ende Österreichs in seiner ganzen Schönheit. Ein Himmel so weit wie am Meer. Melancholie der Farben. Schlechtwetterzonen, die weit vorher links und rechts abbiegen und der Region die meisten Sonnentage Österreichs bescheren. Metallfarben der See, leer die Parkplätze, voll die Gasthöfe und Heurigen. Fasane und Nordic Walker auf den Straßen. Jetzt kommen Genießer.Ein Zander im Ganzen bei Emmerich Varga in Gols, einem der letzten 15 Berufsfischer. Paprika mit Blutwurst gefüllt in der Blauen Gans zu Weiden. Speckjause im Gowerl-Haus zu Illmitz. Tomatentörtchen auf warmem Schafskäse im Restaurant Nyikospark in Neusiedl, da schlemmt der Gast.Natürlich heißt es bei unseren Nachbarn nicht Tomaten, sondern Paradeiser. Beim Erich Stekovics in Frauenkirchen wachsen bei Wind und Wetter 3000 Sorten, kein Witz, und haben weder Plastikplanen noch Gewächshaus je gesehen. Ich probiere die Paradeiser Gelbe Johannisbeere und Black Plum direkt vom Strauch, ein Feuerwerk von Aromen, verlorener Geschmack der Kindheit. Bei Stekovics riecht es nach eingekochter Tomatenkonfitüre, gemixt aus 100 Sorten. Schnell eine Löffelprobe, noch eine von der Mieze-Schindler-Marmelade und dann mit Gläsern voll Paprika, Wildmarillen-Konfitüre, Stachelgurken vom Hof.

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