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Terror und Krieg: Wo ist man im Sommerurlaub noch sicher?

Eigentlich buchen die Deutschen jetzt ihren Sommerurlaub. Doch in diesem Jahr trauen sie sich nicht. Die Strände in der Türkei bleiben leer. Nur in Spanien wird es voll.

  Leere Liegen am Strand von Fethiye an der türkischen Riviera

Leere Liegen am Strand von Fethiye an der türkischen Riviera

Als in Ankara die Bombe explodiert und 28 Menschen in den Tod reißt, schwärmt Emrah Kabakci gerade von der Türkei. Fünf Sterne, weißer Strand, all inclusive. Kabakci ist zur Reisemesse nach Hamburg gekommen, um die Deutschen an die türkische Riviera zu locken. Sie sollen ihren Urlaub in Pools der Güral-Hotelgruppe aus Antalya verbringen. Kabakci hat Flyer ausgelegt, Interessierten will er verzierte Porzellantassen mitgeben. Doch die Deutschen lassen sich nicht locken, auf Kabakcis Messestand ist wenig los. "Das wird ein ganz schwieriges Jahr", sagt er. Nach dem Anschlag erst recht: Wer will denn jetzt noch in die Türkei fliegen?

Terror, Krieg, Flüchtlinge – die Schreckensbilder aus den Nachrichten verändern die Urlaubswünsche der Deutschen grundlegend. In die Türkei, voriges Jahr noch eines der beliebtesten Reiseziele, trauen sich viele nicht mehr. Nach Ägypten will fast keiner mehr. Und am Messestand von Tunesien hat der Kalligraf, der Besuchern arabische Schriftzeichen aufmalen will, viel Zeit für seinen Tee.

Nebenan dagegen, an den Ständen von Österreich, Spanien oder Bulgarien, sammeln die Leute Prospekte ein, da kauen sie Tiroler Bauernspeck und Serrano-Schinken. Auch bei den Kreuzfahrtanbietern ist das Gedränge auf der Reisemesse groß. So ein Schiff kann Krisenregionen ja auch kurzfristig noch umfahren. Die Deutschen suchen Sommer, Sonne – und Sicherheit.

40 Prozent weniger Türkei-Buchungen

Viele haben ihre Reisepläne sogar ganz verschoben. Der Januar und Februar sind für die Tourismusbranche eigentlich die wichtigsten Wochen des Jahres. Normalerweise buchen Millionen Bürger jetzt ihren Urlaub. Doch in diesem Jahr zögern die Deutschen. Verglichen mit 2015 sind die Reisebüro-Buchungen im Januar um 12 Prozent eingebrochen. Beim Marktführer Tui liegt allein die Türkei rund 40 Prozent unter dem Vorjahr. Konkurrent Thomas Cook hat schon ein Drittel der Sommerflüge nach Antalya und Izmir gestrichen, mangels Nachfrage.


"Die Unbeschwertheit ist nicht mehr da", sagt Franz-Josef Tegethoff, der Besitzer des Reisebüros "Holiday Land" im westfälischen Warburg. Die Kunden hätten Angst, und das wirke sich aus. "Ich habe über den Winter so viel Gran Canaria gebucht wie noch nie in den letzten 20 Jahren."

Die Anbieter aus den Krisenländern werben inzwischen mit extremen Rabatten um die Urlauber. Zum Beispiel am Flughafen Köln-Bonn, in der Last-Minute- Reisegalerie im Terminal 2. Hinter dem Verkaufstresen des "Air Marin"-Reisebüros hängt eine grellgelbe Tafel: "Antalya, Hotel Eftalia Aytur, vier Sterne, sieben Tage, 195 Euro." Ein Kunde fragt den Verkäufer, wann der Preise gelte. Dann tippt er stumm in seinen Computer, dann sagt er: "Oh, der ist schon wieder runtergegangen. Jetzt kostet es nur noch 168 Euro."

Ägypten-Reisen zu Ramschpreisen

Wer will, kann 2016 sehr billig reisen. Ein Fünfsternehotel in Ägypten preist Air Marin für 299 Euro die Woche an, all inclusive und mit Flug. Ein großes deutsches Reiseunternehmen überlegt, demnächst Ägypten-Flüge für 199 Euro zu verkaufen – und dann den Urlaubern freizustellen, was sie für das Fünfsternehotel zahlen möchten: 1 Euro, 10 Euro, 100 Euro? Ein anderes bot kürzlich eine Nilkreuzfahrt zu jeder Buchung kostenlos dazu – und wurde die 5000 Pakete nicht los.

Hauptsache, es kommen überhaupt Gäste. Denn Charter-Flugzeuge müssen regelmäßig in die Zielgebiete starten, selbst wenn sie fast leer sind. Schließlich wollen immer Feriengäste wieder zurück. Und auch die großen Hotels können nicht einfach für ein paar Wochen schließen. Darum buhlen sie mit Kampfpreisen um deutsche Urlauber.

Ob die sich darauf einlassen, hängt davon ab, wie hoch sie das Sicherheitsrisiko einschätzen. Gebannt beobachtet die Branche darum, welche Warnungen die Behörden für welches Land geben.

Großbritannien etwa hat nach dem Amoklauf an einem Strand in Tunesien, bei dem viele Briten getötet wurden, eine "Reisewarnung" für das Land ausgesprochen. Das ist die härteste Form des staatlichen Eingriffs in die Touristenströme. Die Folge: Tunesienurlaube können in Großbritannien nicht mehr verkauft werden. Wer zuvor gebucht hat, darf stornieren.

Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes

In Deutschland gibt das Auswärtige Amt auf seiner Website bloß "Sicherheitshinweise" für Tunesien. Darin listen die Beamten die letzten Anschläge auf. Das wirkt abschreckend. Trotzdem haben alle großen Anbieter das Land noch im Programm. "Wir halten zu Tunesien, aber die Rückgänge sind enorm", sagt Stefan Suska von Alltours. Fast alle Charterflüge seien gestrichen. Die wenigen Reisenden sitzen jetzt in Linienfliegern der staatlichen Tunisair.

Für Ägypten spricht das Auswärtige Amt eine "Teilreisewarnung" aus. Der Norden der Sinai-Halbinsel gilt als zu unsicher. Und seit dem Anschlag auf einen russischen Ferienflieger, der in Scharm al- Scheich gestartet war, ist der dortige Flughafen in Verruf geraten. Der Sinai ist ein Krisengebiet. Und für den Rest des Landes gibt es "Sicherheitshinweise", in denen allein für die vergangenen zwölf Monate acht Terroranschläge mit Dutzenden Toten aufgelistet werden.

Auch der Eintrag über die Türkei liest sich dramatisch: "Seit Januar 2015 gibt es immer wieder Anschläge und Selbstmordanschläge durch terroristische Gruppen mit mehreren Todesopfern", steht da. Die lange Liste der Anschläge, darunter der Beschuss eines Flughafens mit einem Granatwerfer, verschwand in der vergangenen Woche aus dem Netz. Lediglich die letzten beiden Attentate werden ausführlich erwähnt, darunter das in Ankara.

Später Saisonstart

Als dort die Bombe hochging, stand der Tui-Manager Stefan Baumert 400 Kilometer entfernt in Antalya auf einer Bühne. Vor ihm saßen rund 300 türkische Hoteliers, die hören wollten, wie es weitergeht. "Die Nachricht von dem Anschlag haben die meisten gefasst aufgenommen", erzählt Baumert. "Inzwischen sind sie den Umgang mit Krisen gewohnt, auch wenn es noch nie so schlimm war." Wirklich dramatisch wäre nur ein Anschlag im Touristenzentrum Antalya gewesen.

So aber sieht Baumert noch Chancen. Die meisten der eher mittelständischen Hotelgruppen seien recht gut aufgestellt, sagt er. Sie würden vielleicht die Zeit zum Renovieren nutzen oder etwas später in die Saison starten. "Die Hoteliers wissen, dass sie in diesem Jahr nicht reich werden." Zumal neben den Deutschen und anderen Westeuropäern auch die eigentlich krisenfesten Russen wegbleiben.

  Stark frequentiert: am Strand von Culera, südlich von Valencia an der spanischen Mittelmeerküste

Stark frequentiert: am Strand von Culera, südlich von Valencia an der spanischen Mittelmeerküste


In der Branche können sie außerdem auf eines vertrauen: Reisende, das ist eine Lehre aus den vergangenen Jahren, gewöhnen sich an die Terrormeldungen und buchen schließlich trotzdem, besonders wenn die Preise stimmen. So war es zuletzt auch in der Türkei. "In den letzten Tagen vor dem Anschlag in Ankara hatte sich das Geschäft gerade wieder etwas belebt", sagt Baumert. Nun beginnt die Gewöhnung von Neuem.

Spanien profitiert von Krisen anderswo


Und die Deutschen denken um. Sie zieht es in diesem Jahr vor allem nach Spanien. Die Lieblingsziele, die Balearen und die Kanaren, sind bereits voll. Wer in den Schulferien nach Mallorca will, muss sich beeilen. Mit Rabatten oder attraktiven Last- Minute-Angeboten ist für den Sommer nicht mehr zu rechnen. "Mallorca wird von Mai bis Oktober mehr oder weniger ausgebucht sein", prophezeit Tui-Manager Baumert. "Die Insel wird aus allen Nähten platzen", sagt auch Alltours-Mann Suska. Sogar die Bettenburgen auf dem spanischen Festland erscheinen wieder als Traumziel. Zwischen den Hochhäusern von Lloret de Mar oder Benidorm gibt es zwar wenig Flair – aber wahrscheinlich auch keine Terroristen.

Auch der Ferienhaus-Urlaub in Deutschland, Österreich oder Italien ist wieder gefragt. Dort hat man noch einen Vorteil: deutschsprachiges Fernsehen. Schließlich beginnt am 10. Juni die Fußball-EM, und viele Urlauber legen in so einem Jahr nicht nur Wert auf Sicherheit, sondern auch auf guten Empfang. 

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