Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Betörendes Blau am Mittelmeer

Dieses Blau! Es muss am Licht und am Himmel liegen: Seit Jahrhunderten zieht es Künstler nach Nizza. Als Dankeschön hinterlassen sie ihre Werke auf den Plätzen und Straßen der Stadt. Ein Rundgang durch ein riesiges Museum.

Von Tilman Müller

Urlauber genießen den Sonnenuntergang

Die Promenade des Anglais in Nizza

Das nächtliche Besäufnis muss grandios gewesen sein. Jedenfalls bekommt tags darauf in der Künstlerfabrik „La Station“, im alten Schlachthof von Nizza, kaum einer die Augen auf. Draußen auf einem Klapptisch liegen leere Tablettenpackungen und eine Kiste voller Trauben. Die jungen Leute dösen oder blinzeln müde in den azurblauen Novemberhimmel, da rafft sich einer von ihnen auf und steigt hinauf auf das große Vorzeigeobjekt der Künstlertruppe – eine große mobile Wackelpalme, die auf einer Halbkugel aus Stahl installiert ist. „In Nizza gibt es viele tolle Palmen“, sagt Aurélien Cornut-Gentille, „aber unsere ist die einzige, die man bewegen kann.“

Wie Aurélien, 31, haben viele seiner Mitstreiter die renommierte Nizzaer Kunsthochschule Villa Arson besucht. In den „Station“-Ateliers versuchen sie nun, an eine ganz große Tradition anzuknüpfen. Picasso, Chagall, Matisse, später Yves Klein und Arman, sie alle haben in und um Nizza gelebt. Ihre berühmten Werke schmücken die Museen der Stadt. Nur einer der Star- Pioniere ist heute noch aktiv: Ben Vautier, seit fast 60 Jahren als Aktionskünstler eine zentrale Figur der Fluxus-Bewegung. Aurélien verehrt Vautier, liebt seine provokanten Sprüche. „In der Kunst“, so lautet einer, „muss man den Mut haben, so richtig die Sau rauszulassen.“

In Nizza ist der 80-jährige Künstler, dem in Basel derzeit eine umfassende Retrospektive gewidmet wird, eine stadtbekannte Figur. Überall grüßen ihn Passanten, sprechen ihn mit seinem Vornamen an. Sogar die Schilder der Tramstationen sind von ihm beschriftet, ebenso Weinetiketten und Briefmarken-Sets. Blitzwach chauffiert der schwarz gekleidete Grauschopf seinen Van durchs Verkehrsgewühl zur Galerie seiner Tochter Eva in der Rue Vernier, in der gerade surreale Fotokunst eines Absolventen der Villa Arson gezeigt wird. Dann geht es über Serpentinenwege die Hügel hinauf. „So viele Künstler zieht es nach Nizza, um hier in der Sonne zu sterben – ein extrem guter Humus für unseren künstlerischen Nachwuchs“, sagt Vautier in einem Mix aus Französisch, Englisch und Deutsch.

Himmlische Inspiration

Vautiers Anwesen, hoch über der Hauptstadt der Côte d’Azur, ist eine bizarre Welt voller Skulpturen und Schrifttafeln. Seit 45 Jahren lebt der gebürtige Neapolitaner, der in der Schweiz aufwuchs, hier oben. Der Blick ist überwältigend, das Meer zum Greifen nahe. Im Westen die palmengesäumte „Prom“: die Promenade des Anglais mit ihren mondänen Hotels. Im Osten der Schlossberg und der alte Hafen.

Die beiden Künstler

Aurélien Cornut-Gentille gehört zum Künstler-Kollektiv Culbuto, das eine schaukelnde Palme Installierte (rechts). Mit Kommilitonen arbeitet Caroline Vicquenault (links) am neuen Werk.


Etwas nördlich davon das vornehme Cimiez-Viertel mit dem alles überragenden Hotel Excelsior Régina. Im Prachtbau der Belle Époque logierte einst im Winter Queen Victoria. Später hatte Henri Matisse hier sein Atelier, jener legendäre Maler, der seiner Wahlheimat bei seinem ersten Besuch die vielleicht schönste Liebeserklärung machte: „Als mir bewusst wurde, dass ich dieses Licht jeden Morgen wieder sehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen.“

Die Farbe von Yves Klein

Yves Klein vernarrte sich in das Blau des Himmels seiner Heimatstadt. Mit 19, schrieb er einmal, „begann ich die Vögel zu hassen, weil sie an meinem blauen, wolkenlosen Himmel hin- und herflogen und versuchten, Löcher in mein größtes und schönstes Kunstwerk zu bohren“.

Später behauptete er, er habe den blauen Himmel, „mein schönstes und größtes Monochrom“, bloß „signiert“. Heute zählen seine blauen „Ultramarin“-Werke zu den begehrtesten und teuersten der Welt. Einige von ihnen hängen im MAMAC, Nizzas großem Museum für Moderne Kunst.

Von dort sind es über die „Promenade du Paillon“ zu Fuß nur ein paar Minuten zur Place Masséna, dem Herzen der Stadt mit schwarz-weiß kariertem Pflaster und sardisch-roten Arkaden. Auf neun Meter hohen Masten thronen sieben Skulpturen des spanischen Künstlers Jaume Plensa. Nachts sind die Figuren beleuchtet und wechseln ihre Farbe. Auch der Jardin Albert I. direkt daneben ist illuminiert. Der Prunkgarten mit Palmen und Orangenbäumen erhielt durch den gigantischen Stahlbogen des französischen Bildhauers Bernar Venet 1988 eine moderne Note.

Der Place Masséna im Zwielicht

In neun Meter Höhe thronen die Skulpturen des Künstlers Jaume Plensa über der Place Masséna. Nachts leuchten die Figuren in wechselnden Farben.

An der Bar des Negresco

Im 19. Jahrhundert, als Bonzen und Barone aus ganz Europa Nizza des milden Klimas wegen zu ihrer Winterhauptstadt kürten, flanierte man hier in Hut und Handschuhen. Eine Welt längst vergangenen Glamours, in die jeder Nizza-Besucher für 15 Euro eintauchen kann. So viel kostet ein Glas Bellet-Wein an der Bar des Negresco, des Luxushotels an der „Prom“. Am Eingang zur Bar steht eine Büste von Marie Antoinette, die Wandteppiche stammen aus dem Jahr 1683, die Decken sind fast zehn Meter hoch, und am musealen Tresen kann man schon mal vergessen, dass das alte Nizza heute Frankreichs fünfgrößte Stadt ist, eine Art europäisches Miami mit viel Kunst, hervorragenden Restaurants und tollem Nachtleben.

Die Clubs der Stunde heißen „Apotheka“ oder „Comptoir Central Électrique“, die Drinks „Le Porn Star“ oder „American Psycho“. Und immer wieder finden die Nachtschwärmer in Nizza ein neues Ziel, etwa das Strandcafé „Le Plongeoir“ (Der Sprungturm), ein kleines architektonisches Wunderwerk. Es ist am Coco Beach, wo Hartgesottene sogar Weihnachten baden gehen, neben dem Edelrestaurant „La Réserve“ direkt auf die Felsen gebaut – damit die Gäste ein paar Meter über dem Meer wie auf einem Sprungturm degustieren können.


Wer in einer der beiden Mini-Etagen des „Le Plongeoir“ einen Tisch erobern kann, wird reich beschenkt: wieder mal ein Märchenblick, vor allem bei Sonnenuntergang. Große Yachten gleiten vorbei am alten Leuchtturm in den festungsartigen Hafen, in der Ferne leuchtet die Kuppel des Negresco im letzten Abendlicht. Noch ein Glas, und so mancher Frankophile fragt sich, warum es ihn immer nach Paris zieht – wenn er doch nach Nizza reisen kann. 

Weitere Themen

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools