Doppelleben auf Mallorca

Die 13-jährige Franzi entdeckt in Santa Ponça auf Mallorca ihre Selbstständigkeit, während ihre Mutter im selben Ort mit gemischten Gefühlen Abstand hält. Eine Reise, zwei Berichte. Von Annette und Franziska Rübesamen

Franziska: Als wir heute früh zum Flughafen gefahren sind, bekam ich auf einmal Panik. Was, wenn ich auf Mallorca niemand Nettes kennenlernen und die ganze Woche allein und traurig sein werde? Ich bin echt froh, dass Mama dabei ist.

Annette: Vorhin habe ich meine Tochter Franzi zufällig auf der Strandpromenade entdeckt - ein komisches Gefühl. Ich war mit dem Auto unterwegs nach Port d’Andratx, dem Saint Tropez von Mallorca, um dort ein bisschen stilvolle Boutiquenund Café-Atmosphäre zu atmen, als ich ein vertrautes gelbes T-Shirt in der Menge aufleuchten sah. Am liebsten hätte ich das Kind ins Auto gezerrt - wir hätten irgendwo nett zusammen essen können -, aber das ging natürlich nicht.

Sie war mit einem Trupp Gleichaltriger unterwegs und hat mein Gehupe nur mit einem Kopfnicken beantwortet. Mehr kann man unter diesen Umständen vermutlich nicht verlangen. Denn meine Tochter macht - auf eigenen Wunsch - ohne mich Ferien. Sie nimmt an einer organisierten Jugendreise teil. Eine Woche "Wellness, Sport, Adventure" im Badeort Santa Ponça, zusammen mit 18 Jugendlichen, die sie zuvor noch nie gesehen hat, und zwei professionellen Teamleiterinnen. Das Ganze in einem Drei-Sterne-Hotel in Strandnähe mit Allinclusive-Verpflegung. Mein Quartier liegt einen fünfminütigen Spaziergang entfernt, und ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich meiner Tochter nicht etwa heimlich nachgereist bin. Ich habe mich vielmehr von einem Angebot inspirieren lassen, das zwei Veranstalter ausprobiert haben: Die Eltern buchen am gleichen Ort ein anderes Hotel. Mütterliche oder väterliche Präsenz, aktivierbar, falls sich die Selbstständigkeit des Nachwuchses als nicht tragfähig erweist.

In Begleitung von Mama - voll peinlich

Franzi, die sich grundsätzlich immer alles zutraut, behauptet zwar, sie wäre auch ohne mich gereist. Nur hätte ich sie wahrscheinlich nicht gelassen. Sie ist nämlich erst dreizehn. So aber kann ich im Bedarfsfall jederzeit mit tröstenden Worten, Sonnenmilch oder zusätzlichem Taschengeld herbeieilen und ansonsten im Hintergrund bleiben und den langersehnten Ego-Urlaubstrip verwirklichen, während Franzi eine neue Stufe des Erwachsenwerdens erklimmt.

Beim Abendessen war es lustig: Alex hat roten Wackelpudding mit Eis auf seinen Teller gehäuft und alles ist geschmolzen. Wir haben dann noch Ketchup und Cola reingeschüttet. Voll eklig! Später, als es dunkel war, lagen wir am Strand und haben über tausend Sachen geredet. Ich bin die Jüngste, aber die anderen akzeptieren mich total. Alex, Samantha, Melvin und Timur sind echt nett. Dabei war es am Anfang ganz schrecklich. Als Mama und ich in meinem Hotel ankamen, stellte sich nämlich heraus, dass alle außer mir mit ihrem besten Freund oder der Freundin da sind, nur ich stand dumm herum. Und dann war ich auch noch die Einzige, die von ihrer Mutter begleitet wurde. Voll peinlich.

Übernommen aus ...

Übernommen aus ... ... Geo Saison Extra, Heft 2012, ab sofort für 8 Euro am Kiosk

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