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stern-Reportage

Mit Volldampf zum Polarkreis

Früher haben sie Gefangene und Post transportiert, heute bringen die Schiffe der Hurtigruten vor allem Naturliebhaber, die Norwegen von der See aus entdecken wollen. Eine Reise über 34 Häfen.

Von Christian Krug

Reiseziel Norwegen: Linienschiffe der Hurtigruten – mit Volldampf zum Polarkreis

In zwölf Tagen fast ganz Norwegen erleben – von Bergen im Süden bis Kirkenes an der Grenze zu Russland. Man kann aber auch kürzere Touren wählen

Scott ist ganz aufgeregt. Mit zittriger Hand hält er mir sein Mobiltelefon entgegen. Wir stehen auf einem Fischkutter, der durch die Wellen Nordnorwegens stampft. Über uns fliegen zwei stattliche Seeadler und neben uns Hunderte Papageientaucher. Die Vogelfreunde an Bord kriegen sich kaum ein vor Glück und zücken die Teleobjektive. Aber Scott hat jetzt keine Augen für irgendwelche Tiere. Er kommt aus Tasmanien, dem südlichsten Flecken Australiens. Und nun schaukelt der pensionierte Polizist am Fuße des Nordkaps dem Moment entgegen, für den er um die halbe Welt gereist ist.

Deshalb braucht er genau jetzt ein Foto – nur von sich. Nicht, dass man von Scott viel erkennen könnte. Er ist eingemummelt in eine Art Polarüberlebensanzug. Auf dem Bild sieht man nur seine Nasenspitze unter einer beschlagenen Brille, ein zahnvolles Grinsen und sehr viel von dem wattierten Strampler. Als er sein Handy wiederhat, schickt er das Foto sofort an Freunde in der Heimat. "Ich bin jetzt einer der wenigen Australier, die den entferntesten Punkt bereist haben, den man von meinem Land aus überhaupt erreichen kann. Niemand, den ich kenne, war so weit von zu Hause entfernt. Und dazu hat es sogar noch geschneit. Das glaubt mir ohne Foto doch keiner."

"Bei uns fühlt sich eher der Typ allein reisender Weltenbummler wohl"

Scott ist Passagier auf der MS "Midnatsol", einem der modernsten Schiffe der Hurtigruten. Der Fischkutterausflug gehört zu den Programmpunkten, die man auf der Reise dazubuchen kann. "Einer der Unterschiede zu einer Kreuzfahrt", sagt Heiko Jensen, Deutschland-Chef der Hurtigruten, "ist der Expeditionsgeist der Reisenden." Während man auf klassischen Kreuzfahrten oft nur touristische Attraktionen in den Hafenstädten zu sehen bekomme, konzentriere sich Hurtigruten auf die Natur und deren Erkundung. Der Komfort auf der Reise sei mittlerweile zwar sehr angenehm, aber eben nicht entscheidend für eine Buchung. "Die allermeisten Gäste sind keine typischen Kreuzfahrer. Bei uns fühlt sich eher der Typ allein reisender Weltenbummler wohl oder das Ehepaar, das sonst auf eine Kultur- oder Bildungsreise geht. Das Rahmenprogramm auf dem Schiff spielt eine völlig untergeordnete Rolle."

Von Bergen bis Kirkenes: Mit den Hurtigruten durch Norwegen
Von Bergen bis Kirkenes: Mit den Hurtigruten durch Norwegen

Fischerboote in Kirkenes. In den Sommermonaten will die Sonne kaum versinken. Die Passagiere gehen häufig auch nachts an Land, um die Häfen zu erkunden

Das liegt auch in der Tradition begründet, aus der die Route entstanden ist. Die norwegische Regierung suchte Ende des 19. Jahrhunderts Reeder, die bereit waren, ihre Schiffe vom Süden Norwegens bis in den hohen Norden des Landes im Linienverkehr fahren zu lassen. Damals war jede Fahrt, besonders in der Dunkelheit, ein Wagnis. Nördlich von Trondheim standen gerade einmal 28 Leuchttürme. Die See war oft stürmisch, Gischt und Nebel erschwerten die Navigation. Viele Häfen waren auch bei gutem Wetter nur schwer anzusteuern.

Doch das Land, und damit auch seine Reeder, lag im Wettstreit mit Großbritannien, Dänemark, den Niederlanden und anderen Seefahrernationen. Nord- und Südpol waren noch nicht entdeckt. Es ging um Handelsrouten in der Polarregion, um mögliche Bodenschätze und zukünftige Territorien. Legendäre Abenteurer wie Amundsen, Scott und Peary waren die Helden dieser Zeit. Da wollten die norwegischen Reeder sich vor dem Staatsauftrag nicht wegducken. 1893 nahm das erste Schiff den Linienverkehr zwischen Trondheim und Hammerfest, später von Bergen nach Kirkenes, auf.

Am Anfang stand der Transport von Gütern, Nahrungsmitteln und Post im Mittelpunkt der Schiffsverbindungen. Auch Krankentransporte vom unzugänglichen Norden in den besser versorgten Süden waren für die Bevölkerung lebenswichtig. Jedes Schiff, so war die Auflage, musste auch eine Zelle für Gefangenentransporte bereithalten. Dies gilt bis heute. Die "Midnatsol" verfügt nicht nur über Spa, Fitnesscenter und Jacuzzi, sondern auch über eine Zelle. Sechs Tage dauert die rund 2700 Kilometer lange Seefahrt von Bergen bis Kirkenes.

Runter vom Schiff, rein in die Natur, schnell wieder an Bord

Etwa 70 Prozent der Passagiere sind inzwischen Touristen. Wer hin- und zurückfährt, sieht in zwölf Tagen 34 Häfen. Und hat die Möglichkeit, dort an Exkursionen teilzunehmen. Die Zeit ist dafür allerdings oft knapp. Und so stehen die Gäste immer schon mit Wanderschuhen und Walking-Sticks im Anschlag vor der geschlossenen Seitentür des Schiffes, während der Kapitän noch nicht einmal die Leinen zum Anlegen geworfen hat. Runter vom Schiff, rein in die Natur, schnell wieder an Bord. Die Hurtigruten warten nicht auf Trödler. Morgen kommt ja wieder ein Schiff. Das ist das Schöne am Linienverkehr.

Im Bierkeller in Tromsø erinnert ein Eisbär daran, dass es draußen auch gefährlich werden kann

Im Bierkeller in Tromsø erinnert ein Eisbär daran, dass es draußen auch gefährlich werden kann

Tatsächlich ist die Natur gewaltig. Als die "Midnatsol" auf den Lofoten stoppt, ist sie kurz darauf wie leer gefegt. Das schafft Platz für neue Gäste, die nun an Bord gehen – Norweger, die die täglich kommenden Schiffe als Café und Restaurant nutzen. Kaum sind die Touristen von Bord, nehmen sie Platz und genießen die Aussicht auf ihr Fischerdorf. Früher, so sagen die Einheimischen, sei man einfach nur zum Aufwärmen auf die damaligen Postschiffe gegangen. Vor allem im Norden ist die Ankunft der Hurtigruten oft der einzige Lichtblick im meist tristen dunklen Winter.

Als die Frachtzahlen durch den Ausbau des Straßennetzes in den 70er Jahren immer weiter zurückgingen, drohte die alte Lebensader der Norweger wirtschaftlich auszutrocknen. Bis heute sind die Wintermonate so verlustreich, dass die Schiffslinie ohne Subventionen nicht überlebensfähig wäre. Im Sommer dagegen sind die meisten Schiffe voll gebucht. Allerdings mit höchst unterschiedlichem Komfort. Von der Pritsche bis zur Suite samt Balkon ist alles möglich. Scott hat schon ein neues Ziel. Er will im nächsten Jahr mit der MS "Roald Amundsen", dem neuen Expeditionsschiff der Hurtigruten, noch näher an den Nordpol. "Dann", sagt er, "gehöre ich vielleicht zu den hundert Australiern, die jemals so hoch im Norden waren."

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