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Wandern zwischen Reben und Ruinen

Zwischen Bonn und Wiesbaden hat der Rhein sich so tief ins Land gegraben, dass selbst Bergerfahrene in Hochstimmung kommen – wegen der Ausblicke und natürlich wegen des Rieslings.

Von Katharina Beckmann

Ein gutes Stück noch bis Bad Honnef. Sieben Stunden Wandern glimmen bereits in den Waden. Der Waldpfad schwingt in hübschen Bögen. Und dann, in der zweiten Wegkehre, ist der Höhenmesser auf der GPS-Uhr tatsächlich vierstellig: 1000 Höhenmeter haben wir heute schon überwunden, wie auf einer Bergtour - nur kommen wir hier nie über 400 Meter hinaus! Denn wir laufen schließlich am Rhein entlang. Allerdings hat sich der Fluss in Jahrmillionen tief ins Mittelrheintal geschnitten. Und wer wie wir zwischen Bonn und Wiesbaden an seinen Ufern wandert, muss ziemlich viel hinauf und hinunter.

Rheinsteig heißt die 320 Kilometer lange Route seit 2005. Sie verbindet alte Wege, Wildpfade und Schmugglerrouten miteinander. Allein der Name hätte uns hellhörig machen können. Ich war fest überzeugt, dass man am Rhein herumspaziert, wenn man Rentner ist und weite Reisen scheut. Ich war Alpenquerungen gewöhnt, stand schon auf Andengipfeln. Frank Gallas, der den Rheinsteig erfunden hat, musste mich zum Gepäcktransport überreden: "Die Gegend ist die wohl alpinste in Deutschland – außerhalb der Alpen."

Nun wandern mein Freund Arne und ich gegen den Strom, nach Süden. Knapp hinter Bonn führt der Weg durch das Siebengebirge, 1922 schon zum Naturschutzgebiet erklärt. Es geht durch lichten, dann dichten Wald, an Baumriesen vorbei, zu deren Füßen sich ein hochfloriger Teppich aus Büschen und Farnen ausbreitet. Wasserläufe mäandern, ein Bach gluckert. Der Fluss ist anfangs nur eine flüchtige Erscheinung, ein Lamettafaden am Horizont. Oder er ist so geradegerückt und von Industriegebieten bedrängt, dass man froh ist, wieder Abstand zu gewinnen.

Am zweiten Tag: über Sankt Goarshausen

Am zweiten Tag aber wandelt sich das Bild. Über Leutesdorf schraubt sich ein Stichweg hinauf zur Burgruine Hammerstein. Wir blicken zu beiden Seiten auf Wälder und Schieferhänge: In deren V-Ausschnitt glitzert der Rhein. Erstmals kann ich mir vorstellen, warum im 19. Jahrhundert die Romantiker kutschenweise anreisten, den Fluss bedichteten und die Landschaft malten.

Wir sind fast immer allein unterwegs, obwohl jährlich Zehntausende kommen. Die aber verlieren sich auf dem langen Steig. Die erste, die uns ein längeres Stück begleitet, ist Beatrix Ollig, 37, kastanienbrauner Bubikopf, die Tasche vollgestopft mit Schablonen, Spraydosen und Heckenschere, eine der 21 Wegepaten der Rheinsteig-Pfade. In den Bergen kümmern sich die Alpenvereine um Pflege und Markierung der Wege. "Aber ohne Alpen kein Alpenverein", sagt Ollig. Sie hat als Landschaftsarchitektin die neue Fernwanderroute von Anfang an mit geplant und sich dann wie Dutzende andere um eine Patenschaft beworben: "Und ich bekam auch noch diese tolle Etappe zwischen Kamp-Bornhofen und Sankt Goarshausen."

"Ihr" Weg, 18 Kilometer lang, führt anfangs streng bergauf zu den Burgen "Katz" und "Maus": Der Erzbischof und ein reicher Graf lebten im Mittelalter dort in Feindschaft nebeneinander. Wir queren Geröllhänge, aus denen sich hüfthohe Eichen winden, gehen durch Magerwiesen, Schachbrett-Schmetterlinge tänzeln über den Halmen. Am Rabenacksteig, in den kantigen Felsen hoch über Sankt Goarshausen, sichern Halteseile und Leitern den Weg. Tief unter uns schlägt der Rhein seine Haken. Beatrix Ollig, die es nach dem Studium in Greifswald zurück zum Mittelrhein zog, überblickt selig das Panorama: "Hier gibt es so viele schöne Aussichtspunkte. Ich darf gar nicht so viel rasten, wie ich will. Sonst werde ich nie fertig." Zweimal im Jahr ist Ollig je vier Tage am Rhein unterwegs. Sie schneidet Schilder frei und erneuert an Bäumen und Zaunpfosten verwitterte Rheinsteig-Zeichen, ein R auf blauem Grund.

Schlafen zwischen den Reben

Zum Ende dieser Etappe schlittern wir den steilen Trampelpfad hinab nach Sankt Goarshausen. Dort kommt der Rheinsteig dem Fluss ungewohnt nah, fast zu nah. Die dicke "Emily" brummelt an der Ufer-Promenade vorbei, eines von täglich rund 160 Frachtschiffen. Blecherne Ansagen der Ausflugsdampfer hallen herüber. Auf dem anderen Flussufer rattert und kreischt ein Güterzug, alle fünf Minuten wieder. Ein älterer Herr, der mit seinem Mofa am Goarshausener Hafen steht, behauptet, er könne allein am Krach die Anzahl der Waggons bestimmen. Und? "32, plus Lok."

In Goarshausen und in den Nachbardörfern kleben Maklerschilder in den Fenstern. Auch wir fliehen - nach oben, ins Hotel "Burg Rheinfels". Eine Trutzburg inmitten der Rebhänge am Rheinufer. In den Zimmern mit Himmelbetten fühlen wir uns, verschwitzt wie wir sind, kurz fehl am Platz und dann genau richtig, genießen die Sauna, das feine Essen und den fürstlichen Blick übers Tal.

Wanderer statt Vereinsausflügler

Bis in die Neunzigerjahre waren Vereinsausflügler mit Sonderzügen in die Region gekommen, um zu schunkeln und billig Wein zu trinken. Bald flogen sie aber lieber zum Sangria-Trinken nach Mallorca; ein neues Publikum musste her, weshalb ab 2003 ein eigens gegründetes Rheinsteig-Büro nach einem Weg für die Zukunft fahndete. Nicht alle Gastronomen sind da mitgegangen, es gibt noch immer viel Schnitzel-Pommes und schlechten Wein. Aber der Rheinsteig führt uns zu unerwarteten Höhepunkten, zur "Burg Rheinfels" eben, oder auch "Zum weißen Schwanen", einem verwinkelten Fachwerkanwesen in den engen Gassen von Braubach.

Unser Gepäck steht schon im Zimmer, im Bad liegen Blasenpflaster. "Massagen können wir auch organisieren", sagt die Wirtin Karolin König-Kunz. Sie ließ ihr 180 Jahre altes Gasthaus als eines der ersten auf die Liste der Rheinsteig-Gastgeber setzen. Warum sie uns als Gäste so gern hat? Die Wirtin lächelt wissend: "Wanderer, die tags etwas geleistet haben, wollen sich abends etwas gönnen - und sich nicht abspeisen lassen." Schon lässt sie Joghurt-Terrine mit Krabben und Sanddorn-Salbei servieren und Steinbeißer mit Kapuzinerkresse aus dem Kräutergarten, der im Innenhof wuchert. Später, beim Riesling vom Bopparder Hamm, einem Steilhang auf der anderen Rheinseite, so steil, dass die Maschinen angeseilt werden müssen, erzählt die Wirtin: "Ich mag es auch, dass Wanderer so voller Glut von meiner Heimat sprechen. Von der Rheinschleife, den Weinbergen, der Loreley …"

"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …"

Der Loreleyfelsen liegt auf der Route des Wegepaten Nico Melchior. Wie groß gewachsen der 28-Jährige ist, merkt man schon an den Markierungen, die ein ganzes Stück über unseren Köpfen an Bäume und Felsen gesprüht sind. Nico rennt die schmalen Pfade und Feldwege hinauf, schnell erreichen wir den Ausblick auf den sagenhaften Felsen, 132 Meter hoch, wie ein Zuckerhut am Rand des Flusses. Der Rhein, nur noch wenig mehr als 100 Meter breit, muss hier eine knappe 90-Grad-Wende vollziehen. Viele Schiffe zerschellten einst an den Klippen, angeblich, weil eine blonde Nixe die Kapitäne durch ihren betörenden Gesang vom Kurs abgebracht hatte. Ein legendärer, ein überlaufener Ort.

Wir marschieren auf das Aussichtsplateau zu, das wie ein Hubschrauberlandeplatz auf den Rheinklippen liegt. Seitlich eine Stahlnixe, deren Sockel von den posierenden Touristinnen abgewetzt ist. Busladungen blicken gebannt in die Tiefe. Von den Ausflugsdampfern hallt in Dauerschleife das Loreley-Lied herauf: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …"

"Hier lang!", ruft Nico und zeigt auf eine versteckte Wegmarke an einem Straßenschild. Der Rheinsteig führt uns schnurstracks am Trubel vorbei, bestimmt 500 Meter einen Schotterpfad hinab, biegt rechts ein auf den "Spitznack": Felsen, wie Kartons gestapelt. Nur noch ein paar Schritte, dann ist die Sicht frei - auf den fast schwarzen Loreleyfelsen, umspült vom Rhein, in dem Licht zu fließen scheint. Plötzlich sind auch wir angezogen von diesem so oft gesehenen Felsen, der für uns eigentlich nur Pflichtprogramm war. Und beschließen an dieser Stelle, wiederzukommen. Ganz bestimmt.

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