HOME
präsentiert von:

Stern Logo Ratgeber Outdoor

Die 100 Kilometer-Tortour quer durch den Harz

Fast 500 Läufer, eine Distanz von 100 Kilometern und 30 Stunden Zeit - so lautet die Formel für die aufregendste Nonstop-Wandertour der Welt. Ein Team von stern.de war dabei.

Von Till Bartels

1 Team, 4 Personen, 100 Kilometer, 30 Stunden: Der Oxfam Trailwalker ist eine große sportliche Herausforderung

1 Team, 4 Personen, 100 Kilometer, 30 Stunden: Der Oxfam Trailwalker ist eine große sportliche Herausforderung

Wie weit würdest Du gehen für eine Welt ohne Armut?, lautet die Frage von der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, die für den 3. September zu ihrem zweiten Charity-Lauf in Deutschland aufrief. Die Vierer-Teams legen dabei eine Strecke von 100 Kilometern in maximal 30 Stunden zurück. Will man diese Distanz schaffen, ist an eine lange Pause mit Schlaf nicht zu denken. Auch in der Nacht muss nonstop gewandert werden. Voraussetzung für die Teilnahme an der Ultra-Marathonstrecke ist neben Ausdauer auch ein gutes Fundraising: Denn jedes Team muss mindestens 2000 Euro an Startgeldern gesammelt haben. Die Spendensumme kommt anschließend mehreren Afrika-Projekten in Simbabwe, Äthiopien und Südafrika zugute.

Eines der 123 Teams, die in Osterode am Harz losliefen, waren die sternläufer, die eine doppelte Unterstützung erfahren durften: einmal durch das zweiköpfige Support-Team, das uns an den Checkpoints mit Getränken, Essen, Blasenpflaster und Zuspruch versorgte, sowie durch das finanzielle Engagement des Gruner + Jahr Commitment und vielen privaten Spendern. Mit einer Summe von 6110 Euro erreichten die sternläufer das zweitbeste Ergebnis aller Teams - gute Vorraussetzungen noch vor dem Start.

Plötzlich sind wir die Letzten

An vier Wochenenden zwischen April und August hatten wir vier Mitarbeiter von stern.de - Björn Holm, Sebastian Pfotenhauer, Michael Genova und Till Bartels - zusammen für den Trailwalker 2011 trainiert und beim Gehen einen gemeinsamen Rhythmus gefunden. Unser Ziel: Zusammen ankommen ist uns wichtiger als eine Top-Zeit.

Für den kleinen Ort Osterode im Südwesten des Harzes ist eine Sportveranstaltung mit 500 Teilnehmern und ausgeklügelter Logistik ein Riesending. Im Kurpark vor der Stadthalle herrscht schon am Vorabend bei der Anmeldung der Teams Festival-Atmosphäre. Erst recht beim Start am nächsten Morgen auf dem Kornmarkt, als im Sonnenschein unter großem Anteil der Bevölkerung der Startschuss fällt.

Doch schon bald kommt für uns sternläufer eine ungeplante Zwangspause: Im Schuh von Björn bricht auf den ersten Kilometern am Hacken die Naht an der Hackenpolsterung, die an seiner Ferse scheuert. Wir beratschlagen: Erst am übernächsten Checkpoint kann er ein Paar Ersatzschuhe von unserem Support-Team in Empfang nehmen. Währenddessen ziehen alle anderen Lauf-Teams an uns vorbei.

Hinter uns fahren schon Mountain-Biker, die mit Akkuschraubern die Wegweiser einsammeln. Wir kommen ins Gespräch. Im vorigen Jahr seinen auch Hamburger dabei gewesen. "Die waren ganz erstaunt, wie hoch die Berge im Harz sind", so der eine.

Beim zweiten Checkpoint in Altenau treffen wir auf unsere beiden Supporter: Claudia Holm und Sven Claar. Sie haben per Sackkarre vom Auto Kisten mit Getränken, Obst, belegten Brötchen, Energieriegeln und Ersatzklamotten und -schuhen angekarrt. Nach einem Viertel der Strecke pausieren wir eine gute halbe Stunde und laufen parallel zu einem fast horizontal fließenden Bewässerungsgraben Richtung Torfhaus. Plötzlich kommt uns der erste Läufer entgegen. "Es geht nicht mehr, die Füße."

50 Kilometer in gut 13 Stunden

Stundenlang laufen wir durch schattige Tannenwälder, über Schotterpisten, schmale Pfade, über Wiesen und zum Teil asphaltierte Waldwege. Das erste Drittel des Rundweges des Harzes kennen wir von einem Probelauf, den wir vor fünf Wochen absolvierten. Seitdem haben wir größten Respekt von den 100 Kilometern. Ab dem späten Nachmittag kommt endlich Neuland für uns, wir überqueren die Okertalsperre und winden uns auf steilen Wegen im letzten Tageslicht zum Ort Schulenburg.

In der Touristeninfo soll es ein warmes Essen geben. Wir hoffen auf einen Berg Nudeln, doch wir sind zu spät. Selbst die Suppe ist alle. "Pech gehabt", empfängt uns einer vom Oxfam-Team. Zum Glück können wir uns auf unsere Supporter verlassen. Die haben Essen für eine Woche im Auto. Wir sitzen vor dem geöffneten Kofferraum auf dem Parkplatzboden, schlürfen heiße Brühe, kauen Kartoffelsalat und bandagieren unsere Zehen und Hacken mit Hansaplast.

Vor uns liegt eine Nachtwanderung

Wir sind das Gegenteil von ausgeschlafen. Eher möchte sich jeder von uns zum Schlafen lang ausstrecken. Eine 50 Kilometer lange Wanderung ist nicht die beste Vorraussetzung für einen Powerwalk durch die Dunkelheit. Aber wir werden belohnt, wenn wir für einen Moment die LED-Stirnlampen ausschalten: Wir laufen durch die lauwarme Sommernacht direkt auf das Sternbild des Großen Wagen zu, über uns glitzert ein sagenhafter Sternenhimmel. Gegen 22 Uhr hat sich der Mond bereits verzogen.

Es folgen die inneren Kämpfe, die jeden auf Schritt und Tritt begleiten: gegen die Müdigkeit, gegen die Schmerzen in Beinen, Fuß oder Hüfte. Bei jedem zwickt etwas anderes. Doch wir behalten unseren Rhythmus, denken nicht in langen Distanzen, sondern nur bis zum nächsten Checkpoint. Immer häufiger überholen wir andere Teams, schnappen Sätze aus ihren Handygesprächen auf. "Das überstehst Du nur mit Schmerzmitteln", sagt einer und ordert von seinem Supportern ein Medikament. Eine Etappe weiter rasen sie an uns vorbei.

Der Weg wird matschig und schmal, es geht steil bergab, wir rutschen über Wurzeln, federn uns auf den Stöcken ab. Nur nicht einschlafen. Neben uns rauschen wilde Bäche und Wasserfälle. Plötzlich steht ein kleiner Waschbär vor uns auf dem Weg, kommt bis auf wenige Zentimeter an unsere Hosenbeine und glotzt uns verwirrt an.

Grüne Leuchtsteifen markieren den Weiterweg

Um kurz vor 2 Uhr empfängt uns vor dem Bergstadthaus in Wildemann laute Schlagermusik, innen im großen Saal eine Duftmischung aus Schweiß, Kaffee, billiger Tomatensoße und Massageöl. Es gibt Nudeln satt, auf der Bühne stehen sechs Massagetische, wo verspannte Muskeln durchgeknetet werden. Die Turmuhr schlägt drei Uhr, als wir wieder aufbrechen.

Wie Schwärme von Glühwürmchen schweben die Wanderer mit ihren Stirnlampen über die Wiesen bei Wildemann. Nur noch vier Stationen liegen vor uns. Sebastian hat Blasen an den Händen von den Walking-Stöcken. Der Wegabschnitt ist mit hellgrün fluoreszierenden Leuchtstäben bestens markiert. Mal links, mal rechts - und immer wieder bergauf und bergab.

Zu Höhenpunkten werden die Straßenüberquerungen. Sie kündigen sich durch das Flutlicht und das Brummen der Dieselaggregate der Feuerwehren an. Sie sichern mit ihren Leuchtstreifenmonturen die Übergänge, stoppen den Autoverkehr für jeden Trailwalker. Beim Checkpoint Prinzenteich haben wir 80 Kilometer geschafft, hinter den Tannen wird der Himmel gegen 6 Uhr morgens heller. Jetzt fällt das Laufen leichter, der Weg wird breiter, wir müssen uns nicht mehr auf jeden Schritt konzentrieren. Unsere Pausen werden immer kürzer. Regen setzt ein. Wir wollen nur noch eines: ankommen.

Die doppelte Marathon-Distanz liegt hinter uns

Auch im Hellen fühlen wir uns hundemüde, keiner erzählt mehr Geschichten. Wortkarg spulen wir die restlichen Kilometer ab. Längst laufen wir nicht mehr alleine, stets in einem Pulk. Eine Dreier-Gruppe, von denen es immer mehr gibt, weil ein Vierter aufgeben hat, zieht an uns vorbei und trägt einen kleinen Lautsprecher mit dem Lied "The final countdown" vor sich her.

Obwohl wir schon die Kirchenglocken zum 10-Uhr-Gottesdienst in Osterode vernehmen, leiten uns die Schilder wieder einen Abhang hinauf, um wahrscheinlich mit Umwegen die 100 Kilometer noch zu vollenden, allerdings auf anstrengenden Schotterpisten. Durch unsere Sportschuhe, die wir statt der Wanderstiefel längst angelegt haben, glauben wir jeden Stein zu spüren. Jeder von uns hat Bedenken, noch kurz vor dem Ziel von einem Krampf geplagt zu werden. Kurz vor 11 Uhr erreichen wir endlich die Innenstadt von Osterode. Doch auf dem Kornmarkt ist nichts mehr los, wir müssen noch 200 Meter weiter bis zur Stadthalle. "Gleich hamses geschafft", ruft uns ein Rentner mit unverwechselbarem südniedersächsischen Charme zu, der von einem Eiscafé sitzt.

Die letzten Meter geht es sich wie auf einem Schaumteppich, vollkommen schmerzbefreit: Ein Blasorchester spielt einen Tusch, hinter den Absperrgittern steht halb Osterode Spalier und klatscht. Schon sind wir auf der Bühne, bekommen Plakette und Urkunde gereicht. Nach 27 Stunden und 38 Minuten ist der Spuk vorbei. Eine Minute später sitzen wir an einem Tisch vor einem Glas alkoholfreiem Weizenbier. Wir stoßen an und schwören: einmal Trailwalker - aber nie wieder. So eine Tortour macht man kein zweites Mal.