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Auf Skiern bis zum Meer hinab im Pulverschnee

Skilifte, Gondeln, Seilbahnen? Gibt es nicht. In den Lyngenalpen im Norden Norwegens gehen Wintersportler aus eigener Kraft den Berg hinauf, bevor sie auf unberührten Flanken wieder hinabfahren – bis ans Nordmeer.

Von Joachim Rienhardt

Skilaufen in Nordnorwegen

Laufen lassen: Die Fahrt durch den Tiefschnee am Blåtinden belohnt für die Strapazen des Aufstiegs.

Die Skitour beginnt mit einem Spaziergang hinüber zum Fähranleger des nördlichsten Handelspostens von Norwegen. Im kleinen Hafen dümpeln drei Fischkutter. Möwen steigen kreischend zum Morgengruß empor. Die schwache Brise trägt das Rauschen der anbrandenden Wellen herüber und auch die faulige Würze von Stockfisch. Der hängt zu Hunderten zum Trocknen auf sechs Meter hohen Gestellen hinter den weiß gestrichenen Holzhäuschen von Havnnes Handelssted, die Mäuler weit aufgerissen.

"Willkommen. Hier leben Menschen seit über 6000 Jahren", steht auf einem Banner des 34-Einwohner-Ortes, 69 Grad nördlicher Breite, mehr als 300 Kilometer oberhalb des Polarkreises, nur eine Tagesreise vom Nordkap entfernt. Ein Außenposten der Zivilisation mit Fischfabrik, Post- und Telegrafenstation, Tankstelle, Mini-Bank und Krämerladen. Und der Ortsvorsteherin Hege Bergfald, die pünktlich zur 8.20-Uhr-Fähre in ihrem gelben, mit Rostbeulen gesprenkeltem Mercedes-Bus zum Anleger hinüberrumpelt. Die Ski ihrer Gäste klappern im Laderaum.

Skilaufen im Banne des Nordlichts

Wenn in den Alpentälern noch das Laub fällt oder bereits die ersten Schneeglöckchen blühen, herrscht hier Hochsaison für Tourengeher. "Es ist der ideale Ort, um die Saison zu verlängern", sagt Bergführer Flory Kern, der nun mit seinem Kollegen Mathe Knaus und 15 Gästen in Skischuhen an Deck der 1300-PS-Fähre holpert. Der Kapitän lässt die Inselpost entladen. Dann bläst er die Sirene zum Ablegen. Mit zehn Knoten geht es Richtung Norden.

Vergangene Nacht erst hat das Nordlicht für ein Schauspiel am Himmel gesorgt. Die herabstürzenden Partikel des Sonnensturms tanzten wie wild in einem grünen Schweif. Jetzt bringt die Sonne das Meer zum Glitzern. Die schneebedeckten Gipfel der Lyngenalpen spiegeln sich darin. Sie liegen in der Provinz Troms, im Westen grenzen sie an den Ullsfjord und im Osten an den Lyngenfjord. Schroff und steil erhebt sich das Gebirge aus dem Nordmeer, der höchste Gipfel 1834 Meter hoch.

Skilaufen in Nordnorwegen

Mit Steigfellen unter den Tourenski geht es aus eigener Kraft bergauf 

Die Gewässer hier sind die fischreichsten Norwegens, die Berge ein Leckerbissen für Ski-Gourmets. Alles ist geboten: weite, vergletscherte Flanken, steile Rinnen und verschneite Mulden, in denen man durch den Tiefschnee nahezu schwerelos bis ans Meer hinunterschweben kann. Vorausgesetzt, man ist bereit, auf Tourenski aus eigener Kraft den Berg hinaufzusteigen. Lifte? Gibt es weit und breit nicht.

Im Meer blinken Fischerboote in der Sonne

Kern lässt gleich am Fähranleger des Weilers Uløyabukt Steigfelle unter die Ski spannen und anschnallen. Zehn Menschen leben hier in sechs Häusern. Ein perfekter Ausgangspunkt für die Überschreitung der Insel Uløya. Bis weit in den Mai hinein liegt der Schnee meist sogar noch auf Meereshöhe. Rein klimatisch herrschen Bedingungen wie in Alpenorten auf 1800 Höhenmetern. Schon 200 Meter über Meer ist die Baumgrenze erreicht.

Kern und Knaus führen die Gruppe über zunächst flach ansteigendes Gelände zwischen Latschen, moosbewachsenen Felsen und kleinwüchsigen Birken nach oben. Acht Mitglieder des Alpenvereins, Sektion Schwarzwald, sind dabei und sechs Lufthansa-Piloten, alles geübte Skifahrer. Zuvorderst Copilot Andreas Schauer aus Lenggries, früher Nationalmannschaft Alpin, Olympiateilnehmer im Ski Cross. Der 30-Jährige fährt noch immer gern steil. "Aber Wettkampf ist vorbei", sagt er nach wenigen Hundert Höhenmetern. Er blickt über eine Fabelwelt von Schneebergen, die aus dem Wasser ragen.

"Es geht darum, draußen zu sein. Um die Bewegung. Um die Natur." Im Meer blinken Fischerboote in der Sonne. "Es gibt weltweit keinen vergleichbaren Ort", sagt Luca Gasparini, 64-jähriger Bergführer aus Livigno, der abends mit seinem umgebauten Fischerboot am Hafen von Havnnes festgemacht hat. "Für mich ist es hier wie bei Mona Lisa im Louvre. Ich kann mich nicht sattsehen." Der kleine, knorrige Mann war der Erste, der die Lyngenalpen auf Ski erkundete, von Bord eines ausgedienten Robbenjäger-Schiffs aus.

Per Fischerboot in die Berge

"Die Norweger fragten uns damals, ob wir verrückt seien, als wir die Berge herunterkamen", sagt Gasparini. Er schwärmt vom Lichtspiel. Von den Stürmen. Von den Delfinen, die neben seinem Boot herschwimmen. Und vom Schnee, der während einer Abfahrt vom Bruchharsch zu Pulver, von Eisplatten zum Firn wechseln kann. Gasparini führte bald schon den norwegischen Kronprinz Haakon in die Geheimnisse dieser Insel-Bergwelt ein. Der blieb davon gefangen, wie so viele.

Skilaufen in Nordnorwegen

Eine Fähre bringt Tourengeher von Havnnes Handelssted auf Uløya 


Auch im vergangenen Winter war er wieder da. An Bord der "Vulkana", eines zum Luxusdampfer umgebauten Fischerbootes. Jetzt sind gerade zehn Gäste aus der Schweiz mit dem 22-Meter-Kahn unterwegs. Dazu zwei Führer, ein Skipper, ein Koch. 30.000 Euro kostet die Woche für alle zehn. Die "Vulkana" ist trotzdem die ganze Saison ausgebucht.

Abfahrt zum Leuchtturm

"Die Italiener haben hier eine Revolution ausgelöst", sagt Espen Nordahl, 56, Ski- Enthusiast und Lawinenexperte bei der Universität in der Provinzhauptstadt Tromsø, etwa drei Fahrstunden westlich der Lyngenalpen. Einst war Tromsø Ausgangspunkt der Polarexpeditionen. Heute ist die pulsierende Universitätsstadt ideales Portal für alpinistische Entdeckungen; bereits 15 Autominuten außerhalb beginnt bestes Tourengelände.

Kaum einer kennt sich in den Lyngenalpen besser aus als Nordahl. Er hat einen Führer über sie geschrieben. Gerade hat er das Gebirge in zehntägiger Expedition mit Zelt im Rucksack durchquert. Nordahl findet hier noch im August Pulver in schattigen Rinnen. Und die unendliche Ruhe, die er in der Hochsaison mittlerweile vermisst. Viele wollen die Lyngenalpen auf ihrer Liste abhaken. Immer häufiger tummeln sich Skifahrer auch auf einer der zahlreichen Inseln rundherum.

Bergführer Flory Kern erkundet das Gebirge seit mehr als zwölf Jahren. Manchmal steht er auf Gipfeln, auf denen vor ihm noch keine Menschenseele war, wie anderntags auf der Insel Arnøya. Im Sommer treiben die Samen ihre Elche zum Weiden dorthin. Adler kreisen um die Gipfel. Man kann hinübersehen zu einem Gletscher auf dem Festland, der fast bis ins Meer ragt. Als Zielpunkt für die Abfahrt durch hochalpines Gelände dient ein Leuchtturm.

In Vier Stunden zum Gipfel

Heute steckt Kern mit seiner Gruppe schon nach einer Stunde im steilen, felsigen Aufstieg zum Blåtinden. Über eine Flanke geht es nach oben. Ski auf dem Rucksack, Stöcke fest in der Hand, der Blick auf das Nordmeer. Oder auf die Berge, auf die gegenüberliegende Insel. Durch manche Rinne dort ist Kern schon mit Norwegens Ski-Held Lasse Kjus geschossen, immer auf der Suche nach neuen Varianten und unbekanntem Terrain.

Skilaufen in Nordnorwegen

Nach der Abfahrt gehen die Skifahrer die letzten Meter zur Hütte am Strand entlang

Vier Stunden dauert der Aufstieg zum Gipfel, 1142 Meter über Normalnull. Die Aussicht ist einzigartig, ebenso die Abfahrt hinunter zum Meer. Der Berg hält unverspurtes, wechselhaftes Gelände bereit. Am Anfang etwas ruppige, vom Wind verblasene Wellen. Aber dann folgt die Belohnung für die Mühen. Eine breite Flanke öffnet sich hin zum Fjord, der in der Sonne glitzert. Nicht steil, vielleicht 35 Grad. Aber bedeckt mit feinstem Pulver, gehüllt in paradiesische Ruhe.

Die letzten Meter führen zwischen Büschen, Flechten und Birken hindurch. Naturslalom. Abgeschnallt wird am Strand. Drei aus der Gruppe ziehen sich aus und springen ins Wasser, das ein Ausläufer des Golfstroms auf fünf Grad erwärmt. Andere suchen Muscheln in ihrer Skimontur. Der Rest hat es sich auf der Terrasse eines verriegelten Ferienhauses gemütlich gemacht. Das Dosenbier hat Bergführer Kern in weiser Voraussicht schon am Vortag hier deponiert.

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Obergurgl-Hochgurgl, Österreich

Platz 10: Obergurgl-Hochgurgl, Österreich

Am oberen Ende des Ötztales ist Schneesicherheit garantiert: Zwischen einer Höhe von 1800 bis 3080 Metern verlaufen die insgesamt 110 Kilometer langen Pisten.

Infos: www.obergurgl.com


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