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Sehnsucht Segeltörn: Mit dem Wind und Freunden nach Ibiza

Wer von Mallorca über Formentera nach Ibiza segelt, erlebt die natürlichste Form des Antriebs - und entdeckt den Zauber der Langsamkeit.

Von Christian Krug

Segeltörn Mallorca

Das Segelboot gleitet an der kleinen Insel Es Verdrà vorbei und steuert Cala d'Hort auf Ibiza an. Je nach Windstärke legt es dabei zwischen 19 und 16 Kilometer pro Stunde zurück.

Wir hatten ein klares Ziel. Und plötzlich war er da, der Blitz. Alle fünf Sekunden. Seit 1861 wiederholt er sich – bis heute. Ausgesendet von einem Turm in stockfinsterer Nacht. Wenn es einen magischen Moment in meinem Leben als Segler gibt, dann diesen. Ich bin in Dänemark gesegelt, in Schweden, in Italien und Kroatien, in der Türkei und Griechenland. Das waren schöne Segeltörns, aber die Überfahrt von nach Formentera, die werde ich nie vergessen.

Für Nichtsegler ist das schwer zu begreifen. Vor allem für diejenigen, die sich schon aufregen, wenn das Flugzeug 30 Minuten Verspätung hat. Die am Gepäckband stehen und eine nach Hause senden: "Na, das fängt ja toll an: Jetzt warten wir auch noch auf unsere Koffer – typisch Spanien! "

Segeln ist Anachronismus in Reinform

Es gibt wohl keine langsamere Fortbewegungsart für große Entfernungen. Sogar Fußgänger sind oft schneller. Da fliegt man mit rund 800 Sachen nach Mallorca, hetzt mit einem zum Hafen, springt auf ein Segelboot und fährt ab diesem Moment mit rund 10 bis 16 Kilometern pro Stunde seinem Ziel entgegen. Wer im Leben keine Zeit verschwenden will, muss dabei wahnsinnig werden. Ich habe mich aus der Ferne auch immer für Japaner begeistern können, die hoch konzentriert ihren Zen-Garten harken. Stundenlang. Der Weg ist das Ziel.

Wir verließen an einem Samstagnachmittag auf einer "Bavaria 50" den Hafen von Palma. Fünf Freunde an Bord. Einer konnte sogar sehr gut segeln. Der war der Skipper. Der Rest von uns hatte Segelscheine, aber war nicht gerade weltmeererprobt. Wir blieben bei unseren Törns vorher gern in Sichtweite der Küste. Man kann ja nie wissen. Nun also legten wir Kurs an Richtung Formentera. Es wurde dunkel. Ich hatte mit einem Freund Nachtwache. Wir hatten etwas Wind, bewegten uns in Zeitlupengeschwindigkeit vorwärts. Wir tranken viel Kaffee, rauchten, redeten, schwiegen, lösten uns am Ruder ab. Es gab eigentlich nichts zu tun, außer die Augen offen zu halten. 

Der Leuchtturm, den wir ansteuerten, steht auf der 120 Meter hohen Steilküste im Osten der kleinen Baleareninsel. Sein Licht kann man deshalb rund 42 Kilometer weit sehen. Erst ist es nur eine Ahnung, ein Zucken. Dann wird es zur Gewissheit. Und man weiß, dass man am Ende des Törns nicht doch zufällig in Valencia aufwacht. Sein Blitzlicht sollte uns durch die Dunkelheit führen, keine Karte, kein Navi. Nur sein Leuchten. Einfacher geht es nicht. Wir hofften, dass niemand an Bord wach wird, weil dieser unendlich lange Moment für uns in der Nachtwache noch lange anhalten sollte. Es war jetzt unser Leuchtturm. Wir haben ihn uns ersegelt. Er war unsere Ernte. Die anderen sollten den Tag genießen, uns gehörte die Nacht.

Im ersten Morgenlicht ankerten wir an der Cala Migjorn

Wir waren das einzige Segelboot weit und breit. Es mag albern klingen, aber es fühlte sich für uns ein bisschen an wie die Insel von Robinson Crusoe. Vor allem, wenn man weiß, dass nur ein paar Kilometer weit weg, in der Bucht von El Tiburón, schon bald Hunderte von Motorbooten und Luxusyachten ankern würden.

Far de la Mola im Osten von Formentera

Alle fünf Sekunden sendet der Leuchtturm Far de la Mola im Osten von Formentera ein Lichtsignal, bis zu 42 Kilometer hinaus aufs Mittelmeer.


Als wir gegen Mittag dort ankamen, fanden wir kaum noch einen Platz, um unseren Anker zwischen all die Schiffe zu werfen. Mit einer gecharterten Segelyacht fühlt es sich dort an, als wäre man mit einem alten Käfer in eine Porsche-Parade geraten. Auf den Schiffen um uns herum wedelten die Bootsjungen wild mit den Armen nach den Schlauchbooten der Restaurants am Strand. Nur wer eine Tischreservierung hatte, wurde auch mitgenommen. Alle anderen hatten offensichtlich einen Tisch. Wir schwammen ans Ufer.

Wo Leonardo DiCaprio Urlaub macht

Wir segelten weiter nach und ankerten in der Bucht von Ses Salines. Hier braucht man keinen Leuchtturm, um den immer noch angesagten "Jockey Club" zu finden. Ohren reichen zur Orientierung. Der DJ navigiert die Schiffe mit seinen Beats genau vor die Strandbar. Danach ging es zwei Buchten weiter nach Cala Jondal. Dort ankerte gerade der Schauspieler Leonardo DiCaprio, der sich gern einen grünen Umweltumhang überwirft, aber merkwürdigerweise oft auf Superyachten Urlaub macht.

Als wir uns seinem Schiff näherten, steuerte eines seiner Begleitschiffe auf uns zu. Die Besatzung rief: "No photos." Um ehrlich zu sein, wussten wir gar nicht, was wir nicht fotografieren sollten. Erst als sie alle sehr aufgeregt waren, hatten wir den Schauspieler entdeckt. Natürlich machten wir jetzt Fotos. Der Strand ist übrigens nicht besonders schön. Er ist steinig, und meist schlagen Wellen dazu einem auch noch die Beine weg. Die Menschen strömen aber hin. Denn hier liegt das "Blue Marlin". Vielleicht die teuerste und exklusivste Strandbar der Balearen. Ein Tisch an einem Sonntagnachmittag, mit Wodka und Champagner für zehn Personen, inklusive Blick auf die Liveband, kostet schnell mehrere Tausend Euro.

Beim Café del Mar an Ibizas Westküste

Wir segelten weiter nach Es Cubells, ließen danach die vorgelagerte Miniinsel Es Vedrà links liegen und landeten in der Cala d'Hort. Etwas offen gelegen für eine ruhige Nacht auf einem Boot, aber umsonst und ohne DJ am Strand. Am nächsten Tag wollten wir nach Sant Antoni. Dort, an der Westküste, liegt das weltberühmte Café del Mar mit dem Blick auf den besten Sonnenuntergang, den man auf Ibiza genießen kann. Um es vorwegzunehmen: Es war eine Enttäuschung. Der Sonnenuntergang ist immer noch spektakulär anzusehen, dort, wo die rote Sonne in das Wasser plumpst. Aber eigentlich ist dieser einst besondere Felsvorsprung zu einem versifften Stein mit einer Trinkhalle verkommen. Es war auch irritierend, dass der engagierte DJ in der Bar sphärische Klänge mixte und die Bewohner einer deutlich nördlicheren Insel sich davon nicht abhalten ließen, "God save the Queen" anzustimmen.

Viele segeln von dort aus wieder zurück nach Mallorca, immer an der Westküste entlang, wir fuhren in die Richtung, aus der wir gekommen waren – nach Ibiza-Stadt. Wir wollten lieber zwischen Ibiza und Formentera zurück in den Hafen von Palma segeln. Auf der Fahrt begleiteten uns Delfine, die offensichtlich auch wollten, dass wir Fotos von ihnen machen, so nah schwammen sie an uns heran. Doch wenn ich heute an diese Reise denke, ist es der Leuchtturm "Far de la Mola", den ich vermisse.


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