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Solo über tiefem Wasser

An der Küste von Mallorca finden sich Felsenklippen, die starke Nerven und Fingerspitzengefühl verlangen. Genau richtig für Extremkletterer wie Toni Lamprecht.

Von Tom Dauer

Klettern

Hängepartie: Ein Kletterer zeigt seine Kletterkunst. 

Bevor er ins Wasser geht, hält Toni Lamprecht einen
Moment lang inne. Er lauscht den Wellen, die sich
zu seinen Füßen brechen. Er erspürt den Wind,
riecht das Salz. Als wollte er den Elementen trotzen, so steht
er in der Brandung. Konzentriert sich, atmet durch. Dann
schultert er den wasserdichten Packsack mit den Kletterschuhen
und der Jacke. Watet durch das Wasser zum Fuß
des Felsbogens "Es Pontas", durch den man von der Bucht
Cala Santanyí hinausblickt auf das offene Meer. Dort, wo
dieser am steilsten ist, will er hinaufklettern. Allein. Auf
einmal wirkt Lamprecht, dieser breitschultrige, muskelbepackte
Hüne, sehr klein.

Vor sechs Jahren reiste der Münchner zum ersten Mal
nach Mallorca. Ein Freund hatte ihm vorgeschwärmt: von
den rauen und festen Kalkfelsen, welche die Südostküste
der Insel bildeten - und an denen man eine einzigartige
Form des Kletterns ausüben könne. Seil, Klettergurt, Haken
und Karabiner möge er bitte zu Hause lassen. Mitnehmen
solle er nur Surfershorts und Schuhe.

"Psicobloc", so nannten die wenigen einheimischen Kletterer
ihr Tun. "Psico", weil das ungesicherte Klettern an bis
zu 20 Meter hohen Klippen starke Nerven erfordert. "Bloc",
weil der weit überhängende Fels viel Kraft in Schultern,
Bizeps, Unterarmen und Fingern verlangt. Genau das Richtige
für Lamprecht.

Eis und Schnee sind nichts für Lamprecht


Als dieser im Alter von elf Jahren mit dem Bergsteigen
anfing, "wollte ich besser werden als Reinhold Messner",
wie er sagt. Bald aber erkannte er, dass das mühsame Steigen
in Schnee und Eis nicht seine Sache war. Viel mehr reizte ihn
das Felsklettern, das elegante, akrobatische Herumturnen an
kleinen Griffen und Tritten. Lamprecht wurde sehr schnell
sehr gut. Seit zwei Jahrzehnten zählt der heute 37-Jährige zu
den stärksten Kletterern Deutschlands. In der ganzen Welt
war er unterwegs, um seiner Leidenschaft nachzugehen.
Aber so etwas wie auf Mallorca hatte er noch nie gesehen.

Nach ein paar Metern im kalten Wasser erreicht
Lamprecht den rechten Fuß des Pontas. An zwei scharfkantigen
Löchern zieht er sich hoch. Der Fels ist nass und
glitschig. Mit Bedacht bewegt sich Lamprecht um den Felssockel
herum, bis er das Land nicht mehr sieht. Dort beginnt die eigentliche Kletterei. Nur der Amerikaner Chris
Sharma konnte den Pontas bisher entlang seiner Innenseite
besteigen. Sharma, der derzeit wohl beste Kletterer der
Welt, benötigte dafür rund fünfzig Versuche.

Lamprecht setzt sich auf ein breites Felsband, zieht trockene
Kletterschuhe an, schnürt sich einen Beutel voller
Magnesiapulver um die Hüfte. Den weißen Staub braucht
er, um seine Hände trocken zu halten. Dann klettert er los.
Wenn es jemand neben Sharma gibt, der den Pontas meistern
könnte, ist es Toni Lamprecht.

Ein undankbares Geschäft


Psicobloc - das auch "Deep Water Soloing" genannt
wird: ein Solo über tiefem Wasser - kann ein undankbares
Geschäft sein: Man klettert, bis die Kraft ausgeht. Dann
stürzt man ins Wasser, schwimmt an Land und fängt wieder
von vorn an. Sich im Seil hängend auszuruhen, das gibt
es beim Psicobloc nicht.

  Schon der Anfang fällt schwer: Beim Einstieg in eine Route muss Lamprecht oft erst einen Überhang meistern, wie am Felsen in der Cala Barques

Schon der Anfang fällt schwer: Beim Einstieg in eine Route muss Lamprecht oft erst einen Überhang meistern, wie am Felsen in der Cala Barques

Psicobloc ist Klettern in seiner pursten Form, weil sich
der Sportler alles Überflüssigen entledigt. Unbeschwert ist
er deshalb nicht. An kleinen Griffen quert Lamprecht in
den Felsenbogen hinein. Sein ganzer Körper steht unter
Spannung. Nur so kann er sich festhalten, sein Gewicht auf
Füße und Finger verteilen. Dem Meer, dem Wind, der Höhe
ausgesetzt. Herausforderungen, die Kletterer am Seil ohne
Probleme bewältigen, scheinen so auf einmal schwieriger.
Weil der Gedanke an den Sturz ins Meer immer als zusätzliches
Gepäck dabei ist.

Psicobloc ist keine ungefährliche Sportart. In
den Überhängen bewegt sich der Kletterer mit dem Rücken
zum Wasser in der Waagrechten. In schwierigen Routen, in
denen "Dynamos" - Sprünge von Griff zu Griff - die Regel
sind, werden Stürze oft unkontrolliert. Der Körper dreht
sich, überschlägt, prallt auf
das Wasser. Etliche Felsenabenteurer
flogen mit Prellungen,
ausgekugelten Schultern
und Knochenbrüchen
nach Hause.

Positive Energiebilanz


"Psicobloc", sagt Lamprecht,
"ist auch eine Lektion in
Demut." Eine Erfahrung, die
Lamprecht nicht nur für
seinen Sport einsetzt. Seit etlichen
Jahren schon geht der
Sonderschulpädagoge mit seinen
Schützlingen zum Klettern.
Oft an der Wand aus
Kunstgriffen, die er in seiner
Schule aufgebaut hat. Manchmal
auch in der freien Natur.
Die Kinder sind immer begeistert.
Weil sie sich austoben
können, weil sie an ihre Grenzen
stoßen. Vielleicht ist die Aufgabenstellung beim Klettern
- starte am Fuß der Wand und steige bis oben oder bis
dir die Kraft ausgeht - genau das Richtige für Jugendliche,
die als verhaltensauffällig gelten. Klettern, sagt Lamprecht,
habe eine positive Energiebilanz: Man bekomme immer
mehr zurück, als man investiert habe.

Das mag der Grund dafür sein, dass Lamprecht sich
auf Mallorca so wohlfühlt. Wie ein neugieriges Kind streift
er seit seinem ersten Besuch auf der Insel die Küste nach
Höhlen ab, mal allein, mal mit seiner Frau Margit, mal
mit Freunden wie Miquel Riera, einem weiteren Klippenspezialisten.
Oft zeltet er während seiner Besuche in einer
versteckten, nur zu Fuß zugänglichen Bucht. Dort ist
der Strand weiß und das Wasser türkis: Mallorca wie
aus dem Tourismusprospekt, nur ohne Touristen. 17 Wochen
hat Lamprecht dort insgesamt verbracht. Er hat
in dieser Zeit einige Entdeckungen gemacht, etwa die
Höhlen von Cala Barques und den Teufelshang "La Cueva
del Diablo" in Porto Christo. Sein großes Ziel aber
heißt Es Pontas. Bis er es erreicht hat, werden wohl noch
einige Wochen hinzukommen. Denn diesmal scheitert
Lamprecht noch.

Schwer atmend zieht, drückt und schiebt er sich über einen
Überhang. Die Muskeln an Armen, Bauch und Rücken
sind zum Zerreißen gespannt. Lamprecht hat jetzt zwei
gute Griffe in den Händen. Er hängt daran, die Knie angewinkelt,
die Füße auf schmalen Leisten platziert. Dann
pumpt er, wie ein Maikäfer vor dem Abflug, nimmt
Schwung und springt. Wie keine andere symbolisiert diese
Kletterstelle, die schwierigste Passage des Pontas, das Wesentliche
des Psicobloc. Den Moment, in dem das Loslassen
wichtiger wird als das Festhalten. In dem der Gedanke an
einen Sturz ausgeblendet ist. Und in dem nichts anderes
zählt als der rettende Griff.

Hände und Füße, alles ist weg vom Fels, Lamprecht fliegt
mit seinen 80 Kilo durch die Luft - und schafft es nicht, den
zweieinhalb Meter entfernten Halt zu erreichen. Sein
Sprung endet in den kalten Wellen des Mittelmeers.
Er wird wiederkommen, weiter üben, bis der Sprung, die
Route irgendwann gelingt. "Auch wenn dieses Tun jeder
Logik entbehrt", sagt Lamprecht. Denn man kehrt beim
Psicobloc immer wieder an den Punkt zurück, von dem aus
man losgeklettert ist. Aber man selbst ist womöglich ein anderer
geworden.

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