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Logbuch des Luxus

Die Schiffe der Reederei Silversea Cruises sind kleiner und feiner als die anderen Kreuzfahrtgiganten, die im Sommer die Ostsee befahren. stern.de Autor Harald Kother hat das gehobene All-inclusive-Konzept ausprobiert.

Von Harald Kother

Schon die Reiseunterlagen sind vielversprechend: In einer silberfarbenen Schatulle aus festem Glanzkarton steckt ein opulentes Futteral mit den Tickets und Gepäckanhängern. Spätestens jetzt wird klar: Silversea Cruises legt großen Wert darauf, sich von "gewöhnlichen" Reiseunternehmen abzuheben.

Dieser Eindruck bestätigt sich an Bord: Kabinen gibt es keine, sondern nur Suiten, die meisten davon mit privater Teakveranda. Vor der Chaiselongue steht eine Flasche Champagner bereit. Keine Frage: Der Pommery ist hier all inclusive - so wie alle Speisen und Getränke und natürlich auch Zimmerservice und die Minibar.

Uhren-Posing am Pool

Ich lasse die Champagner-Flasche links liegen und erkunde das Schiff. Auf dem Sonnendeck sitzen drei Amerikaner im Whirlpool im Alter von 18 bis 40 Jahre. Alle drei haben auffällig lässig ihren linken Arm auf die Brüstung gelegt. Nicht zu übersehen: die teuren Armbanduhren. Selbst als der Kellner den Getränke-Nachschub bringt, unterbrechen sie ihr Uhren-Posing nicht.

Der Älteste schmettert ein launiges "How you doin'? (Wie geht's)?" entgegen. Dann folgt die Frage, die ich mir bei jeder zweiten Begegnung an Bord werde anhören müssen. "Das erste Mal mit Silversea?" Irgendwie scheint man mir anzusehen, dass ich ein Grünschnabel in punkto Luxuskreuzfahrten bin. "Wir sind zum achten Mal an Bord", kontern sie, ohne meine Antwort abzuwarten.

Auch alle Trinkgelder sind inklusive

Am nächsten Morgen, das Schiff liegt im Hafenbecken von Rønne, der Hauptstadt Bornholms, spritzt Nieselregen gegen die Teakveranda. Ich gehe trotzdem an Deck und treffe Dominic aus Fort Lauderdale in Florida. Die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen erzählt er, wie er in der Bronx aufwuchs, sich über die Army hocharbeitete und jetzt das Leben an Bord von Luxuslinern genießt. Der knapp 60-Jährige ist Kreuzfahrt-Profi und hat so seine Erfahrungen gemacht: "Bei den meisten Kreuzfahrten packt man Sie an den Füßen, dreht Sie einmal um, schüttelt kräftig und schaut dann, wie viel Geld aus Ihren Taschen herauskommt! Das ist hier an Bord anders." Denn selbst die Trinkgelder sind hier im Reisepreis inbegriffen.

Während der sympathische Amerikaner mit Horror-Geschichten von anderen Schiffen bessere Werbung für die Silversea-Flotte macht, als es selbst der ausgebuffteste Marketing-Stratege je könnte, beobachte ich, wie ein Pickup drei Schalen Himbeeren anliefert.

Am Abend bittet der F&B Manager Thomas Barth zum Gespräch ins italienische Spezialitäten-Restaurant. F&B steht für Food & Beverage, also Speisen und Getränke. Der Luzerner Barth ist Chef der insgesamt sechs Bars und Restaurants an Bord sowie der Boss von rund 70 Küchen- und Servicekräften aus sieben verschiedenen Nationen.

Tafelsilber und Pizza Margherita

Kurz nachdem ein Kellner mir den Stuhl zurechtgerückt und die Serviette auf dem Schoß drapiert hat, legt er ein Stück Pizza Margherita auf den Teller. Thomas Barth registriert den fragenden Blick und behauptet, die Pizza sei eine Art Sinnenöffner: Nach einer Pizza schmecke alles intensiver. So esse ich an Bord des Luxusliners erst mal ein Stück Pizza, selbstverständlich mit Silberbesteck - anderes gibt es hier nicht.

Doch Pizzaessen mit Tafelsilber ist gar nicht so einfach: Die glatte Kante des silbernen Messers bekommt den festen Pizzaboden nicht so recht zu fassen. Barth löst das Problem, indem er mit einem kräftigen und gekonnten Messerdruck das Stück zerteilt. Bei mit rutscht die Margherita auf dem Teller hin und her. Besser läuft es dann mit den weiteren Antipasti und dem und köstlichem Lamm.

Barth stellt den Küchenchef vor: Randy von den Philippinen. "Wir hatten für ein paar Wochen einen Italiener an Bord. Aber er war uns in seiner Art, italienisch zu kochen, zu festgelegt", erläutert der Schweizer, steckt seine Nase ins Rotweinglas und ruft: "Riechen Sie die Haselnuss! Riechen Sie die Haselnuss!"

Beim Anlegen in Danzig wird mein Geruchssinn auf eine ganz andere Probe gestellt. Farbe und Salzsäure liegen in der Luft. Und die Häuserfassaden beginnen erst in der Innenstadt Danzigs zu glänzen. Sie strahlen um die Wette mit den Auslagen der Bernstein-Verkäufer. In Dutzenden Vitrinen funkeln Ketten und Ringe. Bernstein-Gelb und nicht Backstein-Rot ist der vorherrschende Farbeindruck in dieser Hansestadt.

Cocktailkirschen und tropische Früchte

Am Rande des Zentrums stoße ich auf eine Markthalle mit einem Stand saftiger, reifer Kirschen. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die einzige Kirsche, die ich auf der Silver Wind bislang gesehen habe, war die Cocktailkirsche auf dem Mai Tai! Fortan halte ich an Bord bewusst nach Kirschen Ausschau. Doch zwischen all den Bergen tropischer Früchte am Frühstücksbüfett - Ananas, Papaya, Mango - entdecke ich keine Kirschen. Auch von den Himbeeren, die vor ein paar Tagen an Bord kamen, keine Spur.

Die erblicke ich erst wieder, als mich der F&B Manager durch Schiffsküche und Lagerräume führt. In einem Kühlraum, in der hintersten Ecke, stehen die drei Schalen aus Bornholm. Bevor ich fragen kann, was mit den Himbeeren geschieht, erläutert Barth die Arbeitsweise: "Fast alles wird über die Zentrale in Miami eingekauft und per Container von den Staaten nach Europa verfrachtet, selbst der Wein aus Italien und der Champagner aus Frankreich. Das ist billiger." Unterdessen fertigt im Hintergrund ein Koch aus Fernost die Pralinen, die nach jedem Dinner zum Kaffee gereicht werden.

Whisky-Vergleich: Visby Choklad siegt

Bereits nach drei Tagen Silver Wind bin ich so auf kulinarische Leckereien getrimmt, dass ich in Visby, der mittelalterlichen Hauptstadt der Insel Gotland, sofort die Chocolaterie entere. Ich greife zu einer Schachtel Single Malt Whiskys Pralinen. Wieder an Bord vergleiche ich dann die Single-Malt-Vielfalt der Bar mit der Pralinenschachtel. Das Ergebnis: 3 zu 8 für Visby Choklad. Ein Grund zu meckern?

Ich warte erst mal ab und bestelle passend zur Tea Time ein Kännchen Earl Grey. Unaufgefordert stellt der Kellner eine Etagere mit Gebäck dazu - darunter ein Törtchen mit Himbeeren.

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