Mit oder ohne Sonnenschein - die Briten lieben ihre Festivals, nicht nur die großen Veranstaltungen mit den großen Namen. Gerade bei Treffen im kleinen Kreis lassen sich junge Talente entdecken. Und der Umtauschkurs des Britischen Pfunds ist gerade besonders günstig. Von Cornelia Fuchs, London

Beim Glastonbury Festival Ende Juni feiern 175.000 Musikbegeisterte© Matt Cardy/Getty Images
Ohne Gummistiefel gäbe es die große Renaissance der britischen Festivals nicht, die Veranstaltungen wären in den nassen Sommern der vergangenen beiden Jahre baden gegangen. Doch das Wetter hat die Wellington Boots zum obligatorischen britischen Festival-Accessoire gemacht - in olivgrün oder mit Zebrastreifen, im Burberry-Karo oder mit aufgedruckten Bildern von Steinen, Blättern oder Sternchen.
Es gibt Musik-Fanatiker, die diese Stiefel kaum ausziehen zwischen Mai und September in jedem Jahr. Zwar ist Glastonbury, der Klassiker der britischen Musikveranstaltungen, schon seit Anfang Februar ausgebucht. Aber die wahren Kenner quälen sich nicht durch Menschenmassen, sie vermeiden die legendär furchtbaren Toiletten von Glastonbury und die verzweifelte Suche nach dem eigenen Zelt zwischen hunderttausend aufgebauten Unterkünften.
Stattdessen suchen sie sich die kleinen feinen Festivals mit einer besonderen Atmosphäre. "Standon Calling" ist so eine Veranstaltung. Alex Trenchard hat sie aus der Taufe gehoben, und das mehr aus Zufall als aus Geschäftssinn. Vor acht Jahren lud er 30 Leute zu einer Geburtstagsfeier in den Garten des Herrenhauses seiner Familie. Das hatte einen Swimmingpool, und es gab Platz auf den Feldern dahinter. Trenchard bestellte einen DJ, und sie alle kickten ein ganzes Wochenende lang zwischen Tanzeinlagen und Tauchbädern zur Abkühlung mit einer Dose Fußball auf den angrenzenden Wiesen. Es war der Anfang eines neuen Hobbys für Trenchard: Im nächsten Jahr luden seine Freunde selber Freunde ein, und er wurde zum Talentscout für junge Bands, die auf einer kleinen Bühne vor Publikum auftreten wollten.
Heute ist "Standon Calling" ein Geheimtipp der Boutique-Festival-Szene in Großbritannien. An drei Tagen Ende Juli kann man hier Bands hören, die gerade vor dem Durchbruch stehen: Sie spielen schon wie Profis, stehen aber noch mit den Besuchern nach dem Gig unter den drei großen Eichen an der Bar geduldig für ein Glas Bier an. Die Super Furry Animals sind hier schon aufgetreten, und im vergangenen Jahr Glas Vegas.
Trenchard hat ein gutes Gespür dafür, die richtige Atmosphäre zu schaffen zwischen Haus-Party und Gruppen-Ekstase. In einem kleinen Zelt lässt er akustische Gitarren spielen und Gedichte verlesen. Vor der großen Bühne können tausende Besucher tanzen oder sich auf Strohballen fläzen. Es gibt ein Kostüm-Motto, Besucher verkleideten sich für den "Japan"-Tag im vergangenen Jahr als Sumo-Ringer, Wasabi-Erbsen oder Super Marios, japanischer Tee wurde nach traditioneller Zeremonie ausgeschenkt, und es gab Sushi- und Karaoke-Stände. Wer auf Japan trotz aller Anreize keine Lust hatte, für den gab es eine House-Disco, Unterwasser-Musik im Swimmingpool und Wortkünstler aus der Karibik, ganz ohne asiatische Anklänge.
Nichts muss, alles kann - das ist das Motto der kleinen Festivals. Sein eigenes Zelt kann natürlich jeder mitbringen, aber viele Organisatoren denken auch an die älteren Besucher und Familien, die keine Lust mehr auf Isomatten und verdreckte Toiletten haben. "Standon Calling" zum Beispiel bietet zur Miete gemütliche Tipi-Zelte mit Fellbelägen und richtigen Betten und kleine Strandhütten mit iPod-Dock auf dem Nachtisch. In den Toilettenwagen gibt es sogar Lotion für die geplagte Festivalbesucher-Hand. Nur Ohrstöpsel sollte man selber mitbringen, die House-Party geht im zum Tanzsaal umfunktionierten ehemaligen Pferdestall erst so richtig nach Mitternacht los.
Wer Festivals mag, aber genug hat von Pop, Rock, House oder Techno, der sollte sich im Mai an die walisische Grenze nach Hay-on-Wye begeben. Das Dorf ist bekannt für seine große Anzahl von Antiquariaten. Auf dem alten Schloss quellt jedes Zimmer mit Büchern über, jedes zweite Geschäft hat altes Lesematerial zu verkaufen. Es ist kein großer Schritt, diese Bücherstadt einmal im Jahr in den Ort des größten Literaturfestivals in Großbritannien zu verwandeln.
In den Zelten des Hay-Festivals vor der kleinen Stadt treffen sich Autoren, Literaturagenten und Politiker, Leseratten und Bibliophile. Es ist eine Buchmesse ohne Verlagsstände, aber mit Bio-Schokoladen-Verkauf und Kinderbetreuung. Es ist für viele Autoren eine der wenigen Gelegenheiten, ihre Leser einmal persönlich kennen zu lernen.
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