Berge, Wälder und Wasserfälle glänzen in Norwegen magisch. Wir stellen Menschen vor, die von ihrer Landschaft beseelt sind und sich von ihr inspirieren lassen. Von Andreas Lesti
Dieses Bild sprengt seinen Rahmen. Geht über ihn hinaus, verändert sich, wenn die Sonne wandert. Wer richtig steht am Rastplatz Mefjellet, blickt durch ein Karree aus Stein auf ein gemäldetaugliches Stück Norwegen: eine Wiese vor einem See vor einem Eisfeld vor einer Felspyramide vor einem Wolkenstreifen vor rosarotem Spätnachmittagshimmel. Tritt man ein wenig zurück, setzt sich das Bild außerhalb des Rahmens fort. Der Wind, der vom Gletscher über die Hochebene weht, treibt Wolken hindurch, und das Licht verfärbt den Berg.
Hinter der Sognefjellet-Passhöhe, nahe einem Aussichtspunkt mit Toilettenhäuschen, hat der Künstler Knut Wold sein drei mal drei Meter großes steinernes Fenster in die Fjordwelt gesetzt. "Diese Landschaft braucht meine Skulptur natürlich nicht", sagt Wold, "aber wenn man sie durch sie hindurch betrachtet, dann bekommt sie einen kunstvollen Rahmen und eine andere Bedeutung." Mit diesem Werk begann das "Nasjonale turistveger"-Projekt: 18 Straßen in Norwegen, auf denen die Natur durch Kunst und Architektur - etwa von Peter Zumthor - um eine Dimension erweitert wird. Die Straßen führen nicht nur über Pässe auf 1400 Meter Höhe, durch lange Tunnel (Laerdal) und über sündhaft teure Brücken, sondern auch an Raststätten vorbei, wo selbst die Mülleimer von namhaften Designern entworfen wurden.
Knut Wold ist ein eleganter Mann mit grauem Haar und blauen Augen, dem man auf der Stelle zutraut, Felsbrocken zu behauen - das aber mit größtmöglicher Sensibilität. Mitte der Neunziger, als die Idee für die "Touristenstraßen" aufkam, stellte er sich die Frage: "Wie kann man Kunst in die Landschaft integrieren?" Er sagt das in bestem Deutsch, weil er zwar im norwegischen Hamar aufwuchs, aber im Alter von zwanzig Jahren an der Alanus-Kunsthochschule bei Bonn studierte.
Der Mefjellet-Stein war ein Test, um herauszufinden, ob es möglich ist, in einer so spektakulären Gegend Kunst zu etablieren. Wo die Schöpfung einen großen Wurf gelandet hat, muss auch der Künstler klotzen. "Es sollte ein großer Stein sein, einer, wie man ihn dort oben nicht findet, einer aus dem Steinbruch in Larvik", sagt Wold. Doch das maximale Gewicht, das auf der Passstraße transportiert werden konnte, waren 42 Tonnen. Und so wählte er einen viel schwereren Stein aus, fräste das Mittelstück heraus und ließ ihn in die Berge karren, auf den höchsten Pass Skandinaviens, wo die silbriggrauen Felsen mit jedem zurückgelegten Höhenmeter künstlicher wirken und aussehen wie jene Modelleisenbahntunnels, die man über die Gleise stellt - mit grüngelbem Moos und roten Sträuchern beklebt. Wer hier hochfährt, fühlt sich, als würde er innerhalb einer Stunde vom Allgäu auf den Mond reisen.
Viele Norweger, so hatte man als Reisender stets das Gefühl, lieben ihre Natur und hegen eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass Fjorde und Berge sie vom Rest der Menschheit trennen. Im Laufschritt und mit einem Kleinkind in der Rückenkraxe sieht man sie durchs Gebirge hasten. Doch diese extreme Landschaft, die klar und weit und rau ist, lockt längst nicht mehr nur Wanderer. Sie inspiriert die Menschen dazu, sich etwas zu trauen - sei es monumentale Kunst, Mode in Gletscherblau oder den freien Fall.
Man fliegt an den Touristen vorbei und kann in ihre Gesichter sehen