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23. November 2009, 13:33 Uhr

Von der Piste in die Therme

Im östlichsten Kanton der Schweiz lassen sich Skifahren und Wellness bestens kombinieren. Und altes Gemäuer bietet neue Konzepte für heißkalte Wintervergnügen. Graubündens Ruf verpflichtet, denn schließlich wurde hier der Wintertourismus erfunden. Von Ludwig Moos

Zoom
Graubü,nden. Flims-Laax, Scuol, Therme Vals

Nach der Abfahrt zum Wellness-Tempel: Spa im Schnee im Waldhaus Flims© Ludwig Moos

Den Anfang machte, vor rund 150 Jahren, der legendäre Hotelier Johannes Badrutt in St. Moritz. Mit einer Wette lockte er einige seiner englischen Sommergäste, die Reise in den Winter zu wagen. Ihre Begeisterung über Sonne und Schnee brach den Bann, der zivilisierte Menschen bis dahin in der kalten Jahreszeit von den Bergen ferngehalten hatte.

Mit den Engländern kam vor rund 150 Jahren die Lust am sportlichen Tun. Was beschaulich begann, mit Schlittenpartien und dem behutsamen Gleiten auf Holzlatten, hat sich längst zu einem weit gefächerten Angebot für jedes Alter und Talent ausgewachsen. Jede Saison kommen neue Künste hinzu, und die alte Tradition im Verwöhnen der Besucher lebt in frischen Konzepten für Unterkunft und Entspannung fort. Ob an dicht bevölkerten Schauplätzen wie Flims-Laax oder an verschwiegeneren Orten wie Scuol oder Vals.

Wenn man ihn fragt, ob er nach all den Jahren die Fahrt auf den immer gleichen Strecken nicht langweilig fände, lächelt er nur. Seit einem Vierteljahrhundert ist Hermann Hess nun bei der Rhätischen Bahn, auf der Lok wie schon sein Vater. Bereut hat er es nie, zu reizvoll sind die Landschaften, zu abwechslungsreich die Panoramen und Biotope im Wandel der Jahreszeiten.

Graubündens regionale Bahngesellschaft hatte gewaltige Herausforderungen zu meistern, als sie vor rund hundert Jahren daran ging, Edel-Destinationen wie Davos oder St. Moritz auf schmaler Spur mit Chur zu verbinden. Ihr technisches Bravourstück lieferte sie mit Kaskaden von Tunnels, Kehren und Viadukten auf der Linie Albula und Bernina. Dieses einzigartige Zusammenspiel von Natur und Technik hat die Unesco 2008 zum Weltkulturerbe geadelt - für Lokführer Hess ein schöner Beleg, wie Recht er hat, seine Schienenwege durch Graubündens Berge zu lieben.

Auf der Sonnenseite der Silvretta

Gleich hinter dem Albula-Tunnel, kurz vor der touristischen Sonderzone St. Moritz, zweigt die Bahnlinie ins Unterengadin ab. Im östlichsten Zipfel Graubündens haben die stilleren Varianten der Winterfreuden wunderbar Platz. An den Hängen des Silvrettagebirges über Scuol sind die Boarder und Carver eher familiär entspannt unterwegs. Als Highlight gilt die Abfahrt nach Sent mit zehn Kilometern sanfter Schwünge.

In Sent haben sie einen Heidifilm gedreht, die Gassen, Brunnen und Höfe sind einfach zu malerisch. Vor allem die alten Häuser, oft noch aus dem 17. Jahrhundert, beschwören mit ihren dicken bauchigen Mauern und den Fassaden voller Kratzputzkunst andere Zeiten. Wie Sent haben viele Dörfer zwischen Lavin und Tschlin ihr typisches Ortsbild bewahrt, lange dank der abseitigen Lage, inzwischen durch bewusste Pflege.

Auf präparierten Winterwegen sind alle Orte zu erwandern. Diese Mühe lohnt am meisten auf der Strecke von Guarda über Ardez, Ftan und Scuol bis nach Sent. Auf der Sonnenseite der Silvretta vor der Gipfelpracht der Engadiner Dolomiten, weit über dem Tal, in das der Inn sich tief eingegraben hat, ist das Knirschen des Schnees oft lange das einzige Geräusch.

Wie der Tag draußen auch immer verlaufen ist, im Bogn Engadiana Scuol endet er gut. Die Bäderwelt in gefälligem Design, samt dem ersten Römisch-Irischen Bad auf Schweizer Boden, füllt ihre Becken mit mineralischen Wassern und heizt sie mit Energie aus Erdwärme. Das Genussbaden erneuert zeitgemäß die Attraktion, die Scuol-Tarasp mit seinen Trinkkuren aus über zwanzig Heilquellen einst hatte.

Aus dem Dorf Vnà wird ein Hotel

Vierzig Scheunen gibt es hier, aber nur fünf werden noch landwirtschaftlich genutzt. Vnà, eine halbe Busstunde von Scuol entfernt, liegt idyllisch auf einer Sonnenterasse fünfhundert Meter über dem Inn, aber es war ein sterbendes Dorf. Bis die Engadiner Unternehmerin Urezza Famos auf ein neues Konzept kam und in dem aus Basel zugezogenen Bildhauer und Baumeister Christof Rösch einen Mitstreiter fand. Das lange aufgegebene Gasthaus, die Usteria Piz Tschütta, sollte zum Herzstück einer eigenen Dorfkultur werden.

Seit Sommer 2008 sind Hotel und Restaurant in der aufwändig umgebauten Usteria eine viel besuchte Attraktion. Mit seinem Baseler Kollegen Rolf Furrer hat Christof Rösch dem dreihundert Jahre alten Haus ohne älplerische Imitate, mit behutsamer Hand für das Alte und dem Mut zur Moderne, eine starke Identität gegeben. Auf abgeschliffenen Dielen fasst kantiger Stahl den Raum für Bar und Empfang. Bruchsteinmauern betonen den bauhistorischen Kern. Zwischen zwei klassischen Stuben ist als weißes Vieleck ein offenes Kaminzimmer abgesenkt, dem Brandschutz zuliebe mit einem Fußboden aus dunklem Stahlblech. In der ehemaligen Scheune stapeln sich die Zimmer in Boxen übereinander, verbunden durch Stege und gassenartige Durchgänge. Glaswände schaffen Durchblicke auf die durchbrochenen Muster der hölzernen Außenverkleidung, die in unveränderter Form die Luft passieren lässt und das Licht filtert.

Ermöglicht hat diesen Neuanfang ein komplexes Gebilde aus Stiftung und AG, das die Dorfbewohner mit einbezieht. Über das Hotel können weitere Unterkünfte bei Privatleuten gemietet werden. Die Ansässigen sollen ermutigt werden, Räume für Gäste auszubauen, vielleicht sogar in einigen Scheunen nach dem Vorbild der Piz Tschütta.

Luxus vor der Flimser Wand

Die Weisse Arena von Flims, Laax und Falera ist ein Großunternehmen. Eine mächtige Maschinerie, die jeden Winter eine Million Schneesportler über zweihundert Kilometer Pisten, Halfpipes und Funparks treibt. Jung und dynamisch ist das Image, dazu passen die neuen Unterkünfte an der Talstation von Laax wie der trendige Riders Palace, ein Designhotel mit Mehrstockbetten, oder die markanten Würfel des Rocksresort aus felsigem Stein, mit Apartments zu Quadratmeterpreisen wie in der Hamburger Hafencity, aber günstig zu mieten.

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