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Immer mit der Ruhe

Wochenlang reiten, keine Städte, wenige Orte, kaum Straßen. Natur pur. 1500 Kilometer lang ist der Ritt vom Havelland nach Masuren auf den Spuren der Gräfin Dönhoff. Wir sind ein Stück mitgeritten.

Von Eva Lehnen

Der Morgennebel liegt schwer über dem Boden, schweigend, noch nass vom Regen der Nacht steht der Wald vor uns, saftig-grün, uralt. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages brechen sich ihren Weg durch das Geäst. Der Geruch von Moos, Kiefern steigt in unsere Nasen. Bis auf das Schnauben der Pferde und deren Trittgeräusche auf dem sandigen Boden: Stille.

Ein Gammelurlaub ist es nicht, den wir hier im Norden Polens verbringen: Wie jeden Morgen sind wir um 7.30 Uhr aufgestanden, haben uns zu einem schnellen Frühstück getroffen und sind dann mit dem Halfter in der Hand raus auf die Weide, Pferde einfangen, striegeln, Hufeisen kontrollieren, satteln und aufsitzen.

Sabine Zuckmantel, die den insgesamt achtwöchigen, spätsommerlichen Wanderritt organisiert hat - vom brandenburgischen Havelland aus etwa 1500 Kilometer gen Osten bis nach Masuren - , schreitet mit ihrer Stute Gonda an der Spitze unserer Reitertruppe. Über ihrer dunkelgrünen Wachsjacke trägt die 43-Jährige einen Kompass, die Landkarte hat sie in einer Plastikhülle am Sattelknauf befestigt. Neben ihr läuft Jagdhund Oskar und steckt seine Nase in die Luft. "Das kann noch nicht lange her sein, dass hier eine Rotte Sauen den Weg gekreuzt hat", erklärt Hobbyjägerin Zuckmantel und weist auf die Wildschweinfährten, die sich in den Waldboden gedrückt haben.

Einige reiten, um sich zu erinnern, andere, um zu entdecken

Am besten von uns allen - optisch gesehen - macht sich Alexander, mit 72 Jahren der Gruppenälteste. Mit seinem Cowboyhut, dem weißen Haar darunter, dem blauen Hemd und seiner Lederweste könnte er auf seiner kräftigen Stute Alisha auch gut im Kinoabspann in den Sonnenuntergang reiten. Martina, 48, Geschichtsprofessorin, hält sich mit beneidenswert eleganter Haltung auf dem jungen Wallach Oued, und Steffi, 28, hat vor lauter Freude, dass sie ihr Jugend-Hobby wiederentdeckt hat, ganz rote Wangen. Alexander reitet sein eigenes Tier, alle anderen sitzen auf Zuckmantels Pferden. Auf zähen, trittsicheren Araber-Berbern, die sich trotz ihrer Zuverlässigkeit einen eigenen Kopf bewahrt haben. "Natürlich ist es umso besser, wenn jemand schon mal auf einem Pferd gesessen hat, bevor er bei uns mitreitet, aber ich habe auch schon Anfänger mitgenommen. Man muss sie nur auf das richtige Tier setzen. Und manche der Pferde sind wirklich Lebensversicherungen. Nur durch den Muskelkater muss jeder selbst durch", sagt Zuckmantel.

Schweigend reiten wir hintereinander her. Es ist eine schöne Stille, die sich zwischen uns Städtern aus Berlin, Hamburg, Bielefeld und Süddeutschland ausbreitet. Als wollten wir die Natur ja nicht stören, als wäre zu viel Geplapper Umweltverschmutzung. Auch uns gegenseitig lassen wir in Ruhe.

Erst als wir an einer Lichtung rasten, kommen wir ins Reden. "Wenn ich reite, kann ich viel besser entspannen, als wenn ich am Strand liege", sagt Steffi. Neben ihr sitzt Martina und beschreibt ihre Empfindungen: "Man konzentriert sich auf sein Pferd und auf den Weg. Für andere Gedanken, den Alltag, bleibt da gar kein Platz. Das ist das Erholsame." Außer Alexander, der die kompletten zwei Monate mitreiten will, haben wir alle Teilstücke gebucht. Auch das ist möglich: eine Woche, zwei Wochen zu Pferde - je nach Laune, freier Zeit und Sitzfleisch.

Auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff

"A table", ruft Zuckmantel, als wir die Pferde mit Hafer versorgt und an Bäumen angebunden haben. Auf dem Tisch türmen sich Piroggen, herzhafte Teigküchlein mit Sauerkraut und Pilzen gefüllt, daneben steht eine Schüssel voller Bigos, polnischem Krauttopf, und ein Topf mit selbst gemachtem Griebenschmalz und Brot. Dazu reicht Blanka Wasser und auch ein Gläschen Rotwein für jeden. Sie ist unsere Trossfahrerin. Mit Jeep und Pferdehänger und unserem Gepäck fährt sie den Reitern voraus und kümmert sich ganz hervorragend um unsere Verpflegung.

Was abends beim Essen übrig bleibt - und das ist jedes Mal viel, unsere polnischen Gastgeber meinen es allzu gut -, packt Blanka ein und zaubert uns mittags ein herrliches Picknick daraus. Auf Klappstühlen sitzen wir um die improvisierte Tafel, schmausen und sehen den Rehen zu, die sich ein paar Hundert Meter weiter aus dem Birkenwäldchen wagen und mit schnellen Sprüngen das Weite suchen, als sie uns entdecken.

Vor drei Jahren hat Zuckmantel ihren ersten Polenritt organisiert. Die Idee: auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff zu reiten. Im Winter 1945 war diese mit ihrem Trakehner Alarich auf der Flucht vor Stalins Soldaten von Ostpreußen aus nach Westfalen geritten. Die Großnichte der mittlerweile verstorbenen Gräfin hat Sabine Zuckmantel geholfen, die Fluchtroute von damals zu rekonstruieren. Wir reiten in umgekehrte Richtung. "Die Flucht eins zu eins nachzustellen wäre geschmacklos", sagt Zuckmantel. Aber der Ritt von West nach Ost habe symbolische Wirkung: "Grenzen, die keine mehr sind - auf den Spuren der roten Gräfin", hat Zuckmantel ihren Ritt übertitelt.

Einige, die sich zum Ritt anmelden, haben Familienbiografien, die von Flucht und Vertreibung geprägt sind, und reiten aus geschichtlichem Interesse, andere wollen einfach nur das Nachbarland Polen entdecken - und einmal anders reisen als zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Auto. "Wo sonst, bitte schön, kann man in Europa noch tagelang unterwegs sein, ohne ständig Straßen überqueren zu müssen?", fragt Zuckmantel.

Unterkünfte

In dieser Woche reiten wir durch die Kaschubei, einen dünn besiedelten Landstrich südwestlich von Danzig. Ein sanft gewelltes Auenland, mit märchenhaften Wäldern und glasklaren Seen, über denen Adler kreisen.

Zur Vorbereitung des Ritts ist Zuckmantel, eine ehemalige Sales-Managerin, die der Büroalltag irgendwann nicht mehr reizte, mit einer Übersetzerin die Route abgefahren, um die besten Wege auszumachen, Quartier für die Pferde und Betten für die Reiter zu organisieren. Mal schlafen wir in schicken Unterkünften, auf Schlössern, die so vornehm sind, dass einem die matschigen Reitstiefel ganz unangenehm sind, wenn man dort durch die Hallen schreitet. Mal übernachten wir auf alten Gutshöfen, mal kehren wir in ganz einfachen Herbergen ein.

Oder bei Privatleuten. Einmal, in Barcino, verteilt uns Zuckmantel auf die Wohnzimmersofas der Einheimischen. Denn in der Kaschubei ist man nicht allerorts auf touristischen Besuch eingestellt.

Am Anfang fühlt es sich seltsam an, bei völlig Fremden in der Küche zu sitzen. Im Ofen bollern die Kohlen, oben auf dem Herd zischt der Wasserkessel. Kasimir schenkt uns Tee ein, während seine Frau die Betten bezieht. Am nächsten Morgen werden wir mit einem Frühstück inklusive Ei und selbst gemachter Marmelade bewirtet. Als wir wenig später gesattelt haben, steht Kasimir noch lange an der Tür und winkt uns hinterher.

In der Satteltasche: ein Buch mit Erinnerungen von Marion Gräfin Dönhoff

20 bis 30 Kilometer reiten wir pro Tag, die meiste Zeit im Schritt, ab und zu im Trab, erst wenn Sabine vorn ihren Arm hebt, drücken wir die Schenkel fest gegen die Pferdeleiber, stellen uns im Sattel auf und galoppieren los. Die Sprünge der Pferde sind raumgreifend und weich. Wir jagen vorbei an Eichen, die sicher schon mehr als ein Jahrhundert erlebt haben, durchqueren Hohlwege, biegen ab auf Stoppelfelder. Jagen durch die Natur, bis die Pferde dampfen. Und immer mit dabei in der Satteltasche: das Buch mit den Erinnerungen von Marion Gräfin Dönhoff.

An einem Mittag, als wir in Varzin (heute Warcino) rasten, in einem kleinen Unterstand gleich neben dem Landsitz des ehemaligen Reichskanzlers Otto von Bismarck, schlägt Zuckmantel die Erinnerungen der alten Dame auf. Denn hier trägt sich eine der "Schlüsselszenen ihres Lebens" zu, wie Dönhoff-Biografin Alice Schwarzer einmal beschrieben hat: Als die Gräfin irgendwann im Februar 1945 durchgefroren das Bismarcksche Schloss erreichte, öffnete ihr dessen Schwiegertochter, Sibylle von Bismarck, die Tür. Eine alte Dame von 80 Jahren, die nicht zu bewegen war, Varzin zu verlassen, obwohl die Sowjetarmee immer näher rückte. Auch die 35-jährige Dönhoff weiß damals nicht, ob sie überhaupt noch weiterreiten, weiterleben will, entscheidet sich dann aber doch dafür.

Über ihre Begegnung mit Sibylle von Bismarck schreibt Dönhoff: "Sie war sich ganz klar darüber, dass sie den Einmarsch der Russen nicht überleben würde. Sie wollte ihn auch nicht erleben, und darum hatte sie im Park ein Grab ausheben lassen. Sie wollte in Varzin bleiben und sich bis zum letzten Moment an der Heimat freuen. Und das tat sie mit großer Grandezza […] Der alte Diener, der auch nicht wegwollte, servierte bei Tisch. Es gab einen herrlichen Rotwein nach dem anderen - Jahrgänge, von denen man sonst nur in Ehrfurcht träumt. Mit keinem Wort wurde das, was draußen geschah und was noch bevorstand, erwähnt. Sie erzählte lebhaft und nuanciert von alten Zeiten, […] Als ich dann schließlich Abschied nahm und wir weiterritten, sah ich mich auf halbem Wege zum Gartentor noch einmal um. Sie stand gedankenverloren in der Haustür und winkte noch einmal mit einem sehr kleinen Taschentuch. Ich glaube, sie lächelte sogar - genau konnte ich es nicht sehen."

Wenige Tage später nehmen die Sowjets den Landsitz ein, die alte Bismarck schluckt Zyankali, ihren Leichnam werfen die Soldaten in den Wald.

Zuckmantel schlägt das Buch zu. Wir spazieren einmal um das Schloss, in dem heute eine Forstschule untergebracht ist, dann müssen wir weiter. Wir sitzen auf und reiten weiter ostwärts. Hintereinander, schweigend. Denn so sehr wir uns auf die Tiere und den Weg konzentrieren, ein Gedanke will nicht aus dem Kopf weichen. Gräfin Dönhoff hat nach ihrer Flucht niemals wieder ein Pferd bestiegen. Und wir können gar nicht genug kriegen vom Reiten. Etwa über 60 Jahre später, an gleicher Stelle.

Der Dönhoff-Ritt

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