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In der Outdoor-Arena am Rande Europas

Touristen aus Deutschland lieben die Landschaft Schottlands. Nicht nur Bildbände wecken Sehnsucht nach Naturerlebnissen der besonderen Art in den Highlands und an der Küste.

Von Jan Bertram

Ob Karomuster, Kilt oder Clan - das exponiert im Norden der Britischen Inseln gelegene Schottland gebiert seit Jahrhunderten eine reiche Auswahl an touristischen Klischees. Schottland hat nicht viel mehr Einwohner als Sachsen, dennoch weiß jedermann, von Hollywood bis Hawkes Bay, dass die Männer Röcke tragen, ein Schotte sparsam ist, sich beim Klang eines Dudelsacks aufrichtet und spätestens dann Whisky trinkt, wenn der Tag geht ...

Laut amtlicher Statistik kommen jährlich rund 16 Millionen Touristen nach Schottland, davon 2,7 Millionen von "overseas", also außerhalb Großbritanniens. Der Tourismus bringt Schottland etwa 4,1 Milliarden Pfund Umsatz und verhilft rund 200.000 Schotten zu Arbeitsplätzen. Die Verklärung des keltisch geprägten Nordens Großbritanniens mag in der Romantik begonnen haben, aber es ist kein Thema der Romantik geblieben. Viele Touristen kehren auch heute noch mit verklärten Gesichtsausdrücken aus Schottland zurück.

Ziel für Aktivurlauber

Dabei ist Schottland in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall des britischen Tourismus. Die britische Touristikzentrale hat in ihren Statistiken aufgeschlüsselt, aus welchen Regionen der Welt die Besucher kommen. Großbritannien gilt (als weltweite Nr. 6) zu den echten Schwergewichten der beliebtesten Reiseziele.

Den Tourismusforschern zufolge sind es für die Mehrheit der Besucher von Großbritannien vor allem die Bauten und das kulturelle Erbe sowie die zeitgenössische Kultur, die als Hauptgründe für den Besuch genannt werden. London ist innerhalb Großbritanniens mit weitem Abstand der größte Magnet. Shoppen und Sportgroßereignisse folgen darauf. Es ist für den typischen Großbritannien- Touristen sehr viel wichtiger, dass der Urlaub "exciting" (also auf- und anregend) als dass er "relaxing" (erholsam) ist.

Doch bereits auf Platz zwei der Städte-Rangliste taucht Edinburgh (1,32 Millionen Besucher) auf, Glasgow (623.000 Besucher) folgt auf Platz fünf. Schottland hat ein eigenständiges Profil. Die größten Hindernisse und Herausforderungen sehen die britischen Tourismuswerber im Wetter, beim Essen und der relativen Währungsstärke (das galt bis zur Wirtschaftskrise). Das Wuchern mit dem Pfund ist faktisch vorbei, obwohl Großbritannien immer noch als teuer verschrien ist. Beim Thema Wetter lässt sich nicht viel beschönigen und das Essen, nun ja …

Die Deutschen wollen Landschaft

Die Deutschen sind mit jährlichen Urlaubsausgaben von etwa 80,8 Milliarden US-Dollar im weltweiten Vergleich noch vor den USA (73,2 Milliarden US-Dollar) das Land, das am meisten Geld für Reisen ausgibt. Doch es sind die Franzosen, die die meisten Besucher in England stellen. Danach folgen Irland, USA und Deutschland.

In Schottland ist dies traditionell anders. In Schottland liegen die USA vor Deutschland, Kanada und Australien. Die "Highland Clearances" haben viele Schotten in alle Winde verteilt. Deutschland ist deshalb das einzige Land der Spitzengruppe, das keinem irgendwie gearteten Ahnen- oder Abstammungstourismus aufsitzt. Die Deutschen wollen Landschaft. Und davon gibt es hier reichlich.

Mag das Essen oder das Wetter noch Verwechslungen mit England heraufbeschwören, bringt die unmittelbare Kommunikation mit Schotten die Unterschiede rasch hervor. Schotten pflegen einen stark gefärbten eigenen Dialekt, und sie reden - ohne sich aufdrängen zu wollen - gern mit Gästen. Sie benutzen - basierend auf dem sogenannten "Lowland Scots/Lallans" und mundartlich zum "Broad Scot" verschliffen - rund 10.000 nur im schottischen Englisch geläufige Vokabeln und sind mächtig stolz darauf. Selbst das öffentlich-rechtliche BBC Scotland klingt nicht nach Queen's English.

Gälisch ist zweite Amtssprache

Die Zugehörigkeit zur EU hat andere Unterschiede zu England eher noch verschärft. Viele Straßenschilder weisen heute (anders als noch Anfang der 90er) zweisprachig darauf hin, dass Gälisch zweite Amtssprache ist. Es gibt allerdings kaum Muttersprachler. Die Gälischkenntnisse der allermeisten Schotten sind ziemlich mager, die Überweisungen der EU für unterentwickelte Regionen hingegen nicht.

Das von Deutschland nur etwas mehr als eine Flugstunde entfernte (traditionell eher arme) Schottland hütet einen reichen Schatz an Geschichten und Geschichte: Ob Reisen zu den Wiegen des Golfsports, die nicht enden wollende Suche nach den besten Whisky-Destillen oder ausgedehnte Trips durch die Highlands - viele der von Nebel, Wind sowie knietiefem Torf bestens beschützten Attraktionen des Landes eignen sich erstaunlich gut fürs erzählerische Nachbrennen im örtlichen Pub oder später am heimischen Kamin. Schottland ist dann einfach eine Welt für sich.

Auch deutschen Wanderern und Bergsteigern wird dies rasch bewusst. Die Beschilderung der Wanderwege ist sparsam. Die Schotten hegen die Überzeugung, dass die Benutzung von Karte & Kompass charakterbildenden Einfluss haben kann. Mehr als nur ein Schuss Selbstverantwortung gehört Outdoor, also außerhalb der zentralbeheizten Räume, dieser schottischen Auffassung zufolge zum Leben und Überleben in unverbauten Naturräumen dazu.

Wechselnde Lichtstimmungen

Auch die als "Berghütte" nur unzureichend übersetzte "Bothy" sollte im mitteleuropäischen Sprachgebrauch eher als Notunterkunft verstanden werden. Diese sind zum Überleben, Erzählen und Leben gedacht, nicht zur Selbstverwirklichung von Alpenvereinsfunktionären. Der andernorts gern gepflegte Unterschied zwischen Wanderern, Bergsteigern und Kletterern nivelliert sich hier. Es gilt nicht einmal als elitär zu klettern, viele haben es probiert. Manche sammeln Gipfel, andere genießen abgelegene Ziele - es gehört alles zu den Spielen, die die outdoorbegeisterten Schotten eben spielen.

Und bei entsprechendem Wetter geht ohnehin nichts anderes als Wandern. Die britische Klettertradition lässt bereits viel Raum für selbst zu legende Sicherungsmittel - und Schottland ist die wohl härteste Bastion gegen Bohrhaken- Einerlei. Selbst Elbsandsteinklettereien wirken dagegen bereits überbohrt. Beim Eisklettern kommt die stoische Gelassenheit eines Gentlemans zum Tragen. Ob Spindrift-Lawinen im Gully, White-Out am Gipfel oder Winde, in denen sich Seilschaften besser am Gipfelcairn anbinden … Erzählungen von einer schottischen Tour enthalten im Idealfall zurückhaltend formulierte Sätze wie "Wir begannen unseren Abstieg mit 9,81 m/Sekunde …"

Der im Vergleich mit etwa einem Viertel der Fläche und lediglich sechs Prozent der Bevölkerung Deutschlands gesegnete Landstrich weist aber auch für bereits weit gereiste Kenner und Landschaftsenthusiasten außergewöhnliche Glanzlichter auf. Die sich mitunter minütlich veränderten Lichtstimmungen können für Wechselbäder der Gefühle sorgen. Frust über lausige Sicht ebenso inklusive wie fassungsloses Staunen, wenn sich das zunächst Verborgene dann doch noch offenbart.

Auch Freunde großer Zahlen müssen woanders hin. Das nominell nur mit Mittelgebirgshöhen aufwartende Wander- und Kletterparadies am nordwestlichen Rand Europas bietet dennoch Weltklasse-Reviere fürs Eisklettern, Bergsteigen und Mehrtageswandern. Man muss es halt nur machen.

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