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Aufbruchstimmung am Oslofjord

Oslo galt einst als dröge Metropole. Doch Norwegens Hauptstadt entwickelt sich rasant: Eine junge Generation krempelt ganze Stadtteile um, Vorzeigeprojekt ist nicht nur das spektakuläre Opernhaus.

Von Lorenz Wagner

  Der Unternehmer, Investor und Hotelier Petter Stordalen in seinem Designhotel "The Thief".

Der Unternehmer, Investor und Hotelier Petter Stordalen in seinem Designhotel "The Thief".

Sonnenbrille auf, durchs Gehämmer zum Baufahrstuhl. Zwei Arbeiter weichen zurück. "Mit rein. Nur keine Pause", befiehlt Petter. Nun stehen sie da, Nase an Nase, die beiden im Blaumann und der Exot mit der Pfauenfeder am Revers. "Werden wir pünktlich fertig?" - "Ja, Chef."

Petter Stordalen lächelt. Unternehmer, Investor, Hotelier. Gerade 50 Jahre alt, Hunderte Millionen schwer. Natürlich wird es rechtzeitig fertig, sein Hotel. Granit, weißer Marmor, Designer-Bademäntel, ein hoteleigener Kurator, in den Suiten Kunst von Peter Blake und Bryan Ferry. Der Name: The Thief!

"So kannst du ein Hotel nicht nennen", hatten seine Berater gewarnt. Wer von der Wall Street soll hier einchecken, in heutigen Zeiten, wo Banker als Bänkster verrufen sind? Petter schüttelt den Kopf über solchen Mangel an Fantasie. "Soll ich das Hotel etwa ‚Oslofjord' nennen? Oder ‚Nr. 1'? Fuck that!" Die Gegend war einst Nest der Gauner, Heimat der Huren. Da passt der Name doch. "Ich will was Ehrliches."

Oslos neues Viertel Tjuvholmen

Ankunft auf dem Dach. Petter hebt den Kopf und breitet die Arme aus. "Stell dir vor, du wirst hier wach. Du bist der König von Oslo!" Laut klingt seine Stimme nach. Hinter ihm: der Fjord. Vor ihm: Tjuvholmen, Oslos neues Viertel mit seinem Skulpturenpark, dem Astrup-Fearnley-Museum für moderne Kunst, seiner Flaniermeile, den Galerien, Restaurants, Yachten. Den Platz vorn am Wasser, den hat sich Petter gesichert, mit "The Thief", Bootsanlegestelle und Dachterrasse. "Paris, London?", ruft er droben. "Oslo!"

Norwegen, einst Armenhaus Skandinaviens. Oslo, einst hässliche Schwester Stockholms und Kopenhagens. Bars, Boutiquen, gute Restaurants? "Es gab nichts", sagt Petter. Aus ganz Europa kommen jetzt die Menschen. Künstler, Unternehmer, Banker. Oslo hat sich zu einem aufregenden Platz in Europa entwickelt. Dank seines Reichtums. Und einer jungen, unbändigen Generation, die dabei ist, ihre Stadt neu zu erfinden.

Eine neue Generation von Hotels

Leute wie Petter Stordalen, ein Unternehmer, so unkonventionell wie die Feder an seinem Sakko, der Millionen für Umwelt und Soziales ausgibt. Der aus dem Nichts kam, ganz wie Oslo selbst; vor 16 Jahren kaufte er sich ein paar Herbergen, heute führt er über 170 Hotels, ist Chef von mehr als 9000 Mitarbeitern und setzt rund 770 Millionen Euro um. Er liebt den großen Auftritt, die Attitüde, und immer ist die Botschaft: Wir sind jung und hip. Auf YouTube postet er Filme, in denen er seine Manager die eigenen Krawatten verbrennen lässt. Und bei der Eröffnung eines Hotels zertrümmert er eine Gitarre in der Lobby.

Zu spät und mit iPhone am Ohr ist er zum Treffen gekommen, weil er die Nacht versackt ist, und zu früh und wieder mit iPhone am Ohr wird er davonrennen, weil er bei der Bank den nächsten Deal besprechen muss. Hotels hat er ersonnen, in einer Radikalität, wie sie derzeit gut zu Oslo passen: "The Thief, das einzige Hotel der Welt, wo es sich schon lohnt, einzuchecken, nur um einen Kunstraub zu begehen", wie er sagt.

Oder das Comfort Hotel Xpress im Szeneviertel Grünerløkka, für eine Generation, die weder Minibar noch Bademantel braucht, nur Wlan und einen guten Preis. Das iPhone wird zum Zimmerschlüssel. Empfang? Bettwäsche-Service? Petter lacht: "Du bist in Oslo." An einem Tresen steht ein Junge mit Musik auf den Ohren, der hilft, falls einer - was selten geschieht - nicht mit dem Check-in klarkommt. Die Putzfrau kommt alle paar Tage. "Wechselst du täglich die Bettwäsche?

  Ole Gustavsen ist der Chef von Snøhetta. Sein Architektenbüro entwarf unter anderem das Opernhaus in der norwegischen Hauptstadt.

Ole Gustavsen ist der Chef von Snøhetta. Sein Architektenbüro entwarf unter anderem das Opernhaus in der norwegischen Hauptstadt.

Eine Eisscholle aus Marmor

Nein, herzeigen will Ole es nicht, das Modell, das dem 3-D-Drucker entsprungen ist. Das Modell einer Villa, die zur neuen Heimat eines Künstlers werden soll, eines großen Norwegers, der in New York lebt. Noch. Er will, wie so viele, heimkehren. "Oslo durchlebt gerade eine entscheidende Zeit", sagt Ole. "Wir alle wollen die Stadt entwickeln."

Ole Gustavsen, Glatze, schwarzer Rolli, Anzug, Chef des Architektenbüros Snøhetta. Die Bibliothek von Alexandria ist ein Werk von Snøhetta, der Museumspavillon am New Yorker Ground Zero und Oslos Oper: eine Eisscholle aus Marmor, direkt am Wasser und in der Sonne so gleißend, dass Experten zur Sonnenbrille raten, um Schneeblindheit vorzubeugen. Das Dach lässt sich wie eine Bergflanke besteigen. Gekostet hat der Bau 500 Millionen Euro.

"Vor 20 Jahren hätte sich Oslo diese Oper nicht leisten können", sagt Gustavsen. Nun sollen sogar noch eine Bibliothek und ein Munch-Museum folgen, das einst elende Viertel zwischen Bahnhof und Hafen zu einer führenden Kulturmeile Europas machen. Flankiert wird es vom "Barcode", mehreren Bauten, die sich je nach Blickwinkel zu einem verbinden: Oslos neuer Skyline.

"Wir haben Anteile an 80 Staaten der Welt"

Wie Petter, der gern über Norwegens riesige Ölfelder doziert, trägt auch Ole ungefragt gleich Wirtschaftsdaten vor. "Wir haben den größten staatlichen Investmentfonds der Welt", sagt Ole, "wir haben Anteile an 80 Staaten der Welt, an Ebay, Google, Facebook. Das macht etwas mit uns."

Vor rund 20 Jahren, sagt er, fiel die politische Entscheidung: Oslo sollte von einer Stadt für Schiffe zu einer Stadt für Menschen werden. In der Hafengegend, wo früher Kais, Werften, Raffinerien rotteten, wächst das neue Oslo: Tjuvholmen mit dem neuen Museum und dem Thief. Das Opernviertel, wo man derzeit vor Bauzäunen kaum mehr ans Wasser kommt. Der Barcode. Und dazu, etwas im Osten, Grønland und Grünerløkka, die alten Arbeiterviertel, fast verschwunden hinter Gerüsten, Planen und Kiesbergen.

Das gleiche Wasser wie in New York

"Für uns Architekten ist das ein Paradies", sagt Ole Gustavsen. 100 Snøhetta-Mitarbeiter sind sie in der alten Osloer Hafenhalle. Am Eingang, hinter der Stahltür, durch die früher Fischer gingen: ein Kunstwerk, ein Kleid aus schwarzen Kreditkarten. An der Decke hängen Überbleibsel einer Party. Eine von vielen! Denn hat ein Mitarbeiter Geburtstag, darf er hier feiern, auf Kosten der Firma. Sie stellt sogar den Koch. Der Fjord vor der Tür leuchtet mal blau, mal grün, mal schwarz, mal gelb, mal graugelb. Der Atlantik. "Wenn du den Finger reinhältst, dann ist es das gleiche Wasser wie in New York. Das ist eine direkte Verbindung. Das kannst du spüren", sagt Ole Gustavsen.

Wahrscheinlich 2014 eröffnet Snøhetta den Pavillon am New Yorker Ground Zero, wo die eingestürzten Türme des World Trade Center standen. Und Oslos "Ground Zero"?

Im Regierungsviertel, wo der Rechtsradikale Anders Breivik im Sommer 2011 eine Autobombe zündete (bevor er auf der Ferieninsel Utøya 69 Menschen erschoss), hängen noch immer graue und weiße Planen vor den zerborstenen Fenstern. Die Stadt lässt sich Zeit beim Finden einer architektonischen Antwort auf das nationale Trauma. Die Gebäude stehen noch; das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Abriss oder Renovierung? Wie viel Offenheit, wie viel Sicherheit?

Mehr darüber, wie sich die Stadt Oslo neu erfindet, lesen Sie im aktuellen "Geo Special Norwegen".

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