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Der Berg ruht

Skifahren geht auch ohne Rummel: Im norwegischen Trysil erleben Besucher die Herrlichkeit langer Abfahrten auf 67 Pisten durch einsame Wälder. Erholung in gediegener Schlichtheit.

Eine von 67 Pisten im Skigebiet Trysil

Freie Bahn: Auf den breiten Pisten rund um den Trysilfjellet lässt sich wunderbar gleiten.

Über Jazzmusiker heißt es, ihre Meisterschaft liege in den Tönen, die sie nicht spielen. Große Musiker wissen, was ein Song braucht und was nur Füllstoff ist, der ihre Melodiebögen beschwert.

Trysil ist von Planern entworfen worden, die beim Zeichnen viel wunderbaren Jazz gehört haben müssen. Das Wintersportrevier im Osten Norwegens hat ein paar richtig gute Skipisten, ansonsten wurde hier, an der Grenze zu Schweden, kunstvoll Leerstelle an Leerstelle gereiht.

Dieser kleine, verschneite Ort verzichtet auf alles, was einem das Skifahren in den Alpen von Ischgl bis Sölden verleiden kann: die Après-Ski-Bars mit Gröl-Hits wie "Die Hände zum Himmel", Saufen ab morgens um zehn, Feigling-Flaschen beziehungsweise Baileys stets in der Kehle, Kegelklubs in unheimlich lustigen Kostümen – vom Superman-Dress bis zum Teddybärenfell.

Rund um Trysil stattdessen: beschauliches Skifahren, bescheiden, still, meditativ. In schöner Natur. Das Profil der Berge wirkt, als habe sich Buddha mit seinem dicken Bauch rücklings in den Schnee gelegt. In Wellen ziehen sich die runden Hügel bis zum Horizont. Keine Schluchten, keine kühnen Gipfel. Nur gezähmtes Mittelgebirge.

Jede Abfahrt ist ein Schweben

In Trysil muss man das Gleiten lieben. Auf der östlichen Seite des 1132 Meter hohen Trysilfjellet führen vier herrliche Abfahrten durch den Kiefernwald. Wer Carving-Ski untergeschnallt hat, kann hier lange Bögen in den Schnee malen und die Pisten in ihrer vollen Breite nutzen, ohne irgendjemanden in Gefahr zu bringen. Die Strecken sind meist leer; das große Oslo liegt drei Autostunden entfernt, nur während der skandinavischen Winterferien im Februar bilden sich gelegentlich Warteschlangen an den Liften.

Dick eingepackte Winterurlauber im Huskyschlitten

Lauffreudige Meute: Huskyschlitten ziehen Gäste durch die Wälder.

Skifahren in Trysil bedeutet: viel Zeit auf den Brettern. Jede Abfahrt ist ein Schweben, und selbst angeblich schwierige schwarze Pisten sind leicht zu nehmen. Doch auch zarte Schwünge schlauchen, wenn sie kein Ende nehmen. Und so sehnt man sich regelmäßig nach Erholung in einer netten Hütte und freut sich, wenn man das "Knettsetra" am Pistenrand entdeckt – eine kleine Siedlung mit Restaurant, Bar und Café. Schneebedeckte Dächer, in den Häuschen knisternde Kamine, davor spielende Kinder in Filzpantoffeln und Wollpullovern mit Rentiermotiven. Ein norwegisches Puderzucker-Idyll, in dem man gern Gast ist für ein Stündchen. Und neue Energie lädt mit selbst gemachten Waffeln samt Vanillesauce und Marmelade.

Feiern nach Stundenplan

Wer es rauer mag, macht im "Laaven 1790" Station, am Fuß der Lifte Sindretrekket und Knetta. Mittags gibt es zünftige Hausmannskost, zum Beispiel hausgemachte Elchwürste mit Kartoffeln. Ab 15 Uhr wird Après-Ski gefeiert – auf norwegische Art, in kontrollierter Ekstase. Auf den Tischen zu tanzen ist zwar erlaubt, allerdings nur auf jenen, die mit Metallstreben verstärkt sind. Es läuft Rockmusik, viele Klassiker, Springsteen und die Stones. Die Gäste beginnen mit einem kollektiven Wippen auf den Spitzen ihrer Skischuhe. Später, wenn die Sonne untergeht gegen fünf, sechs Uhr, wird es wilder. Dann singen die Leute und hüpfen, dass die alten Holzbohlen beben.

Zu den Feiern im "Laaven" haben nur Erwachsene Zutritt, nach vier Stunden ist Schluss. Immer. Um 19 Uhr muss das letzte Bier getrunken sein. Feiern nach Stundenplan, das klappt hier bestens. Die Flügeltür wird geöffnet wie die Kirchenpforte nach einem Gottesdienst, und die Tanzgemeinde geht still nach Hause. Der Raum wird einmal durchgefegt, das Grillbüfett für die Abendgäste hergerichtet – und nach einer halben Stunde hat sich die Hütte wieder zum gemütlichen Speiseraum gewandelt.

Skiort mit langer Tradition

Wer nach Trysil kommt, will wenig feiern und viel Ski fahren, das ist schon seit dem 19. Jahrhundert so. 1855 fand in Trysil das erste offizielle Skirennen der Welt statt, 1861 gründete sich hier der erste Skiklub der Welt. Die Bedingungen für Wintersport sind ideal: Die Saison erstreckt sich von November bis Ende April, das gesamte Gebiet ist zuverlässig mit Schnee bedeckt.

  Wärmestube: Im „Laaven 1790“ wird noch mit Holz geheizt.

Wärmestube: Im „Laaven 1790“ wird noch mit Holz geheizt.

Im Skimuseum wird die Geschichte des sportlichen Dorfs mit alten Exponaten nacherzählt. Da sind etwa die handgeschnitzten Langlaufski, mit denen die Bauern sich Wege von ihren Höfen hinunter zum Marktplatz bahnten. Und da sind einige der vielen Medaillen ausgestellt, die die Töchter und Söhne Trysils bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gewannen.

Der Ort führt zwei Skistöcke im Wappen

Die Skier gehören zum Wesenskern dieser Gemeinde mit ihren 6500 Seelen. Auch die heute weltberühmten Skidörfer in den Alpen wurden einst bekannt durch ihre grandiosen Pisten – längst aber haben sie sich entkoppelt vom Sport. Es sind Orte des Glamours geworden, Partybühnen für Prominente und solche, die es glauben zu sein. Kitzbühel wäre auch ohne eine einzige Schneeflocke im Winter gut gebucht.


Trysil dagegen – ist nichts ohne Schnee. Braucht den Sport. Hat 67 Pisten und 31 Lifte. Hat nicht eine einzige spektakuläre Kneipe, die die Nacht zum Tage macht. Lebt davon, dass seine Dorfbewohner im Herzen Gallier sind, die sich nicht verbiegen, wenige Moden mitmachen und seit mehr als 150 Jahren ein feines Gespür dafür besitzen, wo man Leerstellen setzen sollte.

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